Mutiger Mann aus Bernau berichtet exklusiv
„Kuriosität“, „Phänomen“, Alien? Alessandro ist Tagesvater - das überrascht selbst die KI
Tagesmütter gibt es in der Region so einige. Aber gibt es auch einen Tagesvater, der Kinder betreut? Wir haben uns auf die Suche begeben – mit überraschenden Ergebnissen und einer bemerkenswerten Geschichte.
Bernau – Die Suche nach einem Tagesvater in den Landkreisen der OVB-Region beginnt natürlich beim schier allwissenden „Big Brother“ Google. Dort ist neuerdings ja die Künstliche Intelligenz (KI) ganz entscheidend an der Suche beteiligt, aber die fragt erstmal ganz entrüstet: „Meinten Sie Tagesmutter?“ Bei einer weiteren Suche taucht auch noch das Wort „Tagesvaterin“ auf – die KI meint also offenbar, dass die gesuchte Person zwingend weiblich sein sollte, auch wenn der Begriff männlich ist.
Tagesvater im Landkreis Traunstein? Fehlanzeige
Weiter unten in den Suchergebnissen findet sich tatsächlich ein laut Internet existenter Tagesvater im Randbereich von München, der allerdings auf mehrmalige telefonische Versuche nicht reagiert. Also ist das Amt für Kinder, Jugend und Familie im Landratsamt Traunstein die nächste Anlaufstelle. Christian Schwind von Fachdienst Tagespflege erinnert sich, dass vor einiger Zeit einmal ein Mann aus der Region zumindest den Qualifizierungskurs für Tageseltern abgeschlossen hat.
„Aber aktuell haben wir keinen Mann im Landkreis in unserem Verzeichnis. Allgemein ist der Kita-Betreuungsbereich ja sehr frauenlastig“, sagt Schwind dem OVB: „Ich könnte mir auch vorstellen, dass es von einigen Eltern bei derlei Betreuung im häuslichen Bereich auch Vorbehalte gegen Männer geben könnte.“ Auch das könnte sicher eine Rolle dabei spielen, dass Tagesväter in der Region so etwas wie Aliens sind.
Unfassbar: Es gibt einen Tagesvater!
Trotzdem folgt noch eine letzte Rückfrage beim Landratsamt Rosenheim. Dort heißt es überraschenderweise, dass man auf einer Liste vorhandene Tagesväter über das Interesse des OVB zumindest informieren werde. Und tatsächlich meldet sich ein paar Tage später – und Wochen nach der ersten, nebulösen Antwort der KI – ein Tagesvater per Mail. Er heißt Alessandro Danese, lebt in Bernau am Chiemsee. Dann erklingt seine sympathische Stimme am Telefon – es gibt ihn also tatsächlich, einen leibhaftigen Tagesvater in unserer Region!
„Ich weiß, ich bin eine Kuriosität. Ein Phänomen“, sagt Alessandro Danese und lacht laut auf. Er kennt die Fragezeichen in den Gesichtern, wenn er Fremden berichtet, dass er von Beruf Tagesvater ist. Ein Job, der im herkömmlichen Familienbild zumindest in Bayern eindeutig und ausschließlich bei Frauen verortet ist. „Viele verstehen es erst, wenn ich erzähle, dass meine Frau als Tagesmutter arbeitet“, berichtet der sympathische Mann. Die Kombination aus einer Tagesmutter und einem Tagesvater in einer gemeinsamen Kinder-Tagespflegeeinrichtung wird offenbar leichter akzeptiert.
Ehefrau ist Tagesmutter - das macht es leichter
Seine Frau Jesus Danese Geisa macht den Job schon seit 2008, die gebürtige Brasilianerin hat sich in der Chiemsee-Region seitdem einen guten Ruf erarbeitet. Vor etwa drei Jahren bot sich durch den Auszug eines Bekannten den Daneses plötzlich die Chance auf eine größere Wohnung mit Garten, die man für die Großtagespflege nutzen kann. Also kündigte Alessandro schweren Herzens seinen Job als Betreuer für minderjährige Flüchtlinge bei der Diakonie-Jugendhilfe und sattelte zum Tagesvater im gemeinsamen Familien-Business um.
