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Droht ein Versorgungsinfarkt?

Nach Schließung von 6 Abteilungen in Vogtareuth: Fachärzte sollen hunderte Patienten auffangen

Die Schön-Klinik in Vogtareuth (links). Geschäftsführer Georg Thiessen (rechts).
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Georg Thiessen, Geschäftsführer der Schön-Klinik Vogtareuth, nimmt Stellung zur Schließung von sechs Fachzentren und den Auswirkungen, die damit verbunden sind.

Die Schön-Klinik Vogtareuth schließt sechs Fachzentren. Aus wirtschaftlichen Gründen. 200 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. Hunderte Patienten werden nicht mehr versorgt. Um die sollen sich künftig die „Zuweiser“, also die niedergelassenen Fachärzte, kümmern. Klinik-Chef Georg Thiessen über die Pläne.

Vogtareuth – An der Schön-Klinik Vogtareuth gehen wichtige medizinische Strukturen verloren. Mitarbeiter und Patienten warnen vor einem Versorgungsinfarkt in der Region. Jetzt hat Klinik-Geschäftsführer Georg Thiessen zu Fragen des OVB Stellung bezogen und die weitreichende Entscheidung erläutert.

Die Krankenhausreform ist noch nicht abgeschlossen, das Krankenhausanpassungsgesetz wird gerade noch überarbeitet. Ist die Reform nur ein Vorwand für die Schließung von sechs Fachzentren in Vogtareuth?

Georg Thiessen: Die Schön Klinik Vogtareuth möchte sich ab dem Jahr 2026 neu ausrichten und künftig auf ihre langjährigen Kernkompetenzen in der Kindermedizin sowie der Orthopädie konzentrieren. Im Zuge dieser Fokussierung sollen daher bis Ende 2025 die Fachbereiche Neurochirurgie und Neurologie für Erwachsene (inklusive JERWA), Herz- und Gefäßchirurgie, Hand-, Plastische- und Brustchirurgie sowie die ambulante Rehabilitation geordnet beendet werden. Damit stellt die Klinik ihre Leistungsstruktur langfristig stabil und zukunftsfähig auf. Auch wenn die Krankenhausreform und ihre Qualitäts- und Strukturvorgaben bei der Beurteilung eine Rolle spielen, ist die Neuausrichtung strategisch notwendig, unabhängig von der endgültigen Ausgestaltung des Gesetzes. Ziel ist es, Ressourcen zu bündeln, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und das medizinische Angebot in Vogtareuth dauerhaft tragfähig auszurichten.

Wie funktioniert die Krankenhausreform – und wie steht es um sie?

„Der Entwurf des Krankenhausreform-Anpassungsgesetzes (KHAG), der am 5. August 2025 vorgelegt wurde, enthält maßgebliche Änderungen am Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG)“, informiert der Medizinische Dienst Bayern auf OVB-Anfrage. „Ehe das Gesetzgebungsverfahren nicht abgeschlossen ist, können keine belastbaren Aussagen zu möglichen Auswirkungen getroffen werden.“

Doch wie funktioniert die Krankenhausreform? Und was haben Leistungsgruppen mit medizinische Behandlungen zu tun? Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums erklärt es auf OVB-Anfrage so: „Die Zuordnung der Behandlungsfälle zu den verschiedenen Leistungsgruppen erfolgt durch einen vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) zertifizierten sogenannten Grouper. Es liegt in der eigenen Verantwortung der Krankenhäuser, ihre Leistungen durch den Grouper zuordnen zu lassen und künftig die danach benötigten Leistungsgruppen zu beantragen.“

In Fachbereichen die geschlossen werden, wurden noch im Sommer neue Mitarbeiter eingestellt. Auch wurde moderne Medizintechnik installiert? Waren die Schließungen kurzfristige Entscheidungen?

