Nur die Stimme und der Text zählt
Sind Gedichte noch cool? So will Poetry-Slammer Thomas Eiwen Wasserburg damit begeistern
Obwohl Gedichte einen oft an Deutschunterricht erinnern, sind sie heute noch angesagt: Das findet zumindest Poetry-Slammer Thomas Eiwen. Er will den Dichter-Wettstreit in Wasserburg etablieren. Im Interview erzählt er, was er vorhat.
Wasserburg – Thomas Eiwen steht auf einer Bühne. In seiner Hand hält er ein Mikrophon, quasi sein einziges Hilfsmittel bei seinem Auftritt. Eiwen redet zum Publikum – darüber, wie es ist, in einer Wiener Straßenbahn bayerisch zu reden, er trägt ein Gedicht über Luftpolsterfolie vor und analysiert Rentner im Berufsverkehr. So ist es in einem Video auf Eiwens Instagram-Account zu sehen. Der 27-Jährige aus Rosenheim ist Poetry-Slammer. Mit seinen gereimten Texten tritt er im deutschsprachigen Raum auf. In seiner Heimatregion organisiert er selbst sogenannte Slams, also Wettkämpfe, die er nicht nur in Rosenheim, sondern auch in Wasserburg etablieren möchte. Seit September veranstaltet er den „Rosenslam“ in den Räumen der Bar „Der Berg ruft!“ in der Salzburger Straße. Im Interview, das die Redaktion über einen Videoanruf abgehalten hat, erklärt Eiwen, was ein Poetry-Slam ist, was er in Wasserburg geplant hat und warum Gedichte weiterhin cool sind.
Thomas Eiwen, was ist ein Poetry-Slam?
Eiwen: Bei einem Poetry-Slam tragen die Teilnehmenden nacheinander einen selbst verfassten Text vor, der meistens sieben Minuten dauern darf, und treten dabei gegeneinander an. Die Stücke können ernst oder lustig sein und behandeln meistens Themen aus dem Alltag, der Politik oder aus zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Publikum bewertet die Texte, indem es mal mehr und mal weniger applaudiert. Die Moderation muss dann hören, bei wem es lauter war. Die besten Zwei kommen ins Finale und tragen dort noch einen zweiten Text vor. Am Ende gibt es eine Gewinnerin oder einen Gewinner. Die Teilnehmenden dürfen keine Hilfsmittel wie Musik oder Requisiten verwenden
Was ist das Besondere an dieser Art von Wettbewerb?
Eiwen: Dass das Publikum direkt miteinbezogen wird und aktiv mitmachen muss. Es sieht nicht nur zu und saugt alles auf wie ein Schwamm, wie es im Kino oder Theater der Fall ist, sondern hat eine Aufgabe, über das gesamte Format hindurch. Zudem bekommt jede Person beim Gang auf die Bühne und wenn sie wieder heruntergeht, Applaus. Die Stimmung ist dabei einfach freundlich und gut.
Was genau haben Sie für Ihre Poetry-Slams geplant?
Eiwen: Es wird immer ein bestimmtes Line-Up geben. Dafür lade ich verschiedene Slammer aus Deutschland ein. Und damit die nicht nur für eine Veranstaltung anreisen, soll es eine Art Tour durch die Region geben. Mit Stationen in Wasserburg, Burghausen oder Traunstein. So sieht das Publikum in der jeweiligen Stadt immer wieder andere Künstlerinnen und Künstler.
Das ist Thomas Eiwen
27 Jahre alt
Wohnt in Rosenheim
Hauptberuflich Poetry-Slammer
In der Freizeit Stand-up-Comedian
Wie sind Sie auf Wasserburg gekommen als Veranstaltungsort gekommen?
Eiwen: Wasserburg ist auf jeden Fall eine kulturinteressierte Stadt. Außerdem fahren die Wasserburger nicht gerne nach Rosenheim und umgekehrt genauso. Vor Corona gab es einen Poetry-Slam in Staudham. Nun möchte ich diese Events hier wieder mehr etablieren, und zwar in den Räumen von „Der Berg ruft!“. Da haben 40 bis 50 Personen Platz. Das ist auch eine ganz gute Größe. Bisher hatten wir vier Veranstaltungen in Wasserburg, die für den Anfang gut besucht waren.
