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Autistisches Kind mit Entwicklungsverzögerung

„Eiskalt, krass“ – Benjamin (6) fliegt aus Kita Greimharting: Die Folgen für ihn und die Mama

Ohne Kita-Platz: Miriam Selimbasic und ihr Sohn Benjamin.
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Ohne Kita-Platz: Miriam Selimbasic und ihr Sohn Benjamin.

Benjamin ist ein aufgeweckter Bub (6) mit einer Entwicklungsverzögerung, autistischen Zügen und ohne Kita-Platz. Er flog aus dem Kindergarten in Greimharting, obwohl er dort einen speziellen Integrationsplatz hatte. Seine Mama berichtet, welche dramatischen Folgen das für Benjamin und sie hat - und warum ihr Problem kein Einzelfall ist.

Prien/Rimsting – Miriam Selimbasic sitzt auf einer Bank im Schatten eines Baumes und sieht ihrem Sohn Benjamin beim Herumtollen auf dem Spielplatz in Prien zu. Immer mal wieder schaut der sechsjährige Bub bei seiner Mama vorbei, gibt ihr einen Kuss und fragt, wie lange ihr Gespräch noch dauern wird. Die beiden wollen an diesem Sommervormittag noch zusammen zum Baden fahren. Weil sie genügend Zeit dafür haben – Benjamin hat nach seinem Rauswurf aus dem Haus für Kinder in Greimharting seit über einem halben Jahr keinen Kita-Platz mehr. Und Miriam Selimbasic ist deshalb gezwungenermaßen arbeitslos.

Kein juristischer Kampf – aber auf großes Problem aufmerksam machen

Den juristischen Kampf um den Kindergarten-Platz in der Gemeinde Rimsting hat die intelligente Frau aufgegeben: „Mein Anwalt wollte weitermachen, weil er uns im Recht sah. Aber ich möchte nicht zu viel Streit mit der Nachbarschaft und dem Ort, wir wollen als Familie gern in Rimsting bleiben.“ Trotzdem hat sie sich ein paar Monate nach der Kündigung des Kita-Platzes entschlossen, mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit zu gehen. Weil sie dabei helfen möchte, dass andere Eltern und Kinder in ähnlicher Lage nicht das Gleiche wie sie durchmachen müssen. Und auf ein Problem aufmerksam machen will, das offenbar immer größer wird und weit über die Kita Greimharting hinaus geht.

„Es gibt immer mehr sogenannte ‚spezielle‘ Kinder. Die einen haben wie Benjamin eine Entwicklungsverzögerung und autistische Züge. Andere ADHS. Immer mehr sprechen kein Deutsch. Unter diesem Mix leiden dann am Ende alle Kinder, weil es nicht genügend Fördereinrichtungen für jene gibt, die sie brauchen. Egal ob jetzt sprachlich oder in Sachen geistige Entwicklung“, sagt Miriam Selimbasic dem OVB.

Warum wurde Benjamin der Kita-Platz gekündigt?

Ihr Sohn Benjamin hat Riesenglück, dass er ab September in die Philipp-Neri-Schule in Rosenheim gehen kann. Die Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung der Caritas muss nämlich viele Bewerber ablehnen, weil die Kapazitäten einfach nicht ausreichen. In der Kita in Greimharting wären die Möglichkeiten für Benjamins Betreuung zumindest theoretisch vorhanden gewesen. Das Personalverhältnis zwischen Kindergärterinnen und Kindern ist hier besser als in vielen Kitas der Region. Zudem wurde dem Buben ein Integrationsplatz zugesprochen – der ist so viel wert wie drei Vollplätze. Am 5. November 2024 wurde dem Buben der Kita-Platz trotzdem gekündigt.

„Benjamin wird aufgrund § 11 Abs 1 Benutzungsordnung mit Wirkung zum Ende des laufenden Monats unter Einhaltung einer mindestens zweiwöchigen Kündigungsfrist vom weiteren Besuch der Kindertagesstätte ausgeschlossen, da er nach Nr. 4 entwicklungsbedingt den Anforderungen der jeweiligen Kindertagesstätte nicht gewachsen ist“, heißt es in dem Schreiben mit der Unterschrift von Rimstings Bürgermeister Andreas Fenzl.

Das Kündigungsschreiben der Gemeinde Rimsting.