Thiessen: Die Planung zur Neuausrichtung der Schön-Klinik Vogtareuth ist das Ergebnis sorgfältiger Abwägungen vor dem Hintergrund einer wirtschaftlich herausfordernden Situation der Klinik. Entscheidungen bezüglich Personaleinstellungen und Investitionen in Medizintechnik werden in der Regel mit größerem zeitlichen Vorlauf getroffen.

Viele Mitarbeiter sind enttäuscht, weil die Geschäftsführung nicht mit ihnen redet und sie eigentlich nicht viel mehr wissen, als dass ihre Abteilungen schließen. In welcher Form kommuniziert die Geschäftsführung mit den Mitarbeitern?

Thiessen: Wir sind uns bewusst, dass diese Veränderungen viele Fragen bei Mitarbeitenden sowie Patientinnen und Patienten aufwerfen. Am 23. September wurden die Mitarbeitenden in einer Versammlung umfassend informiert und konnten ihre Fragen stellen. Ergänzend wurden ein Handout und ein FAQ bereitgestellt. (Hinweis der Redaktion: FAQ steht für „Frequently Asked Questions“ und bezeichnet eine Zusammenstellung von Informationen zu besonders häufig gestellten Fragen.) Informationen sind im Intranet für alle schnell und direkt zugänglich. Zudem wurde eine zentrale E-Mail-Adresse für Rückfragen eingerichtet, von der bislang lediglich vier Mitarbeitende Gebrauch gemacht haben.

Sie kommunizieren nicht persönlich, nur mit Informationsblättern und per E-Mail?

Thiessen: Die Klinikleitung hat auch betont, jederzeit für persönliche Gespräche zur Verfügung zu stehen. Bislang hat keiner der Mitarbeitenden von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Zusätzlich wird die Klinikgeschäftsführung Treffen mit den betroffenen Stationen durchführen. Die Termine hierfür stehen bereits fest. Damit stellen wir sicher, dass auch Mitarbeitende, die nicht an der Versammlung teilnehmen konnten, informiert sind und ihre Fragen stellen können.

150 Vollzeitstellen gehen verloren. Etwa 200 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. Betrifft das nur die medizinischen Angestellten der Abteilungen, die geschlossen werden?

Thiessen: Personelle Konsequenzen lassen sich leider nicht vermeiden. Voraussichtlich rund 150 Stellen sind betroffen, vor allem in den Bereichen, die künftig nicht mehr Teil des Klinikprofils sind, sowie in angrenzenden Diensten.

Wurden dem Betriebsrat bereits alle erforderlichen Unterlagen zugearbeitet, die die wirtschaftlichen Gründe für die Schließungen der Abteilungen belegen, damit die Verhandlungen über Interessenausgleich und Sozialplan beginnen können?

Thiessen: Wir haben dem Betriebsrat unmittelbar Termine für den Beginn von sehr zeitnahen Gesprächen vorgeschlagen. Zu unserem Bedauern kann der Betriebsrat diese frühzeitigen Termine jedoch nicht realisieren. Mit einem Beginn der Gespräche ist nun zum 8. Oktober zu rechnen. Die erforderlichen Informationen wurden dem Betriebsrat zur Verfügung gestellt. Ziel der Gespräche wird es sein, zunächst einen Interessenausgleich und darauf aufbauend einen Sozialplan zu erarbeiten. Im Übrigen enden die Beschäftigungsverhältnisse der betroffenen Mitarbeitenden nicht zum 31. Dezember 2025, sondern es gelten die individuellen Kündigungsfristen und die Vereinbarungen, die in den Gesprächen mit dem Betriebsrat geschlossen werden. Dabei prüfen wir auch Möglichkeiten zur Weiterbeschäftigung innerhalb der Schön-Klinik-Gruppe beziehungsweise steht es den Mitarbeitenden selbstverständlich frei, sich jederzeit auf eigene Initiative auf offene Stellen innerhalb der Gruppe zu bewerben.

