Nachgefragt in Rosenheim
Buchbinder? Wer macht so etwas noch heute und hat das überhaupt Zukunft?
Eine Ausbildung als Buchinder? Macht das in der heutigen Zeit der Digitalisierung noch Sinn? Und wie ist die Branche heutzutage überhaupt aufgestellt, wer ergreift diesen Beruf? Wir haben uns bei Buchbindermeisterin Bettina Maier aus Rosenheim sowie Fachleuten erkundigt.
Rosenheim - „Ich möchte Buchbinder werden!“ - Sollten da die Eltern nicht entgegnen: „Warum nicht gleich Hufschmied oder Kupferstecher?“ Zumindest im Fall von Georg Rappl, der in Bettina Maiers Buchbinderei „Pappenstil“ in Rosenheim seine Ausbildung absolviert, sei das nicht so gewesen. „Meine Eltern, besonders mein Vater, waren sehr glücklich, dass ich nach dem Abitur jetzt ins Handwerk gehe“, berichtet er. Er ist sichtlich mit Begeisterung an seiner Arbeit in der Werkstatt an der Herzog-Otto-Straße. „Es gibt Stellen für Buchbinder, weil überall Fachkräftemangel herrscht“, berichtet unterdessen Chefin Bettina Maier, „Auch mit Fortbildungs- und Aufstiegspotenzial. Reich wird man damit nicht, aber man kann damit seinen Lebensunterhalt bestreiten.“
„Vor 15 Jahren hätte ich noch gesagt: Ich verkaufe nie wieder ein Fotoalbum!“, meint sie, „Trotz weiter vorangeschrittener Digitalisierung wird das jetzt aber doch wieder stark nachgefragt.“ Demgegenüber gäbe es weniger Aufträge von Kommunen, Behörden, Vereinen und so weiter. Vor kurzem erst durfte sie aber beispielsweise das Goldene Buch der Stadt Rosenheim gestalten. Ihren Betrieb gibt es heuer bereits seit 25 Jahren.
Nachgefragt in Rosenheim: Buchbinder? Wer macht so etwas noch heute und hat das überhaupt Zukunft?
„Kaum ein Berufsbild vereint so sehr handwerkliches Können und jahrhundertealte Techniken mit aktueller Materialkenntnis und modernen High-Tech-Anforderungen“, beschreibt der Bund Deutscher Buchbinder sein Handwerk, „Denkt man dagegen an die moderne Buchproduktion, beginnend mit rasenden Druckmaschinen, computergesteuert und vollautomatisch, so gehört zur Buchbinderei, die am Ende dieses Prozesses steht, ein gehöriges Maß an Maschinenkenntnis und High-Tech-Wissen auf dem neuesten Stand.Es gibt heute in Deutschland etwa 500 handwerkliche Buchbindereien, von denen 3/4 auf Einzelanfertigungen und kleinere Serien eingestellt sind.“
Wohin entwickelt sich das Handwerk? „Ute Malbetsch, die für ihren Betrieb auf der Handwerksmesse gerade Buchbinder-Kunst demonstriert, kann sich ‚gar keine andere Beschäftigung mehr vorstellen, weil die soviel Spaß macht‘“, erfahren wir aus einem Bericht im Oberbayerischen Volksblatt (OVB) vom 15. März 1985, „Dass die Abiturientin sich vor zwei Jahren nicht - wie ursprünglich geplant - für ein Studium entschieden hat, hat sie im Nachhinein ‚nie bereut‘. Utes Fähigkeiten schätzt auch ihr Arbeitgeber, der mit jungen Frauen überhaupt beste Erfahrungen gemacht hat: In der Buchbinderei Schmidkonz war unter den letzten 20 Lehrlingen nur ein einziger Mann zu finden.“
Schon vor 40 Jahren also wurden es immer mehr Frauen in ihrer Branche. Maier selbst schloss ihre Meisterausbildung vor 26 Jahren ab und ihren Betrieb gibt es seit 25 Jahren. Männer seien inzwischen in der Minderheit, bemerkt auch Azubi Georg Rappl: „Es sind inzwischen nur noch knapp ein Viertel derjenigen, die eine Ausbildung anfangen.“ Das bestätigt auch Jens Christopher UIrich, Pressesprecher der Handwerkskammer für München und Oberbayern: „Stand 31. Dezember 2024 waren von sechs Auszubildenden in Oberbayern fünf Frauen. In ganz Bayern wiederum acht der elf.“ 2014 wiederum seien es drei von sechs in Oberbayern, beziehungsweise drei von sieben in ganz Bayern gewesen.
