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„Ich war ein böses Kind“

Rosenheimerin wird 100: Wie Maria Pitsch Krieg und Vertreibung überlebte – was ihr wichtig ist

100. Geburtstag in Rosenheim
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Oberbürgermeister Andreas März, Maria Pitsch und ihre Tochter Edeltraud (von links) feierten am 11. April gemeinsam.

Ein Jahrhundert voller Geschichten und Erinnerungen: Das macht die Rosenheimerin Maria Pitsch jetzt voll. Am 11. April feierte sie ihren 100. Geburtstag. Warum sie sagt, dass sie ein „böses Kind“ war – und welche verantwortungsvolle Aufgabe sie im Krieg hatte.

Rosenheim – Die Blumensträuße kann Maria Pitsch gar nicht mehr zählen. Zu ihrem 100. Geburtstag haben sich Nachbarn, Bekannte und Freunde nicht lumpen lassen. Immer wieder klingelt es am 11. April an ihrer Haustür in Fürstätt und immer wieder kommen neue Blumen, Karten und Luftballons dazu. Dabei hätte Pitsch nicht gedacht, dass sie noch 100 Jahre alt wird, wie sie selbst sagt.

„Ich habe viele Höhen und Tiefen durchgemacht“, sagt die Rosenheimerin. Gebürtig stammt sie eigentlich nicht von hier. Sie ist „Heimatvertriebene“, wie sie es selbst nennt, und kommt aus der Nähe von Römerstadt, aus dem heutigen Tschechien. Noch heute erinnert sie sich genau daran, wie es in ihrer Heimat ausgesehen hat. Dort, wo sie mit ihren Geschwistern, Eltern und Großeltern aufgewachsen ist.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

Ich war ein böses Kind“, sagt Pitsch mit einem Augenzwinkern. Sie sei stets aufs höchste Dach geklettert und auch mal in den nächstbesten Teich gefallen. Im Alter von 18 Jahren wurde sie für den Kriegsdienst eingezogen. „Ich hatte gerade meine kaufmännische Lehre abgeschlossen“, erinnert sich die heute 100-Jährige.

Doch diese Arbeit musste ruhen, denn am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Pitsch wurde dem Luftschutz-Warndienst zugewiesen. „Eine verantwortungsvolle Pflicht“, sagt sie, die sie sechs Jahre bis zum Ende des Krieges ausführte. „Das hat mir aber gutgetan“, so die Rosenheimerin.

In Rosenheim „immer Glück gehabt“

Allerdings konnte sie danach nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, sondern war gezwungen, sie zu verlassen. Im August 1946 kam Pitsch mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern nach Rosenheim. Darüber ist sie heute noch froh. „Ich habe hier immer Glück gehabt“, betont sie.

Das änderte aber nichts daran, dass sie großes Heimweh hatte. An eine Situation, die ihr dabei geholfen hat, es zu überwinden, erinnert sie sich heute noch: „Ich habe im Zug einen Mann getroffen. Er hat zu mir gesagt, dass Rosenheim und die Alpen so schön sind.“ Das habe es ihr gleich leichter gemacht.

Trauer um Elternhaus im Sudetenland

In Rosenheim fand sie schnell eine neue Anstellung beim Landratsamt Rosenheim. „Die Kolleginnen haben mich gut aufgenommen, das hat viel gegen das Heimweh geholfen“, betont Pitsch. Dennoch: „Ich habe lange um mein Elternhaus daheim getrauert“, sagt die 100-Jährige.

In Rosenheim heiratete sie ihren späteren Mann, den sie schon aus der Heimat kannte, und im Jahr 1950 kam ihre erste und einzige Tochter Edeltraud zur Welt. „Dann war die Familie vollständig“, sagt Pitsch. 1967 baute die Familie ein Haus in Fürstätt. Maria Pitsch arbeitete nach ihrem Wiedereinstieg in der Privatwirtschaft und beim Arbeitsamt, bevor sie mit 60 in Rente ging. „Es hat ihr immer gefallen, unter Leuten zu sein“, erzählt ihre Tochter Edeltraud.

Enges Verhältnis zur Tochter

Dass sie und Maria Pitsch sich nahestehen, ist nicht zu übersehen. An ihrem 100. Geburtstag weicht Edeltraud Pitsch ihrer Mutter nicht von der Seite. Sie nimmt sie immer wieder in den Arm, hält ihre Hand, schenkt ihr Sekt nach. Edeltraud Pitsch hat ihre Wohnung in der Aisinger Wies aufgegeben und ist zu ihrer Mutter gezogen, wie sie erzählt. „Ich bin schon stolz, dass sie 100 Jahre alt ist“, betont sie. Da Maria Pitsch geistig noch so fit sei, vergesse sie manchmal sogar ihr hohes Alter.

Oberbürgermeister Andreas März gratulierte Maria Pitsch persönlich.

Maria Pitsch ist nicht die einzige Rosenheimerin, die schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Oberbürgermeister Andreas März, der sie an ihrem 100. Geburtstag besucht, erzählt: „In Rosenheim gibt es etwa zwölf, 13 Leute, die 100 oder sogar älter sind.“ Maria Pitsch gratuliert er mit einem großen Blumenstrauß.

Volles Haus am 100. Geburtstag

So wie auch die vielen anderen Besucher: Nachbarn, Freunde, sogar der Hausarzt, seine Frau und eine Sprechstundenhilfe hätten sie schon persönlich beglückwünscht. „Seit heute Vormittag um zehn war das Haus voll“, sagt Edeltraud Pitsch und lacht. Für Maria Pitsch sei ihr 100. Geburtstag deshalb ein anstrengender, aber auch schöner Tag gewesen. Viel steht heute nicht mehr auf dem Programm, wie Tochter Edeltraud betont. Allerdings kommt noch Verwandtschaft zu Besuch. Ob die wohl auch Blumen mitbringt?

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