Wie sind Sie überhaupt zum Poetry-Slam gekommen?
Eiwen: Meinen ersten Auftritt hatte ich mit etwa 18 Jahren. Aber damals habe ich noch öfter Theater gespielt. Anfang 2019 habe ich damit begonnen, regelmäßiger an Poetry-Slams teilzunehmen. Ende des Jahres habe ich dann damit gestartet, auch eigene Events unter dem Namen „Rosenslam“ zu organisieren. Mittlerweile habe ich etwa 50 Slams veranstaltet. Und mindestens einmal die Woche trete ich selbst auf.
Ich bin quasi jeden zweiten Tag auf einer Bühne anzutreffen.
Sie sind derzeit hauptberuflich Poetry-Slammer. Kann man davon leben?
Eiwen: Wenn man nicht viel braucht, dann ja. Dazu gehört schon ein genügsamer Lebensstil. Früher habe ich nebenbei noch als Landschaftsgärtner gearbeitet. Seit kurzem konzentriere ich mich aber nur mehr auf Poetry-Slam. Derzeit befindet sich mein Projekt in der Wachstumsphase und ich probiere viel aus. Ich bin quasi jeden zweiten Tag auf irgendeiner Bühne anzutreffen. Das alles zu organisieren und meine eigenen Texte zu schreiben, ist auch viel Aufwand. Damit bin ich gut beschäftigt.
Wer kommt zu Poetry-Slams?
Eiwen: Grundsätzlich ist das Publikum gemischt. Es variiert je nach Veranstaltungsort. Hin und wieder organisiere ich auch in Marias Kino in Bad Endorf ein Event. Hierbei kommt dann eher ein klassisches Kino-Publikum. Aber es gibt jüngere und ältere Gäste. Und so ist es bei den Auftretenden auch. Die Slammer sind zwischen 20 und 60 Jahre alt.
Also sind Gedichte weiterhin angesagt?
Eiwen: Klar. Natürlich findet Poetry-Slam in einer Nische statt. Aber nicht, wie man vermeintlich glaubt, nur in einer jungen studentischen Blase. Es interessieren sich auch Leute dafür, die schon lange im Arbeitsleben oder welche, die noch nicht volljährig sind. Viele verbinden Gedichte und Literatur vielleicht mit einem trockenen Deutschunterricht. Aber beim Poetry-Slam hat man auch mal die Möglichkeit nachzufragen, was sich der Dichter denn gedacht hat. Und meistens ist das gar nicht so viel.
Poetry-Slams in Wasserburg
Die nächsten Poetry-Slams in der Bar „Der Berg ruft!“ in Wasserburg, Salzburger Straße 15 (am Theater Wasserburg) finden statt am:
13. November, 20 Uhr
18. Dezember, 20 Uhr
Karten kosten 14 Euro (ermäßigt 9,50 Euro) und gibt es an der Abendkasse oder online unter derberg-ruft.de zu kaufen.
Neben Poetry-Slam machen Sie auch Stand-up-Comedy. Was ist der Unterschied?
Eiwen: Beim Stand-up ist der Improvisationsteil größer. Und mein Auftritt muss lustig sein. Zudem ist Stand-up-Comedy bekannter. Es gibt Late-night-Comedy-Shows im Fernsehen. Manche Comedians spielen große Shows mit mehreren hundert Gästen. Hierbei besteht auch ein Unterschied: Beim Stand-up reagiert das Publikum manchmal. Darauf muss man eingehen. Man kann die Texte vom Stand-up nicht eins zu eins auf einer Poetry-Slam-Bühne vortragen und umgekehrt.
Dennoch gibt es viele Stand-up-Comedians, wie Felix Lobrecht oder Hazel Brugger, die aus der Poetry-Slam-Szene kommen.
Eiwen: Ich glaube, der Schritt von Poetry-Slam rüber zu Stand-up ist einfacher. Poetry-Slammer haben auf der Bühne ihren Text dabei und können sich sozusagen daran festhalten. Und man ist es gewohnt, dass das Publikum nicht bei jedem Witz lacht. Dann fährt man einfach mit seinem Text fort und sie lachen dann an einer anderen Stelle. Dennoch fällt man bei beiden Formaten am Anfang bestimmt mal auf die Schnauze.
