Alternde Bevölkerung und weniger Pflegekräfte
„Defizit bei der Hilfe direkt am Menschen“: Teisendorfer Pflegesystem drohen große Probleme
Die alternde Bevölkerung treibt auch den Landkreis Berchtesgadener Land und die Gemeinde Teisendorf um. Schon jetzt sind die Herausforderungen groß und die Lage droht sich noch zu verschärfen, wie in einer Ausschusssitzung deutlich wurde. Der Personalmangel nimmt weiter zu und sollte der Pflegedienst in der Gemeinde wegfallen, könnte es kritische werden. Doch was kann Teisendorf dagegen unternehmen? Auch dazu gab es Tipps.
Teisendorf - Ein schwieriges Thema stand auf der Tagesordnung in der vergangenen Sitzung des Wirtschafts-, Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsausschusses (WENA) von Teisendorf. Es ging um die Vorstellung des Versorgungssicherheitskonzeptes im Bereich der Pflege mit konkretem Bezug zur Marktgemeinde. Vorgestellt wurde die Thematik von Caroline Puhlmann, Senioren- und Behindertenbeauftragte des Landkreises, und Elisabeth Lauber, Quartiersmanagerin in Teisendorf.
„Auch Teisendorf hat es mit einer alternden Bevölkerung zu tun, dies hat die Sozialanalyse deutlich gezeigt“, so Bürgermeister Thomas Gasser zur Einführung. Er machte klar: Die Aufgaben in Bezug zu Senioren seien dabei viel breiter als nur die Einführung eines Gemeindebusses oder die Einstellung einer Quartiermanagerin, die sich um deren Belange der Senioren in der Gemeinde kümmere. „Beides sind wichtige Schritte in der Seniorenarbeit, aber bei weitem nicht ausreichend.“
Mangel bei Grundversorgung
Quartiermanagerin Elisabeth Lauber sieht sich unter anderem als Anlauf- und Beratungsstelle für ältere Menschen und pflegende Angehörige. „Ein wichtiger Teil ihrer bisherigen Arbeit ist der Aus- und Aufbau von Kooperationen mit entsprechenden Akteuren und Netzwerken gewesen“, erklärte sie. Die Grenzen des Quartiersmanagements werden in der Fallarbeit deutlich, besonders in der Frage der Verantwortlichkeiten. Ihre bisherige Erfahrung zeige, dass in der Grundversorgung die Nachfrage zum Beispiel bei Haushaltshilfen und Fahrdiensten nicht befriedigt werden kann. Im Landkreis gäbe es aber ein gutes beratendes Angebot, wie Betreuungsstelle, Pflegestützpunkt, VdK, dass sie mit ihren Aufgaben vor Ort ergänzen kann.
Lauber: „Das Defizit ist eigentlich bei der Hilfe direkt am Menschen vorhanden.“ Hier sei die Zusammenarbeit mit dem Generationenbund sehr gut und hilfreich, „jedoch gibt es weniger ehrenamtliche Helfer als Hilfsanfragen“. Für die Zukunft möchte sie weiterhin viel Öffentlichkeitsarbeit betreiben und einen runden Tisch „Soziales“ in Teisendorf etablieren.
„Stationäre Versorgung ist nicht ausreichend“
„Im Landkreis Berchtesgadener Land gibt es derzeit rund 3.700 Pflegebedürftige“, berichtete Caroline Puhlmann, Seniorenbeauftragte des Landkreises. „Die stationäre Versorgung ist nicht ausreichend.“ So gibt es beispielsweise im gesamten Landkreis keine hundert Plätze für die Kurzzeitpflege. Zudem liegt der Landkreis an der EU-Grenze, an der die Versorgungsstrukturen in Deutschland endet. Ziel des Versorgungssicherheitskonzeptes, das aus dem Netzwerk soziale Dienste entstand, sei es, Maßnahmen für eine bedarfsgerechte Pflege festzulegen, so die Seniorenbeauftragte weiter.