In anderen Kitas funktionierte es

Miriam Selimbasic ärgert daran vor allem, dass die Greimhartinger Kita-Leitung bei Benjamins Start zwei Monate vorher „keine Probleme“ gesehen habe, weil es „viele schwierige Kinder“ gebe. Und Benjamin war wirklich kein Kita-Neuling: Der Bub ist in Betreuung, seit er ein Jahr alt ist. Erst in einer Krippe Höslwang, dann im Haus für Kinder Marquette in Prien. Als die aus der Region stammende Miriam Selimbasic dann mit ihrem Mann in eine schöne, große Wohnung nach Rimsting umzog, sollte auch Benjamin im Ort betreut werden. Doch daraus wurde nichts, weil sich die Kita-Leitung mit ihm überfordert fühlte.

„Das war eiskalt und krass, wie sie uns da abgefertigt haben“, schimpft Miriam Selimbasic. Der Mama tut es im Herzen weh, wie ihr Sohn in einigen Situationen behandelt wurde. Sie erzählt ein konkretes Beispiel: An St. Martin sah sie die Laternen von den anderen Kindern hängen und fragte, welche denn Benjamins sei. Eine Kindergärterin antwortete darauf, dass sie angenommen hätten, dass er nicht am Umzug teilnehmen werde. Natürlich wollte Benjamin unbedingt, also wurde daheim eine Laterne gebastelt. Vor Ort wurde Miriam Selimbasic angewiesen, den gesamten Umzug an der Seite ihres Sohnes zu bleiben, obwohl ihr Sohn sie mehrmals aufforderte, zu den anderen Eltern rüber zu gehen. 

Wann Benjamin Probleme hat

Miraim Selimbasic ist sich durchaus bewusst, dass die Betreuung ihres Sohnes wegen der Entwicklungsverzögerung und seiner autistischen Züge keine einfache Aufgabe ist: „Oft geht es zwei, drei Stunden in der Gruppe gut. Dann ist Benjamin überreizt und muss allein wieder runterkommen. Er versteht bestimmte soziale Interaktionen oder Gefühle nicht sofort und kann in Spielen nur sehr schwer verlieren.“ Natürlich sorgen Ausraster dann für Probleme, aber genau deshalb hatte er ja einen Integrationsplatz mit spezieller Förderung inklusive Möglichkeit der Betreuung durch eine individuelle Begleitkraft.

Jetzt fehlt ihm die soziale Interaktion mit Gleichaltrigen schon seit ein paar Monaten und das hat schwere Folgen. „Es ist fatal für ihn, er braucht Förderung und andere Kinder. Es ist viel schwieriger geworden, weil er das Gefühl für das richtige Verhalten noch mehr verloren hat. Sobald er andere Kinder sieht, freut er sich so sehr, dass er ihnen gleich ein Bussi geben will. Das wollen die natürlich nicht.“ Als Miriam Selimbasic das erzählt, kommt Benjamin zur Bank und umarmt seine Mama. Sie hat für ihren Sohn ihren Job aufgegeben – weil sie ihn liebt und keine andere Wahl hatte.

Benjamin beim Klettern.

Vom sicheren Versicherungs-Job zur Arbeitslosigkeit

„Ich habe als Versicherungskauffrau bei der Versicherungskammer Bayern gearbeitet, seit er elf Monate alt ist. 30 Stunden pro Woche. Als die Kita-Kündigung kam, haben wir dann einen Aufhebungsvertrag gemacht“, erzählt die Frau lakonisch. Statt 2600 Euro netto habe sie in den ersten Monaten nur noch 750 Euro Arbeitslosengeld bekommen, inzwischen ist auch das vorbei. Ihr großes Glück ist, dass ihr Mann zu seinem festen Job noch eine eigene Firma aufgemacht hat und die Familie so versorgen kann.

„Ich bin daheim und er arbeitet bis zu 80 Stunden pro Woche“, erzählt die Frau: „Das rettet uns – andere Familien würden in so einer Situation vor dem finanziellen Ruin stehen.“ Es geht halt nicht nur um die Kündigung eines Kita-Platzes, sondern was das für betroffene Familien bedeutet: Genau auf dieses Problem möchte Miriam Selimbasic hinweisen. Sie streicht sich über ihren gewölbten Bauch – bald wird Benjamin ein Geschwisterchen bekommen. „Er freut sich schon drauf“, sagt die Frau. Benjamin nickt, dann ist das Gespräch endlich zu Ende es geht es mit der Mama zum Baden.

*** Eine Stellungnahme der Gemeinde Rimsting und der Kita-Leitung ist angefragt und wird in einem Folge-Artikel veröffentlicht***

 

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