„Es steckt nicht nur Weichheit in mir“
Vom Glück und Leid: Michaela May öffnet in Bischofswiesen ihre Lebensgeschichte
Michaela May, bekannt für ihre strahlende Präsenz, teilt ihre tragische Familien-Geschichte in ihrem neuen Buch. Sie spricht über die Veränderungen im Filmgeschäft und ihre Hoffnung für die Zukunft.
Bischofswiesen-Stanggass - „Gertraud Elisabeth Berta Franziska Mittermayr! Weil ich das erste Mädchen der Familie war, bekam ich alle Vornamen meiner Verwandtschaft ab.“ Der erste Lacher war Schauspielerin Michaela May im Rahmen ihrer Lesung im Kulturhof Stanggass sicher. Ihr Buch „Hinter dem Lächeln“ erschien am 24. Februar 2022, am Tag des Kriegsausbruchs in Europa. Corona war noch präsent. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Leute jetzt eine traurige Lebensgeschichte lesen wollen“, sagt die heute 72-Jährige. Doch es kam anders, ihr Werk wurde ein Bestseller.
Der Saal war mit überwiegend weiblichem Publikum gut besucht, gebannt lauschten die Gäste der bekannten Persönlichkeit. BGLand24 hatte vorab die Gelegenheit, mit der gebürtigen Münchnerin zu sprechen.
Frau May, Sie sind sicher nicht das erste Mal im Berchtesgadener Land zu Gast?
Nein, erst kürzlich drehte ich eine Folge „Watzmann ermittelt“ hier.
Und privat?
Ich war bei der Eröffnung des damaligen Hotels InterContinental am Obersalzberg. Und ich habe eine Freundin in Berchtesgaden, eine Bühnenbildnerin – mit ihr war ich hier schon wandern. Ein bisschen besser kenne ich Bayerisch Gmain, weil meine Großeltern immer im Feuerwehrheim Urlaub gemacht haben, da war ich oft dabei. Mein Opa Karl Dirnagl war Direktor der Münchner Berufsfeuerwehr. Ich streckte also schon früh Fühler in diese Gegend aus, besuchte die Saline in Bad Reichenhall.
Sie haben hunderte Rollen gespielt. Waren Dreharbeiten in den 1970er- und 1980er-Jahren lockerer als heutzutage?
Es war natürlich eine andere Zeit. Die Wertschätzung der Filme und dessen, was im Kino lief, war viel größer. Einfach, weil es weniger Sender gab, weniger Medien generell, keine Computer, Handys oder Sozialen Medien. Film und Fernsehen waren die Unterhaltungsquellen für den heimischen Herd, und die Einschaltquoten gigantisch. Die Kinofilme, die ich gemacht habe, waren von riesigem Interesse begleitet. Ich erinnere mich an gewaltige Premieren im Mathäser Filmpalast, bei „Onkel Toms Hütte“ und „Heidi“ standen die Leute hunderte Meter an. Leute wie O.W. Fischer oder Gustav Knuth waren so wertig wie heute amerikanische Filmstars.
Es wurde viel Wert auf Dialoge gelegt.
Sehr groß. Dabei spielten sogar Pausen eine nicht unerhebliche Rolle. Wie es beispielsweise vor uns ein Karl Valentin machte, nach uns ein Gerhard Polt. Da reichte mal ein langgezogenes „ah geh“ oder „logisch“, weil sie für sich sprachen und in einer Szene lange nachhallten. Das brannte sich in die Herzen des Publikums. Man hatte einfach mehr Zeit …
... auch beim Drehen?
Absolut. Wir haben am Tag gerade mal drei bis vier Minuten Film produziert. Heute sind es doppelt so viel, bei Daily Soaps sogar 15 bis 20 Minuten. Der Helmut Dietl war ein unglaublich präziser Regisseur, der mit uns so lange geprobt hat, bis es so gesessen hat, wie er sich das im Wortlaut und in der Betonung vorgestellt hatte. Er hatte viel mehr Zeit für ein Drehbuch, schrieb drei Jahre an den „Münchner Geschichten“. Das könnte heute niemand mehr bezahlen. Das Zeitverständnis war völlig anders, die Finanzierung genauso.
Bedauern Sie, dass diese Dinge heute nicht mehr möglich sind?
Das Leben ist ein Fluss. Man darf nicht hinterhertrauern. Es gibt Neues, Serien, die die Geschichte aufarbeiten, gehaltvoll und sehenswert. Das Genre, die weiß-blaue Seele der Jugend zu treffen, mit all der Melancholie der Bayern, wurde jedoch nie mehr so gut getroffen. Vor Dietl gab‘s nicht viel, den „Komödienstadl“ und das „Königlich Bayerische Amtsgericht“. Dann kam die völlig neue Sicht des jungen Bayern, so wie er in den 68ern war, der „Tscharlie“: Wenig arbeiten, das Leben genießen, seine Liebe zur Oma. Das war ein neues Bayern-Bild, weg vom jodelnden, bierseligen Schuhplattler. Heute müssen die Drehbücher schnell geschrieben werden. Es wären aber gerade die Feinheiten in den Geschichten, nach denen das Publikum lechzt. Das erfahre ich von den Menschen, die sich die alten Serien immer wieder anschauen.
Hätten Sie jemals gedacht, dass Produktionen wie die „Münchner Geschichten“ oder „Irgendwie und Sowieso“ Kultstatus erreichen würden?
Nein. Der damals noch völlig unbekannte Dietl schrieb die Dialoge teils erst, als er uns kennengelernt hatte – also aus dem Mund heraus. Beispielsweise steckt meine frühere Naivität und somit viel Privates in meinen Figuren: In der Susi der „Münchner Geschichten“, der Lilly beim „Monaco“ oder der Königin Kathi in „Kir Royal“.
