Sicherheitsvorkehrungen wie nie am Landgericht
Ehrenmord-Aufträge, Massenschleusungen, Geldwäsche: Syrer-Clan in Traunstein vor Gericht
Dutzende Polizisten, Spezialkräfte, ein Sprengstoffspürhund: Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen begann am Dienstag (9. September) der Prozess gegen den „Al Sarawi“-Clan am Traunsteiner Landgericht - es geht um beauftragte Ehrenmorde, etliche Millionen Euro oder um Schleusungen, bei denen es Tote gab. Wir waren beim Prozessauftakt dabei.
Traunstein - Eine Verhandlung von dieser Dimension hat das Traunsteiner Landgericht schon lange nicht mehr gesehen. Spätestens jetzt wird klar, warum die Neuauflage des Hanna-Prozesses, die am 29. September startet, nach Laufen verlegt werden musste. Am Dienstag (9. September) begann die Verhandlung gegen vier mutmaßliche Mitglieder des syrischen „Al Sarawi“-Clans. In erster Linie handelt es sich um ein internationales Netzwerk von Großschleusern. Doch die Vorwürfe, die den Männern jetzt in Traunstein gemacht werden, reichen noch viel weiter.
Zwei Frauen starben bei „Fußschleusung“ aus Belarus
Die Angeklagten sollen in den Jahren 2022 bis 2024 mindestens 797 Menschen in den Schengenraum geschleust haben. Meistens Syrer über die Balkanroute nach Deutschland. Laut Staatsanwaltschaft zahlten die Menschen dafür zwischen 4500 und 12.000 Euro. Besonders sticht ein Fall vom 22. April 2023 heraus: eine „Fußschleusung“ von Belarus nach Lettland. Zwei syrische Schwestern (31/39) seien dabei vor Erschöpfung gestorben. Eine in einem lettischen Krankenhaus, die anderen in den Wäldern von Belarus. Der Hauptangeklagte, ein 36-jähriger Syrer der zuletzt in Hannover wohnte, soll die Schleusung organisiert, die Route vorgegeben und mit dem Anführer der Geschleusten Kontakt gehalten haben.
„Ehrverletzung“, „Rache“: Wollte Angeklagter Morde in Auftrag geben?
Der Hauptangeklagte soll aber auch Morde in Auftrag gegeben haben - allen voran an seiner Ex-Ehefrau, die in der Türkei lebt. Er habe sie „gekauft und bezahlt“, doch sie habe sich nicht „an Vereinbarungen“ gehalten. Das Motiv laut Staatsanwalt Florian Krug: „Ehrverletzung“ und „Rache“. Bekannten habe der 36-Jährige 100.000 Euro geboten, um seiner Ex-Frau „die Knochen zu brechen“ und sie zu vergewaltigen. Für die Ermordung ihres neuen Ehemanns, der in Berlin lebt, habe der Angeklagte 70.000 Euro geboten. Aus beiden Aufträgen wurde nichts. Anders beim dritten „Auftrag“. Er galt dem Vater seiner Ex-Frau. Ihm wurde im März 2023 in Syrien mehrfach in die Brust geschossen, überlebte aber, so die Staatsanwaltschaft.
Die Sicherheitsvorkehrungen am Traunsteiner Gericht waren außerordentlich hoch: Rund 25 Polizisten tummelten sich im Gericht, darunter auch Spezialkräfte des USK. Für die Zuschauer wurde eine eigene Verfügung erlassen, die Personenkontrollen verschärft. Auch ein Sprengstoffspürhund war vor Ort, der Belgische Schäferhund „Lucky“. Die Anklageschrift umfasst 24 Seiten. Staatsanwalt Krug brauchte eine knappe Stunde, um alles zu verlesen.
Mindestens 3,6 Millionen Euro seien umgesetzt worden
Der einzige der vier Angeklagten, der sich am Dienstag zu den Vorwürfen äußerte, war ein 44-Jähriger. Er stammt ebenfalls aus der Region Hannover und soll auch dem „Al Sarawi“-Clan angehören. Der Mann, der 2015 aus Syrien nach Deutschland kam, soll die Schleusungsgelder verwaltet haben. Vorbei am offiziellen Bankensystem habe er über 3,6 Millionen Euro aus den Schleusungen jongliert. Über seinen Verteidiger Markus Frank legte er ein Minimal-Geständnis ab: Ja, er habe illegal Gelder in Umlauf gebracht, aber woher sie stammten, habe er nicht gewusst und die Summe sei viel kleiner. „Ich habe davor für einen Pizza-Lieferdienst gearbeitet. Aber das hat nicht geklappt“, so der 44-Jährige.
Doch der Angeklagte sei auch selbst zum Opfer der anderen Clan-Mitglieder geworden. Sie vermuteten laut Staatsanwaltschaft, er wolle sich im September 2024 mit 400.000 Euro in bar aus dem Staub machen. Also sei er vom Hauptangeklagten und einem weiteren Angeklagten, einem 28-jährigen Syrer, in einen Schrebergarten in Hannover gelockt worden. Dort sei er dann gefesselt, getreten und mit Waffen bedroht worden. Tatsächlich tauchten im Auto des 44-Jährigen dann nur 5000 Euro auf.
Das Al-Sarawi-Netzwerk im internationalen Schleusergeschäft
Seit 2022 spiele das Al-Sarawi-Netzwerk eine große Rolle im internationalen Schleusergeschäft. Einer anderen syrischen Gruppe wurde zuvor durch die Europol das Handwerk, in der „Operation Pathfinder“. Seitdem besetzt „Al Sarawi“ nach Angaben des Landeskriminalamts in Nordrhein-Westfalen dieses Machtvakuum. Das Syndikat agiert vornehmlich an der serbisch-ungarischen Grenze, „die Bandenmitglieder sind nach hiesigen Erkenntnissen jedoch europaweit aktiv“, teilte ein LKA-Sprecher dem „Focus“ mit. Inzwischen sei das Al-Sarawi-Netzwerk auch an Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen arabischstämmigen Clans im Ruhrgebiet involviert.
Für den Prozess am Traunsteiner Landgericht sind ganze 24 Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird momentan Mitte Dezember gerechnet. Allen vier Angeklagten wird unter anderem bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern vorgeworfen. Beim Hauptangeklagten kommt auch die Anstiftung zum Mord hinzu. Der Vorsitzende Richter Volker Ziegler bemerkte in Richtung der Angeklagten bereits: „Das sind zum Teil schwerste Verbrechen, die Ihnen vorgeworfen werden. Sie müssen mit hohen Strafen rechnen.“ (xe)


