Jahrhundertprojekt vor der Eröffnung
Der Kampf um Rosenheims Westtangente: Daniela Ludwig mit „Schmetterlingen im Bauch“
Nach 13 Jahren Bauzeit steht Rosenheims Jahrhundertprojekt vor der Vollendung: Die Westtangente wird am 17. September mit einer Feierlichkeit am Wernhardsberg eröffnet. Warum sich die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig emotional gepackt fühlt. Und warum sie einen Spaten zum Ortstermin mitnahm.
Rosenheim – Ein Vibrieren dringt durch die Sohlen, der Boden beginnt zu zittern. In diesem Moment rollt eine Straßenwalze vorbei, eingehüllt in die Dampfschwaden des heißen Asphalts, den sie gerade glättet. Daniela Ludwig fühlt sich emotional gepackt. „Jetzt, kurz vor der Eröffnung, habe ich Schmetterlinge im Bauch“, sagt sie und blinzelt in die Sonne eines schönen Spätsommertags.
Westtangente: Eröffnung am 17. September
Daniela Ludwigs Hände liegen auf dem Griff eines Spatens, der kaum Spuren der Benutzung trägt. Es ist das Werkzeug des symbolischen ersten Aktes der Westtangente, des ersten Spatenstichs, damals, im August 2012. Und nun, in den Händen der Rosenheimer Bundestagsabgeordneten, ist er an den Ort des Geschehens zurückgekehrt. Pünktlich zum letzten Akt: Mit dem Auftrag der schwarzen Teer-Masse auf die schmale Brücke für landwirtschaftlichen Verkehr und Fußgänger bei Wernhardsberg sind die Arbeiten so gut wie abgeschlossen. Am 17. September 2025 soll das allerletzte Teilstück der Rosenheimer Umfahrung eröffnet werden.
Spaten als Souvenir von Rosenheims Jahrhundertprojekt
Spaten und Asphalt, Anfang und Ende: Daniela Ludwig hat den Spaten all die Jahre aufbewahrt, in ihrem Büro. Als Andenken an das Projekt, das sie angetrieben hat wie kaum ein anderer: die Entlastung Rosenheims vom Durchgangsverkehr. Es ist das Thema ihrer politischen Laufbahn, wenn man so will. „So viele Gespräche, so ein Ringen um die Finanzierung und um jedes Bauwerk, eine so große Betroffenheit in der Region“, sagt sie. „Deshalb habe ich mir auch den Spaten vom Spatenstich mitgenommen.“
Jahrzehntelang wurde geplant und gestritten
Die Vorgeschichte reicht weit zurück. Seit den 70er Jahren machte man sich Gedanken. Und man ließ sich Zeit. Ersann Lösungen, die sich als Sackgassen erwiesen, stritt und diskutierte. Noch 2009 wies deer Bayerische Verwaltungsgerichtshof Klagen gegen die Westtangente zurück.
Der Druck wuchs derweil. Unterm Strich kam auch viel Zustimmung. Anders als beim Projekt des Brenner-Nordzulaufs. Dann kam das Jahr 2012. Und damit eine historische Gelegenheit. Der Verkehrsminister hatte eine Investitionsoffensive angekündigt, die „Ramsauer-Milliarde für Verkehr“. Das Problem: Die Westtangente stand nicht auf der Liste für die Milliarde. Noch nicht.
Stau in Rosenheim als Lehrbeispiel
Daniela Ludwig wirkt noch heute begeistert, wenn sie sich an eine gewisse gemeinsame Fahrt mit Peter Ramsauer erinnert. Sie entführte ihn absichtsvoll in die Rosenheimer Rushhour. Stau auf der Prinzregentenstraße, die Autos Stoßstange an Stoßstange, „man erinnert sich ja gar nicht mehr daran“, sagte sie und lacht.
Heute kann man darüber meistens lachen, damals war das nicht so lustig. Und wenn Politik auch die Kunst ist, etwas zu veranschaulichen, es sichtbar und anfassbar zu machen, dann legte sie damals ein Lehrstück vor: Rosenheims Verkehrsprobleme waren dem Verkehrsminister nicht besser nahezubringen als vom Auto aus. Als der Minister weich wurde, setzte sie ihm weiter zu: „Du als alter Traunsteiner und als Kunde des Einzelhandels...“
„Ich weiß nicht, was du gemacht hast“
Kurz darauf erhielt Ludwig den irritierten Anruf eines Staatssekretärs: „Ich weiß nicht, was du gemacht hast, dass jetzt auf einmal die Westtangente drinsteht.“ Dann sei eine SMS gekommen: „grüner Haken hinter der Westtangente“, erzählt Ludwig. „Da haben wir im Büro einen Piccolo aufgemacht.“
In Bayern kamen damals nur drei Projekte auf die Liste. Es sei dem Drängen von Daniela Ludwig zu verdanken gewesen, „dass die Westtangente zum Zug gekommen ist“, sagte Peter Ramsauer beim Spatenstich am 27. August 2012.