Halten echte Freundschaften zu früheren Kollegen bis heute?
Zu Günther Maria Halmer, weil wir noch bis zuletzt miteinander gedreht haben. Wir sehen uns oft lange nicht, weil wir so viel unterwegs sind. Aber der Kontakt ist immer da. Der Helmut Fischer hat damals öfter angerufen: „Host Zeit, trink‘ ma a Hoibe im Augustiner“. Der Gustl Bayrhammer war ein väterlicher Freund, ich habe mit ihm den „Pumuckl“ gedreht. Der hat mich immer angerufen und gesagt, was ich gut gemacht habe oder was ich nicht mehr machen darf (sie lacht). Er meinte oft zu mir, ich dürfe mich nie von einer Partei „einsackeln“ lassen.
Man sieht Sie fast ausschließlich liebe Charaktere spielen…
Nun, ich bin schon auch mal eine zwielichtige Figur, wie einst bei den „Rosenheim-Cops“. Und ich habe in Dramen gespielt, also nicht nur leichte Kost. Aber Sie haben schon recht, die Mörderin traut man mir nicht wirklich zu.
Ist das nicht schön, dass in Ihnen eher das Gute gesehen wird?
Schon. Die anderen Rollen spiele ich am Theater. Zum Glück gibt es Regisseure, die sich trauen, mich gegen den Strich zu bürsten. Dafür bin ich sehr dankbar. In einem Tatort gab ich eine herbere Figur. Aber ich wünsche mir mehr Rollen, die tiefer und härter daherkommen. Denn es steckt nicht nur Weichheit in mir.
Sie haben in Ihrem Buch Ihre tragische Familien-Geschichte aufgearbeitet – exakt 40 Jahre nach dem letzten der drei Suizide Ihrer Geschwister. War dies ein langer Wunsch oder eine spontane Idee?
Es war lange kein Wunsch. Diese Geschichte, die uns passiert ist, war in ein Selbstverständnis des Schweigens gehüllt. Meine Mutter sagte immer, wenn einer der drei Todestage war: „Gehen wir etwas malen oder auf eine Bergtour.“ Sie wollte nicht in Trauer versinken oder auf dieses Schicksal angesprochen werden. Meine Eltern haben sich geschützt, um die ohnehin große Last nicht auch von außen zu spüren zu bekommen. Und nahmen diese damit von mir. Wir sind mit dem Leid nicht hausieren gegangen.
Nach dem Tod Ihrer Mutter 2019 haben Sie sich dann doch entschieden, diese Geschichte öffentlich zu machen.
Ich öffnete nach langer Zeit, als die Pandemie kam, die Metallkiste mit den Erinnerungen meines Bruders Hans. Durch Corona habe ich dann mein Leben aufgeräumt – und etwas erzählt, was man von mir nicht kannte und nicht erwartet hatte. Weil ich die immer Positive, Starke, Strahlende und Glückliche war. Damit habe ich die Schublade, in der ich ja doch ein wenig stecke, aufgebrochen. Ich zeigte, dass jemand, der nur scheinbar kein Leid erfahren hat, trotzdem glücklich leben kann. Den Rucksack eines verlorenen, so liebgewonnenen Lebens trägt doch jeder mit sich. Wir sollten die Gegenwart dennoch jeden Tag neu sehen und spüren. Im Theaterstück „Oskar und die Dame in Rosa“, in dem ich aktuell spiele, heißt es: „Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal.“ Natürlich vergisst man den Schmerz nicht, er wird nie vergehen. Er wird ein bisschen anders, ja, ein wenig zugedeckt. Man muss die Wunden aber nicht immer wieder aufkratzen.
Sie haben rund 80 Lesungen mit „Hinter dem Lächeln“ gegeben. Wühlt es Sie nicht auf, das Leid Ihrer Familie an so vielen Abenden wiederholt intensiv vor Augen zu haben?
Mein Motto ist, die Schönheit des Augenblicks zu sehen. Natürlich gibt es die schlechten Momente. Ich lese auch von der Freude, weil ich mich vom Leid nicht geißeln lassen darf. Unser Weg ist so kurz, ich bin jetzt fast 73, wie schnell ist das gegangen – ich kann es nicht begreifen.
Sie sprachen den Blick auf die Welt an. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sehen, was aktuell auf diesem Erdball los ist?
Wir, die nach dem Krieg geborenen, sind in einem goldenen Zeitalter aufgewachsen. Im Wirtschaftsaufschwung, es ging immer bergauf. Was jetzt los ist, kann man nicht fassen. Das bedrückt unsere Generation extrem, es ist eine neue Dimension. Man begreift nicht, woher diese Unzufriedenheit, diese Gewalt, dieser unendliche Hass auf alles mögliche kommt. Wir haben doch alles. Und dann trotzdem diese Gesinnung aus der Zeit unserer Großeltern. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass diese braune Soße nochmal hochschwappt. Das kann und will ich nicht begreifen und stelle mich ganz klar dagegen. Wir müssen uns an der Hand nehmen und mehr miteinander machen. Das geht im Kleinen los, in der eigene Familie, beim Nachbarn. Die Sozialbildung ist hinter der sachlichen vergessen worden.
Sie haben so viel Lebenserfahrung – Hoffnung ebenfalls?
Die habe ich immer. Wenn die verloren geht, können wir nichts mehr ändern. Hoffnung gibt Kraft an den Glauben, etwas verändern zu können. (bit)