OVB-Interview mit Rohrdorfs Bürgermeister
Kein Bock auf Lokalpolitik? Gemeinden geht der politische Nachwuchs aus – Was jetzt helfen soll
Die Gemeinden in der Region Rosenheim haben ein Problem: Ihnen geht der Nachwuchs für die Kommunalpolitik aus. Das Durchschnittsalter der Gemeinderäte steigt. Ein Grund dafür ist auch die politische Stimmung. Was das für die Zukunft bedeutet und was dagegen helfen soll, sagt Rohrdorfs Bürgermeister Simon Hausstetter im Interview.
Rosenheim/Rohrdorf – Der Blick in die Zukunft bereitet Simon Hausstetter Bauchschmerzen. Der Bürgermeister von Rohrdorf hat die Sorge, dass der Kommunalpolitik bald der Nachwuchs ausgeht. Aus diesem Grund hat sich Hausstetter, auch Vorsitzender der Leader-Aktionsgruppe (LAG) Mangfalltal-Inntal, gemeinsam mit seinem Team etwas überlegt: Das gesellschaftliche Engagement soll wieder größer werden. Dazu hat sich die LAG – ein Zusammenschluss von 22 Kommunen im Landkreis Rosenheim – ein Projekt für die Region einfallen lassen. Im Gespräch mit dem OVB erklärt Hausstetter, welche Folgen die Nachwuchssorgen haben könnten, wo das Problem liegt und wie ein Projekt helfen soll.
Der Ausgang der Bundestagswahl, der Rechtsruck und viele andere Herausforderungen – wie groß sind ihre Sorgen als Politiker derzeit?
Simon Hausstetter: Der Ausgang der Wahl ist für mich gar nicht das Entscheidende. Natürlich ist man beunruhigt, was die extremen Strömungen betrifft. Entscheidend ist aber eigentlich die Kommunalwahl 2026 und die Befürchtung, dass viele Parteien, Fraktionen oder Wählergruppen Probleme haben werden, Leute zu finden, die sich für das kommunale Ehrenamt bewerben.
Es will niemand mehr in die Kommunalpolitik?
Hausstetter: Es werden auf jeden Fall weniger Menschen, das ist schon festzustellen. Wir merken, dass in den politischen Ämtern auf kommunaler Ebene eine Überalterung eintritt. Bei uns in der Gemeinde haben wir im Gemeinderat einen Altersdurchschnitt von über 50 Jahren. Und es wird wahrscheinlich Kommunen im Landkreis geben, in denen der Durchschnitt noch höher liegt. Dazu haben viele Fraktionen bereits jetzt Schwierigkeiten, überhaupt Leute zu finden, die sich noch dafür erwärmen können.
Woran liegt das?
Hausstetter: Ein Punkt ist mit Sicherheit, dass das Ansehen für ein Ehrenamt nicht mehr so ist, wie es früher war. Wer früher Gemeinderatsmitglied war, der konnte sich darauf verlassen, dass er schon ein gewisses Ansehen in der Gemeinde hat. Mittlerweile hat man manchmal den Eindruck, dass man eher der Sündenbock ist und man keinem irgendetwas recht machen kann. Dazu kommt, dass wir auch eine Individualisierung und immer mehr Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung haben. Da ist oft keine Zeit mehr, sich für andere zu engagieren.
Haben Sie schon Anfeindungen oder Respektlosigkeiten in Ihrem Amt erlebt?
Hausstetter: Ja, die gibt es natürlich. Aber sie haben sich in einem noch einigermaßen tolerablen Rahmen bewegt. Der Ton wird grundsätzlich rauer. Insbesondere in den sozialen Medien, die es natürlich vor einigen Jahren noch nicht in diesem Umfang gab.
Können Sie junge Menschen verstehen, dass sie keine Lust mehr auf Politik haben – vor allem mit Blick in die sozialen Medien?
Hausstetter: Ja. Das Interesse an der Kommunalpolitik ist allgemein geringer als früher. Das stellt man zum Beispiel bei Bürgerversammlungen fest, da der Altersdurchschnitt dort relativ hoch ist und die jungen Leute weniger Interesse dafür zeigen. Natürlich hängt das auch mit der entsprechenden Lebenssituation zusammen. Wenn man als 35-Jähriger zwei kleine Kinder daheim hat, dann hat man vielleicht Besseres zu tun, als in die Bürgerversammlung zu gehen.
