Schließungspläne in Vogtareuth
Neue „Sprechstunde“ an der Schön-Klinik: Linke und Gewerkschafter hören besorgten Mitarbeitern zu
Sechs Abteilungen an der Schön-Klinik in Vogtareuth werden geschlossen. Führt die Geschäftsführung nun intensive Gespräche mit Mitarbeitern und Betriebsrat? Die Antworten widersprechen sich. Jetzt gab es eine neue „Sprechstunde“ – allerdings vor der Klinik.
Vogtareuth – „Danke, dass Sie uns zuhören.“ Es war keine medienwirksame „Polit-Chose“ auf dem Rücken der Beschäftigten der Schön-Klinik Vogtareuth. Es waren keine Parolen oder leeren Versprechen. Es waren Fürsorge und Menschlichkeit, die Mitarbeiter der Schön-Klinik Vogtareuth am Dienstag (30. September) nach eigenen Aussagen zum ersten Mal erfahren durften, nachdem die Klinikgeschäftsführung vor einer Woche (23. September) verkündet hatte, dass in Vogtareuth sechs Abteilungen geschlossen werden. Die Partei „Die Linke“, der DGB und Verdi hörten ihnen zu. Kurzfristig. Mit einer „Sprechstunde“ vor der Klinik.
„Müssen den Menschen zur Seite stehen“
Mit der Neuausrichtung der Schön-Klinik verliert ein Fünftel der 1050 medizinischen Angestellten die Arbeit. „200 Leute sollen hier am Klinikstandort entlassen werden. Darauf müssen wir reagieren, den Menschen zur Seite stehen – den Beschäftigten und den Patienten, zumindest als Ansprechpartner“, sagt der Linken-Bundestagsabgeordnete Ates Gürpinar. Die Rosenheimer Linke-Kreisvorsitzenden Maria Boberschmidt und Martin Bauhof hatten die „Sprechstunde“ mit dem Rosenheimer Bundestagsabgeordneten, mit dem DGB und mit Verdi organisiert. Rund um den Schichtwechsel an der Klinik gegen 13.30 Uhr waren sie vor Ort. Nicht aufdringlich. Nicht laut. Aber ansprechbar, interessiert und hilfsbereit.
Mitarbeiter fühlen sich schlecht informiert
„Es ist das erste Mal, dass wir uns mit jemandem austauschen können“, sagt eine Mitarbeiterin der Schön-Klinik. Zum 31. Dezember werden sechs Abteilungen geschlossen, die nicht mehr dem „Kernprofil entsprechen“: die Neurochirurgie für Erwachsene, die Neurologie mit Multimodaler Schmerztherapie und mit dem Bereich für Junge Erwachsene (JERWA), die Herz- und Gefäßchirurgie, die Hand-, die Plastische- und die Brustchirurgie sowie die ambulante Rehabilitation. Weitere Bereiche wie die Anästhesie und Radiologie sollen an das neue Angebot angepasst werden. Weiterführende Informationen hätten weder Mitarbeiter noch Betriebsrat erhalten, berichten Betroffene auch am Dienstag (30. September) wieder.
Keine Zeit für Tränen, Sorge um Patienten
Für Tränen, Trauer, Verzweiflung und Wut sei ihnen wenig Zeit geblieben. „Natürlich unterhalten wir uns im Team, sonst würde man ja platzen“, erzählen sie. Doch die Arbeit müsse weitergehen, denn vorrangig sei die gute Versorgung der Patienten. „Und darauf können sie sich seit 40 Jahren in Vogtareuth verlassen“, erzählen die Kollegen in der „Sprechstunde“. 1985 wurde die Schön Klinik in Vogtareuth gegründet. Viele Kollegen sind von Anfang an dabei. Manche wurden gerade erst eingestellt, und das ausgerechnet in Fachabteilungen, die nun schließen. „Wie kann so etwas sein? Eine Klinik muss doch eine langfristige Strategie haben“, sind empörte Stimmen zu hören. Alle sind in Sorge. Um die Familien, die nun ihren Hauptverdiener verlieren. Und um ihre Klinik: „Wir haben hier ein stabiles Team, kaum Fluktuation, weil wir so ein gutes Betriebsklima haben. Das spüren auch unsere Patienten.“
Wer gehört zu den 200, die entlassen werden?
Keiner der 1050 medizinischen Beschäftigten weiß, wen die Entlassungen treffen. Einige fragen bei den Gewerkschaftern nach, ob alle Mitarbeiter oder nur die Kollegen der betroffenen Stationen um ihren Job bangen müssen? „Der Arbeitgeber muss das ganze Haus betrachten und entscheidet dann, wer entlassen wird“, klärt Domingo Heber auf, Gewerkschaftssekretär für den Bereich Gesundheitswesen im Verdi-Team Rosenheim. Auf Wunsch steht er den Vogtareuthern beratend zur Seite: dem Betriebsrat bei den Sozialplanverhandlungen, den Mitarbeitern bei ihren individuellen Gesprächen. „Wir wollen nicht gehen. Wir sind hier doch eine Familie“, machen sie klar. Noch bis vor wenigen Tagen wähnten sich die einen im sicheren beruflichen Fahrwasser bis zur Rente. Andere dachten, sie „hätten einen sicheren Job und den Luxus, sich aussuchen zu können, wo sie arbeiten“.
