Polizei-Vizepräsident zu Besuch
Mitglied des Gemeinderats in Bruckmühl unter den Rasern: Blitzmarathon ist ein voller Erfolg
Zum zwölften Mal startete der bayerische 24-Stunden-Blitzmarathon. Mit dabei sind Beamte vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd, die unter anderem vor dem Bruckmühler Gymnasium Raser ins Visier nahmen. Ein Autofahrer hatte es in der 30er-Zone besonders eilig. Warum auch Tränen flossen.
Bruckmühl/Rosenheim – Mit einer Polizeikelle in der Hand steht der stellvertretende Dienststellenleiter der Polizeiinspektion (PI) Bad Aibling, Sebastian Thurnhuber, am Bürgersteig vor dem Gymnasium in Bruckmühl. Er wartet auf die Anweisungen seiner jungen Kollegin, die mit zusammengekniffenen Augen durch das Visier ihres Laser-Messgeräts schaut. Erwischt sie einen Verkehrssünder, zieht Thurnhuber diesen sofort aus dem Verkehr. „Der Schnellste war bislang ein Mitglied des Gemeinderats, der mit 60 km/h durch die 30er-Zone gefahren ist“, sagt Thurnhuber und schmunzelt.
Auf das Gemeinderatsmitglied kommt nun ein Bußgeld von 180 Euro plus 28,50 Euro Verwaltungsgebühren zu. Obendrauf gibt es noch einen Punkt in Flensburg. „Natürlich für ihn sehr ärgerlich, aber er hat sich im gleichen Atemzug bedankt, dass wir heute hier sind und kontrollieren“, sagt der Polizist. Die meisten Autofahrer, die angehalten werden, seien einsichtig. Auch wenn sich nicht alle über die Radarkontrolle freuen, wie die nächste Autofahrerin demonstriert.
Polizeivizepräsident Michael Siefener ist auch vor Ort
Die junge Polizistin bedient am Laser-Messgerät mit der rechten Hand den schwarzen Auslöserknopf. Ein kurzes Piepen ertönt, dann ploppt die Geschwindigkeit in der Anzeige an der Seite des Geräts auf. 42 km/h in der 30er-Zone. „Der weiße Mercedes“, ruft sie Sebastian Thurnhuber kurz zu. Der reagiert sofort. Streckt seine rechte Hand mit der Polizeikelle aus und geht auf die Fahrbahn. Dann winkt er das weiße Auto raus. Die Frau am Steuer hebt entrüstet die Hände kurz nach oben.
Ab hier übernehmen zwei weitere Kollegen in Blau. „Einmal Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte“, sagt einer der Polizisten. Während er die Personalien aufnimmt, erläutert er der Fahrerin, was ihr vorgeworfen wird. „Geben Sie den Verkehrsverstoß zu?“, fragt der Polizist am Ende. Die Frau im weißen Mercedes nickt zustimmen. Für das zu schnelle Fahren muss sie ein Bußgeld von etwa 30 Euro zahlen.
Mit dem 24-Stunden-Blitzmarathon möglichst viel Geld zu machen oder so viel Geschwindigkeitszünder wie möglich zu erwischen, das wird den Polizisten öfters vorgeworfen. Doch darum geht es an dem Tag nicht. „Wir wollen Autofahrer, Motorradfahrer und Lkw-Fahrer einfach wachrütteln, wie wichtig es ist, sich an die Tempolimits zu halten“, betont Michael Siefener, Polizeivizepräsident vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Er ist heute ebenfalls am Bruckmühler Gymnasium und schaut sich die Arbeit dort an. Schließlich sei diese Aktion besonders wichtig.
„Ein erschreckendes Ausmaß“
„Man muss wissen, dass rund ein Viertel aller tödlichen Verkehrsunfälle auf Geschwindigkeitsunfälle zurückzuführen sind“, so Siefener. Im vergangenen Jahr seien im südlichen Oberbayern 28 Menschen aufgrund solcher Unfälle ums Leben gekommen. Rund 1300 Menschen seien teilweise schwer verletzt worden. „Das ist ein erschreckendes Ausmaß aus meiner Sicht und kann uns auch als Polizei nicht zufriedenstellen“, sagt Siefener. Deshalb verspricht der Polizeivizepräsident gleich mal, dass über den Blitzermarathon hinaus in der Region dieses Jahr verstärkte Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt werden sollen.