Realitäten des Berufs bewusst machen
Gleichzeitig gäbe es ähnliche Entwicklungen in anderen Handwerken: „Wir beobachten das auch bei anderen Handwerken, wie beispielsweise Schneiderei“, kommentiert Handwerkskammer-Sprecher Ulrich. „Als ich mich vor fast drei Jahrzehnten beim damaligen Obermeister der Buchbinderinnung erkundigt habe, wie so eine Ausbildung ausschaut, meinte der: ‚Ach das ist so ein Modeberuf für Abiturientinnen geworden, die sich nicht die Hände schmutzig machen wollen‘“, meint Buchbinderin Maier, die selbst nach dem Abschluss am Gymnasium ins Handwerk ging, „Da konnte ich dann nur kontern: ‚Da wäre ich dann aber falsch, ich will mir ja gerade die Hände schmutzig machen!‘“
Maier betont, man müsse sich auch über die Realitäten des Berufs bewusst sein: „Man muss teils noch von Hand Gerätschaften bedienen. Man sollte in der Lage sein, auch mal einen Stoß Bücher zu wuchten. Teils muss man mit bei der falschen Bedienung potenziell gefährlichen Werkzeugen und Geräten hantieren“, gibt sie zu bedenken, „Manche kommen dann daher, nachdem sie ein Instagram-Video gesehen hat, in dem jemand ein Poesiealbum auf dem Wohnzimmertisch im Zeitraffer ruckzuck gebunden hat und sind dann überrascht, wie die Arbeit tatsächlich aussieht.“
Handarbeit „wunderbare Sache“
Bettina Maier ist von der Wichtigkeit ihres Handwerks gerade in der aktuellen Zeit überzeugt: „Papier ist ein wunderbarer Werkstoff. Mit den Händen zu arbeiten, ist eine wunderbare Sache.“ Demgegenüber erlebe sie es immer mehr, dass grundlegende Fähigkeiten verloren gingen: „Jugendliche, die noch nie etwas mit einer Schere ausgeschnitten haben. Oder die noch nie einen Faden durch ein Nadelöhr gezogen haben. Aber auch Erwachsene, die gar keine Ahnung und teilweise auch keinen Respekt mehr vor Büchern haben. Bücher sind leider bei manchen Leuten enorm in der Wertschätzung gefallen. Gleichzeitig gehen damit dann Fehler bei der Handhabung der Werke einher, die man vielleicht schätzt. Beispielsweise indem man die Familienbibel dann mit einem Stück Tesa repariert, was aber verheerende Auswirkungen haben kann.“
Weitere Informationen zur Ausbildung als Buchbinder
Bei Interesse könnt Ihr euch hier auf der Website der Buchbinderinnung oder hier auf der Internetpräsenz des Bunds Deutscher Buchbinder informieren.
Wie eingangs gesagt habe die Branche heutzutage durchaus noch allerhand Job-Perspektiven. Maier mahne aber, seinen Horizont durchaus zu erweitern: „Praktika, Praktika, Praktika. Man sollte erstmal ausprobieren, ob man sich nicht vielleicht auch woanders besser aufgehoben fühlt“, meint sie. Dem schließt sich auch Jens Christopher Ulrich von der Handwerkskammer an: „Man sollte sich beispielsweise auf Berufsmessen umfangreich und frühzeitig informieren und selbst herausfinden, wo man hinpasst.“ Maiers Azubi Rappl scheint auf jeden Fall hochzufrieden mit seiner Berufswahl: „Ich würde nichts anderes machen wollen.“ (hs)