Dabei sollen Handlungsfelder der Versorgungssicherheit, die für ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben im Alter wichtig sind, aufeinander abgestimmt und strukturell und personell entsprechend ausgestattet werden. Dabei geht es vor allem auch um die ambulante Versorgung - zum einen um die Neuschaffung von Angeboten, aber auch um den Erhalt, den Ausbau und die Förderung bestehender Strukturen, die die Versorgung zu Hause unterstützen und fördern. Hervorzuheben sind dabei insbesondere Angebote, die pflegende Angehörige entlasten, wie Tagespflege, Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Betreuungs- und Besuchsdienste.
Kritischer Zustand möglich
„Fakt ist, dass die Anzahl der Pflegekräfte im ambulanten Bereich abnimmt“, so Puhlmann. Konkret auf Teisendorf bezogen lobte sie, dass es hier noch einen eigenen Pflegedienst gibt. Sollte dieser aber wegfallen, könnte es kritisch werden. Denn für die dann notwendigen langen Wege von Pflegediensten, die von außerhalb von Teisendorf kommen, werden von den Kassen nur geringe Wegentschädigungen gezahlt, womit der Anreiz längerer Fahrten wegfällt.
„Teisendorf hat auch eine gute Seniorenwohnanlage mit betreutem Wohnen und Pflegebereich, aber keine kommunale Tagespflegeeinrichtung. Der Generationenbund als wichtige Stelle wirkt auch hier, allerdings mit viel zu wenig ehrenamtlichen Helfern. Auch das hauswirtschaftliche Hilfeangebot ist zu gering“, erläuterte sie dem Gremium.
Empfehlungen für die Gemeinde
Lobenswert fand Puhlmann die Aktivität der Quartiersmanagerin. Hier müsse sich die Gemeinde um eine Verlängerung der Stelle bemühen, auch nach Wegfall der derzeitigen Förderung. Worum sich die Gemeinde kurzfristig bemühen solle, sei die Schaffung von Mobilitätsstrukturen, die Stärkung der Hausarztversorgung, die Einrichtung einer Tagesbetreuung als niederschwelliges Angebot gegenüber der Tagespflege und eines Mittagstisches für Senioren. In Ortsbereichen ohne Einkaufsmöglichkeiten könne man über eine Grundversorgung über Automaten mit lokalen Produkten nachdenken.
„Wir müssen alles machen, um die ambulante Pflege und die Pflegenden zu unterstützen, denn wenn das nicht mehr funktioniert, kommt es zur stationären Pflege und das ist teuer: für den Pflegebedürftigen, den Bezirk, den Landkreis, die Kommunen“, betonte Puhlmann. Gemeinderätin Gitti Leitenbacher wies aus konkretem Anlass darauf hin, dass der Staat über Vorschriften und Gesetze private Initiativen zur Schaffung von Pflegeeinrichtungen deutlich erschwere oder sogar im Keim ersticke. Dem stimmte Puhlmann zu und wies darauf hin, dass viele Projekte auch daran scheitern, dass die Förderung in keinem Verhältnis zu den Kosten stehen.
Hoffen auf eine Pflegereform
Bezirksrat Georg Wetzelsperger hofft, dass bald eine Pflegereform kommt und dort die finanziellen Barrieren zwischen pflegenden Angehörigen und Heimpflege überwunden werden. Der sich hoch schaukelnden Kostenspirale, die zu sozialen Notfällen führe, müsse entgegengewirkt werden. Der Bürokratieabbau in der ambulanten Pflege sei zwingend. Für die Gemeinde sei angesichts der demografischen Entwicklung das Schließen der Versorgungslücke für Senioren keine freiwillige, sondern eine Pflichtaufgabe.
Die Besichtigung eines Teisendorfer Betriebes war auch bei der jüngsten Ausschusssitzung fester Bestandteil. Diesmal ging es nach Oberstetten zur 2008 von Josef Glaser gegründeten Firma „Autoaufbereitung/Autofolierung Glaser“. (kon)