Krankenhausreform ist nicht an allem schuld
Der Bundestagsabgeordnete Ates Gürpinar hört aufmerksam zu. Er ist pflege- und gesundheitspolitischer Sprecher der Linken und betont: „Auch private Krankenhäuser haben eine moralische Verantwortung für die medizinische Versorgung in der Region.“ Die Krankenhausreform könne nicht für alles verantwortlich gemacht werden. „Das Krankenhausanpassungsgesetz wird im Moment noch überarbeitet.“ In Leistungsgruppen sollen die Voraussetzungen festgelegt werden, die eine Klinik für spezielle Fachbereiche vorhalten müsse. Zudem werde es auch in Zukunft noch über 1000 Fallpauschalen (DRG) geben. „Ausnahmen und Kooperationen werden gerade noch verhandelt“, so Gürpinar.
Gemeinsame Verantwortung für die Region
Die Schön-Klinik Vogtareuth hat nach eigenen Worten ihre künftigen Strukturen „proaktiv“ definiert. In der Konsequenz gehen nicht nur 200 Arbeitsplätze, sondern auch medizinische Versorgungsstrukturen in der Region verloren. Wobei sich die Mitarbeiter, die am Dienstag (30. September) an der Sprechstunde von Gewerkschaft und Linke teilnahmen, „nicht vorstellen können, dass es nur 200 Mitarbeiter trifft, wenn sechs Abteilungen geschlossen werden“.
„Die Schön Klinik konzentriert sich noch mehr auf Profit“, schätzt Gürpinar ein. „Doch dass sich private Anbieter auf die Rentabilität konzentrieren, zeigt das Grundproblem, wenn die medizinische Versorgung in privater Hand ist.“ Gürpinar wird an die Geschäftsführung der Schön-Klinik-Gruppe herantreten, die Gründe für die Schließungen ergründen und nach Perspektiven für Mitarbeiter und Patienten fragen. Zudem wird er das Gespräch mit Landrat Otto Lederer suchen, um über die medizinische Versorgung der Region zu sprechen.
Mitarbeiter vermissen Gespräche
Mitarbeiter und Betriebsräte machten in der Sprechstunde am Dienstag mehrfach darauf aufmerksam, dass die Geschäftsführung weder mit den Leitern der Fachzentren, noch mit Mitarbeitern, noch mit dem Betriebsrat das Gespräch über die Zukunft der Mitarbeiter oder Patienten gesucht habe. „Diese Art und Weise des Umgangs mit Menschen ist nicht akzeptabel“, betonte Gürpinar. Der Betriebsrat der Schön Klinik Vogtareuth habe der Geschäftsführung drei Gesprächstermine angeboten, hieß es in der Runde. Vorher müssten dem Gremium aber Unterlagen zur Verfügung gestellt werden, aus denen konkrete wirtschaftliche Gründe und die Auswirkungen der Schließung hervorgehen.
Ist die Geschäftsführung im Gespräch oder nicht?
Kritik an der Behauptung, die Geschäftsführung der Schön-Klinik sei mit den Mitarbeitern nicht im Gespräch, erreichte das OVB am Mittwoch (1. Oktober) aus der Pressestelle der Klinik. „Natürlich findet eine Kommunikation mit den Beschäftigten statt“, betonte eine Sprecherin der Klinik. Erste Mitarbeitergespräche hätten bereits stattgefunden. Man könne aber nicht erwarten, dass in einem so umfassenden Prozess, bei dem es auch um den Erhalt der Arbeitsplätze für 850 medizinische Angestellte gehe, innerhalb von einer Woche mit allen 200 von der Schließung Betroffenen gesprochen werden könne. Fakt sei aber, so die Sprecherin weiter, „dass die Tür von Geschäftsführer Georg Thiessen für unsere Mitarbeiter jederzeit für persönliche Gespräche offen steht“.
Eine Überraschung für Mitarbeiter und Hausärzte
Überrascht über die Art der Kommunikation in ihrem Hause waren die Mitarbeiter der Schön-Klinik Vogtareuth dann am Mittwoch (1. Oktober), als sie auf der Homepage der Schön-Klinik Vogtareuth auf den Seiten von sechs Fachzentren einen Hinweis fanden: „Bitte beachten Sie, dass wir planen, das Fachzentrum [...] zum 31.12.2025 zu schließen.“ In einem „Handout“ empfiehlt die Geschäftsführung den Mitarbeitern die richtige Kommunikation mit den Patienten. Und die geht so: „Sie haben Fragen zu Ihrer Behandlung oder benötigen Unterstützung? Dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an unser zentrales Postfach: klinikvogtareuth@schoen-klinik.de.“
Den Menschen, die sich für eine Behandlung in einem von der Schließung betroffenen Bereich der Schön-Klinik Vogtareuth anmelden wollen, soll empfohlen werden, sich mit dem „zuweisenden Arzt oder Hausarzt in Verbindung zu setzen“, denn: „Er wird Sie bei der Planung und Organisation einer passenden Alternative unterstützen.“
