Bauantrag für Vermietung eines Hauses von 1976
„Bürokratie-Wahnsinn“ um Bernauer Haus von Gerhard Muche (84): Gibt es eine Überraschung?
Gerhard Muches Geschichte bewegt eine ganze Region, weil es darum um die ungeliebte deutsche Bürokratie geht. Der 84-Jährige sollte für die Vermietung seines Hauses von 1976 einen Bauantrag stellen. Dann kam Post von Bernaus Bürgermeisterin – darf eine junge Familie nun einziehen?
Bernau – So oft wie in den vergangenen Wochen ist Gerhard Muche in Bernau und Umgebung noch nie angesprochen worden. Das er fast eine „lokale Berühmtheit“ geworden ist, will etwas heißen – schließlich wohnt der 84 Jahre alte Mann schon seit ein paar Jahrzehnten in Chiemsee-Nähe. Ende Mai hat er den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt, um einen „Schildbürgerstreich“ der Behörden anzuprangern. Muche wollte nämlich sein Häuschen von 1976 zum 1. Juli an eine Familie vermieten – und sollte für ein baulich komplett unverändertes Haus einen neuen Bauantrag stellen.
Frust über „galoppierenden deutschen Amtsschimmel“
Sein Frust über den „galoppierenden deutschen Amtsschimmel“ traf einen Nerv bei den Menschen in der Region: „Die Bürokratie wird immer schlimmer“. In seinem Fall hieß das konkret, dass er die 2022 für eine Nutzungsänderung zum Ferienhaus schon einmal eingereichten umfangreichen Unterlagen vom Bauantrag bis zum Kataster-Auszug noch einmal zum Landratsamt Rosenheim schicken sollte. Für ein Haus, das seit fünf Jahrzehnten äußerlich unverändert in Bernau steht.
„Es ist doch hanebüchen, das alles nochmal machen zu müssen. Ich musste sogar die Tippeltappel-Tour zu insgesamt sechs Nachbarn in der Umgebung noch einmal machen und ihre Einverständnis-Erklärung für die Nutzungsänderung einholen. Was soll der Quatsch, ich will doch nur das Haus vermieten, noch dazu an eine Familie von hier“, fragte sich Muche. Als kleines Zeichen seines Widerstands verweigerte er den neuerlichen Gang zum Katasteramt – und hatte sich nervlich darauf eingestellt, dass er sein Häuschen zumindest übergangsweise als Ferienhaus (diese Verwendungsart war behördlich genehmigt) an die junge Familie vermieten muss.
Plötzlich ein Brief in Muches Briefkasten
Doch es kam alles anders – eines schönen Juni-Tages fand der sehr agile Senior einen Brief von der Gemeinde Bernau als Überraschung in seinem Briefkasten. „Sehr geehrter Herr Dr. Muche“, stand da geschrieben: „Gemäß Artikel 58 BayBO (Bayerische Bauordnung) wird Ihnen hiermit mitgeteilt, dass zu dem o. g. Bauvorhaben ein Genehmigungsverfahren nicht durchgeführt werden soll.“ Mal ganz abgesehen davon, dass Gerhard Muche nie eine Bauvorhaben sondern nur eine Vermietung im Sinn hatte – plötzlich waren alle seine Probleme gelöst. Unterschrieben war das Ganze von Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Dabiber.
Hat etwa der öffentliche Druck gewirkt? Auf Anfrage des OVB bestreitet die Ortschefin das. „Herr Muche wurde genauso behandelt wie alle anderen“, so Biebl-Daiber. Auch, dass der Brief mit der „Mitteilung über die Genehmigungsfreistellung“ von der Gemeinde statt vom Landratsamt Rosenheim komme, sei gängige Praxis: „Weil das Haus im Bereich eines örtlichen Bebauungsplans liegt. Deshalb muss die Freistellung von der Gemeinde kommen.“
Und wie sieht Irene Biebl-Daiber persönlich solche Fälle wie den von Gerhard Muche, der viele Mitbürger auf die Palme bringt? „Ich kann den Ärger nachvollziehen, weil der Aufwand wirklich groß ist. Aber dass eine finale Genehmigung bei solchen Nutzungsänderungen zum Beispiel zum Ferienhaus oder zur Miete nötig ist, finde ich wichtig“, so Biebl-Daiber. Allerdings regt sie Veränderungen am Procedere an: „Man muss sich Gedanken machen: Gibt es nicht ein einfacheres Verfahren? Zum Beispiel nur zu fragen, was sich konkret ändert – also zum Beispiel die Stellplätze. Dann könnte man nur das abfragen und nicht einen kompletten Bauantrag verlangen.“
Happyend: Die Familie ist eingezogen
Generell ist auch die Bürgermeisterin für eine Vereinfachung der behördlichen Verfahren: „Jede Ausschreibung muss heutzutage ein Meisterwerk sein. Die Bürokratie wird immer mehr zum Wahnsinn.“ Gerhard Muche wird seiner Ortschefin in diesem Punkt ganz sicher zustimmen. Die wichtigste Nachricht zum Schluss: Die junge Familie mit einem 14-monatigen Jungen ist übrigens nach all dem Ärger inzwischen in das Muche-Häuschen eingezogen.
