Ein pädagogisches Urgestein
„Sonnenkinder“ an der Macht: Wie ein besonderer Geist die Halfinger Kita zum Herzensort macht
In der Kita „Sonnenkinder“ in Halfing haben die Kinder das Sagen. Sie bestimmen mit – und ihre „Dialogfachkräfte“ unterstützen sie dabei. Die Eltern sind begeistert. Sie schätzen die individuelle Förderung und liebevolle Betreuung. Wie die Mitarbeiter aus ihrer Kita einen Herzensort gemacht haben.
Halfing – Der Morgen beginnt in der Kita „Sonnenkinder“ des Kinder- und Familienzentrum inklusiv-integrativ (KiFaZi) mit einem „Lichtlein im Herzen“. Das zünden die Kinder singend im Morgenkreis an und schauen, wer heute alles da ist. Neu in der Runde ist eine Reporterin vom OVB. Und die darf fragen, was den Kindern in ihrem KiFaZi besonders gefällt. „Dass man viele Freunde trifft“, ist natürlich das wichtigste Argument in einem Haus mit 78 Kindern in Krippe, Kindergarten und Hort. „Dass man viel spielen kann“, gleich das nächste. Und dann prasselt die Begeisterung nur so aus den Knirpsen heraus: „Wir haben eine Baustelle. Ein Spielzimmer. Ein Reich der Worte. Einen Raum der Forscher. Ein Reisezimmer. Ein Atelier. Sogar eine Werkstatt. Eine Küche – extra für uns. Einen großen Garten. Und eine Ruheinsel.“ Schließlich soll die Neue ja wissen, was es hier alles zu entdecken gibt.
Kleingruppenkonzept und individuelle Förderung
Jana Czifranics erklärt, was genau die Kleinen so fasziniert: „Um jedes Kind so anzunehmen, wie es ist, haben wir ein Kleingruppenkonzept entwickelt. In jeder Gruppe ist Platz für zwölf Kinder, die von zwei pädagogischen Fachkräften betreut werden.“ Czifranics ist seit 15 Jahren bei den „Sonnenkindern“. Das teiloffene Konzept wurde im Team und mit der Trägerin Silke Kochendörfer-Schneeweis entwickelt.
Im Alltag funktioniert es so: „Am Morgen kommen die Kinder in ihrer Stammgruppe an und verteilen sich im Laufe des Tages im ganzen Kinderhaus.“ Dann dürfen die Kinder in unterschiedlichen Funktionsräumen – den von ihnen beschriebenen Erlebniswelten – ihren Interessen nachgehen. Ihre Erzieherinnen „gehen ihnen führend nach“, wie es in der Pädagogik heißt. Und das bedeutet: Sie folgen aufmerksam den individuellen Bedürfnissen der Kinder und begleiten sie in ihrer Entwicklung, anstatt ihnen starre Vorgaben zu machen. „Im Mittelpunkt der Arbeit steht immer das Kind und alles, was ihm guttut“, betont Kita-Leiterin Alexandra Heinl.
Dialogfachkräfte fördern wertschätzende Atmosphäre
„Eigentlich sind wir nicht nur Erzieherinnen, sondern Dialogfachkräfte“, erklärt Jana Czifranics, „denn diese Bezeichnung verdeutlicht viel besser, was wir eigentlich machen: Wir sind in ständiger Interaktion und Kommunikation mit den Kindern und schaffen so eine wertschätzende und anregende Gesprächsatmosphäre, in der die Kinder ihre Gedanken und Gefühle mitteilen können.“
Im Morgenkreis zupft Erzieherin Claudia Eckstein die Saiten ihrer Gitarre und studiert mit den Kindern ein neues Lied ein. Sie erklärt die Textzeilen mit vielen Gesten. „Das sind sprachbegleitende Gebärden, die die soziale und geistige Entwicklung durch die visuellen Varianten von Begriffen zusätzlich fördern“, erklärt sie später. Jedes Kind des inklusiv-integrativen Kinder- und Familienzentrums wird individuell gefördert. Eines braucht weniger, ein anderes mehr Unterstützung. Deshalb kommen auch Heilpädagogen und Logopäden ins Haus. Sie fördern die Kinder in Gruppen, damit sich kein kleiner Mensch ausgegrenzt fühlt.