Kein Problem für ihn als ausgebildeter Heilerziehungspfleger mit einer weiteren Ausbildung als Krankenpfleger. Zudem hatte er schon in den Jahren vor seinem offiziellen Einstieg als Tagesvater häufiger mit den von seiner Frau betreuten Kids zu tun: „Ich habe früher im Schichtdienst gearbeitet, da bin ich den Kindern natürlich begegnet und habe mitgeholfen. Ich fand es schon immer interessant und lustig.“ So ist es auch nach seinen ersten nun zweieinhalb Jahren als Tagesvater immer noch.
So ist der Tagesvater-Alltag
„Meine Frau und ich sind jeweils für fünf Kinder zuständig. Wir sind für die Kinder ab 7.30 Uhr bis spätestens 18 Uhr da“, erzählt der gebürtige Italiener, der mit elf durch den Umzug seiner Eltern an den Chiemsee kam. In seiner Gruppe sind zwei fünfjährige Kinder und drei, die erst zwei Jahre alt sind. Trotz des Altersunterschieds funktioniert das Ganze meist blendend: „Da entwickelt sich immer so eine Art Gruppendynamik. Die spielen Kindergarten oder die Großen sind eben Mama und Papa.“ Man merkt Alessando Danese bei diesen Worten die Begeisterung für seinen Job an.
Vorbehalte gegen ihn als Mann in dieser Vertrauensposition spürt er selten. „Es gibt immer ein Vorgespräch mit den Eltern, wo wir auch die Einrichtung zeigen. Wir hatten aber nie das Gefühl, dass die Eltern Ängste hatten.“ Die Eltern können auch jederzeit bei der Betreuung vorbeischauen, das gibt zusätzliche Sicherheit. Dass es wegen Übergriffen zum Beispiel in Kitas oder in Sportvereine Ängste geben könnte, kann Alessando Danese grundsätzlich nachvollziehen. „Wir haben selbst zwei eigene Kinder, zwei Mädels – natürlich kennt man da solche Gefühle“, sagt er.
Vorbehalte gegen Männer in diesem Job?
Dann fügt er aber hinzu, dass auch „Frauen übergriffig werden können“. Er hat selbst in seinem vorherigen Job zwei Fälle erlebt, einmal war eine Frau die Täterin, einmal ein Mann. Dass er mit seiner Frau ein Tagesvater/Tagesmutter-Team ist, macht die Sache sicherlich leichter: „Wenn ich das allein hätte starten müssen, hätte ich sicher mehr Bauchschmerzen gehabt“, gibt der Tagesvater zu: „Dabei ist der Bedarf eigentlich riesig.“
Das gilt generell für Männer im Bereich der Kindereziehung. „Sie bringen noch einmal eine ganz andere Komponente rein. Viele Eltern und vor allem Kinder schätzen das sehr“, sagt Christian Schwind.
Was macht ein Tagesvater anders?
Alessandro Danese kann das bestätigen. Als Mann macht er auch mal Spiele mit den Kindern, die ein bisschen wilder sein dürfen. Zudem bricht er oft die typischen Geschlechterrollen bei den Zwergen auf: „Wenn wir Ballspielen kommen nach den Jungs meist auch die Mädchen dazu. Und dass sich Jungs meist die Bagger nehmen und Mädchen die Puppen, wird auch oft aufgebrochen.“
Das Feedback der Eltern zur ungewöhnlichen Kombi Tagesmutter/Tagesvater ist positiv – dafür spricht auch, dass die Daneses ausgebucht sind und sogar eine Warteliste haben. Und wie ist es nun, als Mann diesen ungewöhnlichen Beruf als Tagesvater auszuüben? „Ich habe es noch nie bereut, dass ich damit angefangen habe“, sagt Alessandro Danese.
Natürlich würde er sich darüber freuen, wenn er sich ab und an mit einem anderen Tagesvater aus der Region austauschen könnte. Vielleicht würde ja dann auch die KI lernen, dass es Tagesväter (und nicht nur Tagesmütter oder Tagesvaterinnen) in der Realität leibhaftig gibt...