Seeton sorgte für Verzögerungen
Die Bauarbeiten verzögerten sich, die Kosten stiegen. Nicht zuletzt wegen des Seetons, dieses schwammigen Untergrunds, der Ingenieuren regelmäßig die Planung verhunzt. Bernhard Gehrmann, seit vier Jahren Projektleiter, kann sich noch gut an das Zittern um die Planungen für die Aicherparkbrücke erinnern. Erst spät habe sich nach Probebohrungen die grundsätzliche Machbarkeit herausgestellt. Es ging also voran. So wie mit der ganzen Tangente, obwohl doch zu befürchten war, dass das Projekt aus Sparsamkeit nach Fertigstellung eines Teilstücks einschlafen könnte. 2023 wurde die 670 Meter lange Brücke eingeweiht, als vorletzter Abschnitt der insgesamt 11,3 Kilometer langen Umgehung.
Das waren die Schritte zur Westtangente
12.. Januar 2012: Das Verkehrsministerium nimmt den ersten Abschnitt der Rosenheimer Westtangente in die Liste der Neubau-Projekte auf. Kurz darauf gibt der Haushaltsausschuss sein Okay.
27. August 2012: Spatenstich! Dabei sind Daniela Ludwig, Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, Bayerns Innenstaatssekretär Gerhard Eck und Mandatsträger aus der Region. Ramsauer und sein Nachfolger Alexander Dobrindt kommen auch danach noch ab und zu vorbei und besichtigen den Fortgang der Arbeiten.
20. Juli 2015: Dobrindt gibt alle Mittel für den Bau frei. Damit ist die Finanzierung des gesamten Projekts gesichert. Nun können die Bauarbeiten am Aicherpark beginnen. Davor, am
12. Oktober 2025: wird der erste Bauabschnitt eröffnet, von der A8 bis Höhe Kolbermoor.
Juli 2016: Es zeichnet sich deutlicher ab, wie problematisch der Unteergrund im Aicherpark isr. Der Bau verteuert sich.
21. August 2018: Abschnitt 4 wird freigegeben, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer feiert mit den Bürgern von Pfaffenhofen die Eröffnung des Abschnitts zwischen der Staatsstraße 2080 bei Deutelhausen und der Anschlussstelle an die B15 bei Wieden hinter Pfaffenhofen. Ab jetzt zieht es sich; nicht nur im Aicherpark, auch bei Wernhardsberg erschwert der Seeton die Arbeiten ungemein.
21. September 2023: Freigabe für Abschnitt 2 von der Anschlussstelle St 2078 im Süden über die Anschlussstelle Aicherpark bis zur Brücke am Gangsteig im Norden. Der Abschnitt besteht im wesentlichen aus der spektakulären, 670 Meter langen Aicherparkbrücke. Nun reicht die Tangtente bis zur Schlösslstraße.
17. September 2025: Dieser Termin stand schon seit Jahren - keine Selbstverständlichkeit angsichts der vielen Verzögerungen auch bei diesem Projkt. Nun also wird die Westtangente Rosenheim gefeiert. Am Tag drauf kann sie dann auch endlich zur Gänze befahren werden.
Ebenso schwierig waren die Arbeiten bei Wernhardsberg, dort wo die Westtangente unter dem Bahndamm hindurchführt. Dort arbeiteten die Ingenieure vom Staatlichen Bauamt Rosenheim mit Wissenschaftlern der TU München zusammen. Ergebnis: die „Rosenheimer Mischgründung“, ein neuartiges Verfahren für Arbeiten auf schwierigem Untergrund. Solche Lösungen ließen sich auch nur dann finden, wenn „die richtigen Leute zusammenarbeiten“, sagte Gehrmann beim Ortstermin. Dennoch: Die Probleme kosteten Zeit und Geld. Insgesamt stiegen die Kosten nach Angaben des Bauamts von 67 Millionen auf 263,5 Millionen.
Nach den Politikern kommt das Aufräumen
Am 17. September nun wird der Abschluss der Arbeiten gefeiert. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wird – wie bei der Eröffnung der Aicherparkbrücke – kommen, desgleichen Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter und viele weitere Gäste aus der Politik. Am Tag darauf werden die ersten Autos über die nunmehr gänzlich freigegebene Westtangente rollen. Die Freigabe sei für den 18. September, 12 Uhr, geplant, sagt Ursula Lampe vom Bauamt.
Warum nicht direkt nach der Eröffnung? Das Bauamt will nach der Eröffnung aufräumen. Wenn die Politiker weg sind, werden die Verkehrssicherungen an den beiden Anschlussstellen abgebaut, ebenso die Ampel an der Anschlussstelle RO 19, schließlich wird der Wildschutzzaun geschlossen. Wenn dann der Straßenmeister alles abgefahren und geprüft hat, wird Spur für Spur eröffnet. Dann ist es so weit. Nach über 4700 Tagen Bauzeit wird der eine Tag nicht mehr ins Gewicht fallen.
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