Was sind die Folgen, wenn sich kein Nachwuchs mehr für die Ämter finden lässt?
Hausstetter: Es kann sein, dass irgendwann Entscheidungen am Willen der Bevölkerung vorbeigehen, weil gewisse Altersgruppen in den Räten nicht mehr vertreten sind. Wenn keine jungen Menschen im Gemeinderat sitzen, ist die Stimme der Jugend oft nicht so präsent. Zudem könnte es auch sein, dass sich keine Leute mehr finden lassen, die als Bürgermeister kandidieren wollen, vor allem, wenn das Bürgermeisteramt ehrenamtlich ist.
Was passiert in einem solchen Fall?
Hausstetter: Wenn es keinen Kandidaten für das Bürgermeisteramt gibt, kann die Kommune die Stelle ausschreiben und vielleicht findet sich darüber ein guter Bewerber. Ob ein solcher Bewerber dann in der Bevölkerung entsprechende Akzeptanz findet, ist fraglich.
Fürchten Sie, dass Gemeinderäte oder andere Gremien komplett „aussterben“?
Hausstetter: Diese Gefahr sehe ich nicht, vor allem in unserer Gegend nicht, aber man muss ja nicht warten, bis es zu spät ist.
Dennoch haben Sie und die LAG sich etwas einfallen lassen, um gegen den Trend vorzugehen.
Hausstetter: Wir wollen die Leute wieder begeistern und motivieren können, sich in den kommunalen Gremien zu engagieren. In der LAG-Vorstandschaft kam irgendwann die Idee, dass wir das aufgreifen wollen. Deshalb wollen wir den Wettbewerb „Demo...gratis“ anbieten, an dem unsere 22 Kommunen teilnehmen können.
Einen Wettbewerb?
Hausstetter: Die Vorstellung ist, dass sich alle möglichen Menschen in den Gemeinden von Vereinen, Schulen bis zu Gruppen von Bürgern mit dem Thema Demokratie beschäftigen - außer politischen Fraktionen. Das kann auf künstlerische Art und Weise, mit Veranstaltungen, Vorträgen, Diskussionen oder mit jeder anderen Idee sein. Wir haben uns vorgestellt, dass man das an die Grundrechtsartikel anlehnt. Am Ende werden drei Projekte als Gewinner ausgewählt.
Warum fiel die Wahl auf die Themen Demokratie und Grundgesetz?
Hausstetter: Zurzeit kann man den Eindruck gewinnen, dass die demokratischen Werte in den Hintergrund rücken und die Privilegien unseres demokratischen Grundgesetzes zu selbstverständlich geworden sind. Es gibt mittlerweile eher den Ruf nach einer starken Hand oder einem starken Mann. Wir müssen nur in die USA blicken. Das widerspricht unseren demokratischen Grundsätzen massiv.
Wie kann ein Wettbewerb helfen, das aufzuhalten oder zu verbessern?
Hausstetter: Wir müssen uns mit den demokratischen Werten beschäftigen, ob in der Schule oder in den kommunalen Gremien. Es ist nicht umsonst, man muss etwas für diese demokratischen Privilegien tun, die wir genießen. Daher leitet sich auch der Name „Demo...gratis“ ab. Vor allem geht es uns darum, das Miteinander in den Gemeinden mit dem Wettbewerb zu stärken und das Interesse für gesellschaftliches Engagement zu wecken.
Haben Sie ein Beispiel, wie das klappen kann?
Hausstetter: Der politische Diskurs muss wieder öffentlich geführt werden, nicht nur in den sozialen Medien. Über Stammtische schimpft man gerne mal, aber das ist ein Ort, an dem tatsächlich eine Diskussion stattfindet. Da muss man seinen Standpunkt anderen ins Gesicht sagen und hinterher wird es diskutiert. Über den Wettbewerb hoffen wir auch Leute ins Gespräch zu bringen, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen und bisher wenig miteinander zu tun hatten: aus Kunst, Kultur, Vereinen und natürlich auch jene Bürgerinnen und Bürger, die bisher nicht politisch und sozial engagiert sind. Unser Ansatz ist der Versuch, auf breiter Basis das gesellschaftliche Engagement zu stärken.
