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Einzigartiger Stadtradel-Teilnehmer

Der mit den Händen radelt: Herbert Bauer mit Rolli und Handbike in Stephanskirchen auf Tour

Ein älterer Mann sitzt in einem Rollstuhl, an den er ein Handbike montiert hat.
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Herbert Bauer radelt mit den Händen. Wenn er los will, montiert er ein Handbike an seinen Rollstuhl. Und macht beim Stadtradeln mit.

Strahlende Gesichter vor dem Rathaus. Es ist kein junges Ehepaar, das die Freude auslöst, sondern ein schwungvoller Herr im Rentenalter. Herbert Bauer bremst ab und strahlt zurück. „Klar bin ich beim Stadtradeln dabei“. Im Rollstuhl. Mit aufgesetzten Handbike.

Stephanskirchen – Herbert Bauer ist einzigartig. Das ist zwar jeder Mensch, aber Bauer ist der einzige Teilnehmer am Stadtradeln, der im Rollstuhl sitzt und mit den Armen radelt. „Ich weiß in Stephanskirchen keinen anderen und im Landkreis auch nicht“, sagt Frank Wiens, Fahrradbeauftragter der Gemeinde und in der landkreisweiten Koordinationsgruppe.

Kinderlähmung mit vier Jahren

Bauer, Jahrgang 1955, erkrankte als Vierjähriger an Poliomyelitis, besser bekannt als Polio oder Kinderlähmung. Für ihn kam die Schluckimpfung zwei Jahre zu spät. Lebenslange Einschränkungen beim Gehen und Atmen waren die Folge. Was ihn nicht davon abhielt, eine Familie zu gründen und kaufmännischer Leiter des Familienunternehmens zu werden.

Und Kommunalpolitiker. Eigentlich war sein Bruder gefragt worden. Der lehnte ab, weil er als Bäcker in der Nacht raus musste. „Fragt meinen Bruder.“ Der sagte zu und wurde prompt gewählt. Seit 1990 ist Herbert Bauer Gemeinderat. Hochangesehen und beliebt quer durch die Fraktionen. Es waren Gemeinderatskollegen, die ihn mit Hurra und strahlend vor dem Rathaus begrüßten. Er schätzt die sehr bunte Truppe, „wir reden miteinander“. Persönliche Angriffe im Gemeinderat seien in den letzten drei Jahren selten geworden.

„Als Gemeinderat sollte ich doch auch Vorbild sein“, findet er. Und ist deswegen Teil eines Stadtradel-Teams. Zum zweiten Mal schon. „Außerdem tut mir das Radeln gut, wenn ich‘s nicht übertreibe“, sagt Bauer schmunzelnd. Als junger Mensch hieß es „trainieren, trainieren, trainieren“. Völlig falsch. Denn Polio lähmt nicht die Muskeln selber, sondern die motorischen Nerven. Und die nehmen zu viel Training übel. „Einmal am Tag ein wenig ins Schwitzen kommen“, habe ihm sein Arzt verordnet. Daran hält er sich. Radelt lieber alleine, als sich in einer Gruppe zu zu hohem Tempo verführen zu lassen. „Ich muss meinen eigenen Rhythmus fahren.“

Wenn das Wetter passt, schnallt Bauer sein Handbike an den Rollstuhl und fährt los. Der Polionaut – wie Menschen mit Kinderlähmung sich nennen – ist wetterabhängiger als andere Radfahrer. Die werden nur von oben nass. Anders Bauer: „Wenn‘s regnet, sitze ich in der Suppe.“

Wunsch: Mehr Radwege

Stephanskirchen will „fahrradfreundliche Gemeinde“ werden. Also erkundet Bauer die schon vorhandenen Radwege. Gar so viele reine Radwege gebe es bisher leider nicht, bedauert er, aber demnächst komme ja die Fahrradstraße am Simsseeufer bis Prutting dazu. Bauer sähe gerne noch mehr echte Radwege, denn „eine fahrradfreundliche Gemeinde werden wir nur, wenn die Leute auch radeln.“

Wo welcher Radweg Rinnen, Risse oder Schlaglöcher hat, weiß Bauer nach zehn Jahren Handbike genau. Besser als manch ‚normaler‘ Radfahrer. Liegt am Gefährt. Die kleineren Räder am Rollstuhl stecken Unebenheiten nicht so gut weg. „Ein Schlagloch schlägt im Rollstuhl mehr aufs Hirn durch“, erklärt Herbert Bauer und grinst.

Vor drei Jahren hat er sein Handbike elektrifizieren lassen. „Ein Handbike muss man bergauf ziehen – und da geht mir einfach die Luft aus.“ Auf fremde Hilfe angewiesen sein wollte er nie. Auch nicht, als ihn das Post-Polio-Syndrom Jahrzehnte nach der Erkrankung einholte und seine Beine ihn nicht mehr trugen. Auch beim Radeln nicht. Seine Selbstständigkeit war und ist ihm wichtig. Deswegen hat er beim Radeln vorsichtshalber Krücken dabei – um notfalls ein paar Schritte gehen zu können. „Diese verflixten Teile hupfen nur immer aus der Halterung.“ Also hat ihm sein Sohn jetzt ein aus Mutterns Küche gemopstes tiefes Tuppergefäß am Hinterrad angebracht. „Steht zwar noch Milchreis drauf, aber es funktioniert“, lacht Bauer.

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