Jedes Kind und jeder Erwachsene ist willkommen
„Unser Kinderhaus ist ein besonderer Ort, an dem jedes Kind willkommen ist und so sein darf, wie es ist“, erklärt Heinl. Das gilt nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen, die zum Haus für Kinder gehören. „Ich spüre, dass ich von meiner Arbeitgeberin und meinem Team erwünscht bin, gefördert und bestärkt werde“, erklärt Claudia Eckstein die Atmosphäre. „So kann ich positiv und entspannt mit den Kindern in all ihrer Vielfalt an Bedürfnissen umgehen, den Alltag mit Freude leben und frohgemut alle Herausforderungen des Lebens meistern.“
Susanne Garhammer ist Mutter und Erzieherin zugleich. Nach der Elternzeit kehrt sie jetzt wieder in ihr Haus für Kinder zurück, dessen Räumlichkeiten sie 2016 mit anderen Mitarbeitern, Eltern und freiwilligen Helfern gestaltet hat. „Ich freue mich schon auf den Neustart, denn wir verstehen uns hier alle gut und nehmen uns so an, wie wir sind.“ In dieser Gemeinschaft hat das Team der „Sonnenkinder“ schon vieles für die Familien möglich gemacht. „Weil gute Betreuung keine Frage der Uhrzeit sein sollte, haben wir uns 2016 beispielsweise am Bundesprogramm Kita-Plus beteiligt, wochentags von 6.30 bis 18.30 Uhr und samstags von 8 bis 13 Uhr geöffnet“, berichtet Silke Kochendörfer-Schneeweis.
Team macht möglich, was den Kindern guttut
Sie ist geschäftsführende Gesellschafterin der gemeinnützigen Kochendörfer GmbH, der Trägerin der Halfinger Kindereinrichtung, und sammelte mit dem außergewöhnlichen Projekt gute Erfahrungen: „Die Nachfrage war groß, da viele Eltern im Schichtdienst arbeiteten.“ Mit Corona schlief das Projekt wieder ein. „Ich habe das Gefühl, dass sich junge Familien in der Pandemie wieder auf die gemeinsame Zeit besonnen haben“, sagt Kochendörfer-Schneeweis. Am häufigsten werde heute eine vier- bis fünfstündige Betreuung nachgefragt. Die Kernöffnungszeit des Hauses für Kinder – derzeit von 7 bis 16 Uhr – richtet sich nach dem Bedarf der Familien.
Andrea Aicher hat sich in mehreren Einrichtungen umgeschaut und bewusst für die „Sonnenkinder“ entschieden. „Die Erzieherinnen haben mich überzeugt. Ich hatte sofort Vertrauen und wusste, dass meine Kinder hier gut aufgehoben sind“, sagt sie. Die vergangenen Jahre in Krippe, Kindergarten und Vorschule gaben ihr Recht: „Es war eine durch und durch gute Zeit.“ Nach ihrem Tag in der Kita seien die Kinder entspannt. „Sie werden hier liebevoll betreut. Ihre Erlebnisse und ihr Stolz auf neu erworbenes Wissen zeigen, dass pädagogische Ziele spielerisch umgesetzt werden.“
Spielerische Sprachförderung beim Frühstück
In der Kita „Sonnenkinder“ wird auch aufs gemeinsame Essen Wert gelegt. Die Kinder bringen selbst gar nichts mit. Die Kita stellt eine Brotzeit am Morgen, das Mittagessen und bei Bedarf auch ein Nachmittagsvesper zur Verfügung – alles frisch. „Anfangs erntete diese Idee nicht nur Applaus“, erinnert sich Silke Kochendörfer-Schneeweis, denn sie kostet 120 bis 130 Euro extra pro Monat. Doch da die Kinder auf diese Weise auch mal Essen ausprobieren, was sie sonst ablehnen, überzeugte das Konzept dann doch. Wie überall im Alltag der „Sonnenkinder“ werden in die Mahlzeiten pädagogische Konzepte spielerisch eingebunden. So erklären die Erzieher beispielsweise die Bestandteile des Buffets mit Worten und Fotos, fördern so die Sprache und den Wortschatz der Kinder.
Christian Brand schwingt das kulinarische Zepter im Haus für Kinder. Er kocht täglich etwa 70 Portionen frisch. Sein Anspruch: „Es muss einfach schmecken.“ Dass die Kinder gern auch mal beim Kochen helfen, ehrlich und direkt sind, das liebt er an seinem Beruf.
Ein Ort, der in Erinnerung bleiben soll
„Wir bezeichnen unsere Kita Sonnenkinder als einen Ort, der in Erinnerung bleibt – einen Herzensort“, sagt Claudia Eckstein. Das gesamte Projekt KiFaZi sei aus einer Herzensangelegenheit der Mitarbeiter entstanden, denn 2016 stand die Kita auf der Kippe. Die Gemeinde hatte sich für einen Trägerwechsel entschieden. Doch viele Mitarbeiter der gemeinnützigen Kochendörfer GmbH wollten nicht zum neuen Träger wechseln.
„Wir wollten unser Projekt und unser Team erhalten, denn uns verbindet ein ganz besonderer Spirit“, erinnert sich Claudia Eckstein. Also wagten sie gemeinsam in neuen Räumen einen kompletten Neustart. Eine mutige Entscheidung, auf die das Team der „Sonnenkinder“ noch immer stolz ist: „Wir führen unser einzigartiges Konzept weiter. Wir leben Freude, meistern den Alltag und gestalten die Zukunft – wertschätzend, kompetent, integrativ und inklusiv“, beschreibt Eckstein. „Und wir sind froh über die tollen Kinder, die wir betreuen und begleiten dürfen.“