Er erklärt weiter, dass vergangenes Jahr im südlichen Oberbayern rund 70.000 Geschwindigkeitsverstöße festgestellt wurden, wovon in 2000 Fällen ein Fahrverbot ausgesprochen wurde. In diesem Jahr sind es bereits 600 Fahrverbote. „Wenn man sich die Zahlen anschaut, sieht man, dass es im Straßenverkehr eigentlich am allergefährlichsten ist“, sagt Siefener. Doch viele Menschen würden nicht verstehen, in welche Gefahr sie sich oder auch unbeteiligte Dritte bringen, wenn sie zu schnell unterwegs sind. „Umso wichtiger ist es, das in den Köpfen zu verankern, dass man sich an die Tempolimits hält“, betont der Polizeivizepräsident. Mit dem Blitzmarathon wolle man Denkzettel an Verkehrssünder verpassen.
Dass dafür gerade das Gymnasium Bruckmühl mit seiner 30er-Zone ausgewählt wurde, sei kein Zufall. Der Anhalteweg bei Tempo 50 ist fast doppelt so lange wie bei Tempo 30, was bei plötzlichen Hindernissen wie Kindern zu schweren Unfällen führen kann. An einer Schule, wo die kleinen Bürger auch mal unachtsam auf die Straße springen könnten, sei es besonders wichtig, sich an die vorgegebene Geschwindigkeit zu halten. Generell habe man sich bei der Auswahl der Standorte für den Blitzermarathon an bekannten Schwerpunkten orientiert. Dazu gehören Schulen, Kindergärten, Altenheime oder auch Landstraßen, wo die Unfallgefahren besonders groß sind.
Michael Siefener mit wichtigem Appell
Michael Siefener erklärt außerdem, dass beim Blitzermarathon extra eine Laser-Messung verwendet wird, um einen „besseren erzieherischen Effekt“ zu erzielen. Denn die Polizeibeamten können so die Verkehrssünder direkt herausziehen und mit ihnen in den Austausch gehen. Schön wäre es, wenn solche Situationen gar nicht erst entstehen. Deshalb hat Siefener eine Bitte an die Bürger: „Bitte halten Sie sich an die Verkehrsregeln, halten Sie sich unbedingt an die Tempolimits, nicht um Ihres Geldbeutels zuliebe, sondern um Ihrer Gesundheit und Ihrer Sicherheit willen.“
Doch hält sich der Polizeivizepräsident vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd selbst immer an die vorgegebenen Geschwindigkeiten? „Ich bin schon mal geblitzt worden“, sagt Siefener. „Zwar nur im Verwarnungsbereich, aber es hat mich sehr geärgert, dass ich zu schnell unterwegs war.“
Dann piept das Laser-Messgerät erneut. Wieder ist jemand zu schnell unterwegs. Eine Frau in einem grauen Auto wird aus dem Verkehr gezogen. Als ihr erklärt wird, warum sie angehalten wurde, kommen ihr fast die Tränen. Eine Situation, die viel Einfühlungsvermögen der Beamten fordert. „Die Kollegen sind jeden Tag mit solchen Situationen konfrontiert und können dementsprechend gut reagieren“, erklärt Michael Spessa, Pressesprecher vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd.
Typische Ausrede: „Ich muss zum Arzt“
In den meisten Fällen werden Menschen geblitzt, die mit den Gedanken ganz woanders seien. „Vielleicht hat gerade jemand einen Ehestreit gehabt oder bekam eine schlechte Nachricht vom Arzt. Dann kann so eine Polizeikontrolle durchaus der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt Spessa. Doch auch wenn die Beamten in solchen Situationen viel Verständnis haben, entschuldige so etwas nicht das zu schnelle Fahren. Die Ausrede, man habe einen Arzttermin und sei spät dran, sei der Klassiker und kam den Polizisten auch bei ihrem Einsatz am Gymnasium unter. Doch das lasse man nicht gelten. Schließlich könne jeder rechtzeitig losfahren.
Seit 9 Uhr führen die Polizisten in Bruckmühl den „Speedmarathon“ durch. Innerhalb von drei Stunden gingen den Beamten 23 Autofahrer in die Radarfalle. Für sie sei es ein voller Erfolg, der aber nicht zu bejubeln sei. Es sei schade, dass es noch genug Menschen gebe, die zu schnell unterwegs sind.