Was wird aus Hunderten von Patienten, die von den Schließungen betroffen sind?

Thiessen: Für unsere Patientinnen und Patienten der betroffenen Bereiche bleibt die Versorgung bis zum Jahresende gesichert. Wenn Behandlungen in den betroffenen Fachbereichen künftig nicht mehr möglich sind, informieren die Kolleginnen und Kollegen aus dem zentralen Belegungsmanagement die Patientinnen und Patienten darüber. Kliniken aus der Region, wie etwa die RoMed-Kliniken, haben bereits signalisiert, dass sie für die Patientinnen und Patienten zur Verfügung stehen. Sofern unsere Kolleginnen und Kollegen alternative Behandlungsmöglichkeiten kennen, werden sie diese empfehlen. Im Bereich der Wirbelsäulenchirurgie und Skoliosebehandlung haben wir beispielsweise mit der Schön Klinik München Harlaching eine ausgezeichnete und international führende orthopädische Fachklinik in der Gruppe, die die Behandlung übernehmen kann.

Was empfehlen Sie den Patienten?

Thiessen: Wir raten den Patientinnen und Patienten, sich an ihre niedergelassenen Fachärztinnen und -ärzte zu wenden, die die Überweisung in unsere Klinik ausgestellt haben. Nur diese sind ermächtigt, die Patientinnen und Patienten in alternative Kliniken einzuweisen.

Die Station „Jerwa“ für junge Erwachsene mit Mehrfachbehinderung ist einmalig in Deutschland und wurde erst vor vier Jahren in Vogtareuth aufgebaut. Wird dieses Angebot an einen anderen Standort der Schön-Klinik-Gruppe verlagert?

Thiessen: Die Planung, bestimmte Fachbereiche einzustellen, bedeutet auch, dass Projekte wie die Jerwa-Station nicht fortgeführt oder an andere Standorte verlagert werden. Vogtareuth soll auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen sowie die Orthopädie spezialisiert bleiben. In der Abrechnungslogik der Kostenträger gibt es die Kategorie „Junge Erwachsene“ nicht, weswegen der Vertrag mit den Kostenträgern ausgelaufen ist. Ein separates neurologisches Angebot für Erwachsene wird es aus Gründen der strategischen Neuausrichtung künftig am Standort Vogtareuth nicht geben.

Gibt es für die medizinische Versorgung junger Erwachsener mit Behinderung kein Geld?

„Grundsätzlich werden für Personen ab 18 Jahren auch künftig die für Erwachsenen geltenden Leistungsgruppen maßgeblich sein. Auch hier gilt, dass die Leistungen durch einen Grouper den künftig jeweils maßgeblichen Leistungsgruppen zugewiesen werden“, erklärt ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums auf OVB-Anfrage.

Dem Begriff „inklusive Medizin“ liege kein allgemeingültiger Leistungskatalog oder eine feste Zuordnung zu bestimmten Fachrichtungen zugrunde. Doch weder der Krankenhausplan des Freistaats Bayern noch die Reformgesetze machen spezielle Vorgaben für die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung, betont der Ministeriumssprecher: „Es bleibt wie bisher dabei, dass die betreffenden Personen innerhalb der bestehenden Strukturen behandelt werden. Diese benötigen dafür keinen gesonderten Versorgungsauftrag. Selbstverständlich kann insoweit auch eine Behandlung junger Erwachsener in neurologischen Fachabteilungen erfolgen.“

Was wird aus der ambulanten Versorgung im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) an der Schön-Klinik in Vogtareuth, wenn es keine Neurologen und Neurochirurgen für Erwachsene mehr gibt?

Thiessen: Das MVZ Vogtareuth bleibt bestehen, ist von der dargestellten Planung nicht betroffen und bietet weiterhin ein breites Spektrum an ambulanter Versorgung – vorrangig im Bereich der Kinderorthopädie und der Neurochirurgie.

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