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Wegen des Wegfalls der Anbindehaltung

Verliert der Talkessel seine Bauern? Vorzeigeobjekt am Königssee bleibt wohl die große Ausnahme

Ein Mann steht in einem hellen Kuhstall und verschränkt sorgenvoll die Arme. Eine Frau lehnt sich an eine Holztür. Auf der Wiese vor einem Bauernhof grast eine Kuh, im Hintergrund sind die Berge und seine Seilbahn zu sehen.
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Christian Springl und Gabi Thanbichler kennen die schwierigen Herausforderungen, vor denen die Landwirte wegen des geplanten Wegfalls der Anbindehaltung stehen.

Durch eine Novellierung des Tierschutzgesetzes sehen sich viele Bauern in Bayern in ihrer Existenz bedroht. Auch für den Berchtesgadener Talkessel gibt es düstere Prophezeiungen. Beim Besuch auf dem Hof von Christian Springl in Schönau am Königssee wird deutlich, weshalb der Wegfall der Anbindehaltung für viele Betriebe das Aus bedeuten könnte. Dabei hat Springl ein richtiges Vorzeigeobjekt geschaffen.

Schönau am Königssee - Mit dem Wegfall der Anbindehaltung wird es für die Bauern im Berchtesgadener Talkessel schwierig, prophezeit Gabi Thanbichler. „Viele werden in den nächsten Jahren aufhören, der Strukturwandel wird gewaltig sein”, vermutet die Bäuerin aus Teisendorf, die zu Gast bei Landwirt Christian Springl am Königssee ist. Der hat sich einen Laufstall geleistet. Die Investitionskosten hierfür sind mittlerweile durch die Decke gegangen, weiß Thanbichler. „Das kann ein kleiner Bauer kaum refinanzieren.”

Christian Springls Laufstall ist für den Bayerischen Bauernverband in Traunstein (BBV), der erst vor wenigen Tagen mit dem überraschenden Aus von Geschäftsführer Martin Huber für Aufmerksamkeit sorgte, ein Vorzeigeobjekt in jeder Hinsicht. Wenn nur jeder Landwirt so einen Laufstall hätte, dann wäre die Sache mit der Anbindehaltung und deren geplanter politischer Abschaffung kein Problem. Die Kombihaltung soll diese ersetzen. Im Mittelpunkt steht der Umfang an Bewegung für die Milchkühe. Christian Springl hat am Königssee hierfür alle Voraussetzungen geschaffen. 

Springl hat viel Geld in seinen Laufstall investiert.

Platz- und Geldmangel

„Allerdings”, sagt Gabi Thannbichler, selbst Milchbäuerin von mehreren Dutzend Kühen in Teisendorf, „kann sich kaum ein Bauer so etwas leisten.” Viele würden davor eher aufhören, sagt sie. „Zum einen fehlt vielen der Platz für Erweiterungen oder einen Laufstall. Zum anderen ist das wirtschaftlich nicht darstellbar, die Investition je wieder reinzuholen”, sagt sie.

Springl hat seinen Laufstall auf einen Teil seines Feldes gestellt. 23 mal 23,5 Meter misst das Objekt. Es ist ein großes, hohes Gebäude für 15 Kühe und Nachzucht. Teure Technik ist darin verbaut. Die Fenster lassen sich elektrisch verschließen. Nebenan befinden sich der Melkstand mit drei Plätzen und die Milchkammer mit dem 1000-Liter-Tank. Die Milchkühe können ins Freie, wann immer sie wollen.

Ein Neubau und kein Umbau

Und sie sind in der Lage, die Kuhbürste zu nutzen und dürfen fressen, wann sie mögen. An diesem Tag ist es draußen besonders warm: Da bleiben die Kühe freiwillig lieber im Stall, wie sich vor Ort zeigt. Unter dem Laufstall befindet sich in einer Grube das 380 Kubikmeter große Gülle-Behältnis. Die Ausscheidungen der Kühe landen darin - Spaltenboden sei Dank. 

Es gibt sogar eine Kuhbürste.

Vor fünf Jahren ließ Springl den Laufstall bauen. „Eigentlich ist er für unsere Verhältnisse perfekt”, sagt er. Der Entschluss zum Neubau war notwendig geworden, um weiterhin seine 15 Milchkühe plus die Nachzucht aufrechtzuerhalten. Kein Um-, sondern eben ein Neubau.

Stall aus den 50ern

Die Zeiten waren noch ein bisschen besser. Der alte Anbindestall stammte immerhin aus den 1950er-Jahren. Gleich nebenan parken in Sichtweite die tausenden Autos der Urlauber, die Jahr für Jahr mit ihrem Pkw an den Königssee kommen, um dann - mit dem Elektroboot - einmal darüberzufahren. 

Einen Laufstall zu errichten, war schon vor fünf Jahren kostspielig, aber noch zu stemmen. Springl sagt, er würde ihn aber genauso wieder planen, wenn er nochmal neu entscheiden müsste. Er weiß, dass andere Landwirte nicht die örtlichen Voraussetzungen haben wie er.   

„Gehört heutzutage schon viel Idealismus“

Eine exzellente Lage attestiert auch Gabi Thanbichler dem Laufstall-Standort am Königssee. Viel Freifläche, wenige Nachbarn: Der Platz für eine solche Großinvestition ist gegeben. „Die wenigsten haben aber eine solche Voraussetzung.” Hinzu kommt: „Zu so einer Investitionsentscheidung gehört heutzutage schon viel Idealismus”, sagt Gabi Thanbichler. „Entweder ist man fanatisch in dem, was man als Landwirt tut, oder man kann es gleich bleiben lassen.”  

Entweder ist man fanatisch in dem, was man als Landwirt tut, oder man kann es gleich bleiben lassen.

Gabi Thanbichler

Die Landwirtin arbeitet ehrenamtlich für den Bayerischen Bauernverband in Traunstein. Sie ist Wolfsberaterin für die Region. Zudem veranstaltet sie Regionaltreffen. Hofbesuche etwa, bei denen Landwirte auf gewöhnliche Bürger treffen, um dann gemeinsam bei der Arbeit am Hof zusehen zu können. Seit mehr als 20 Jahren ist Gabi Thanbichler Bäuerin. Sie hat damals eingeheiratet und betreibt nun mit ihrem Mann einen Zuchtbetrieb. 70 Kühe plus Nachzucht ergibt: jede Menge Arbeit

Droht der Landwirtschaft wie hier am Königssee das Aus?

Kleinere Höfe als im nördlichen Landkreis

Die Höfe im südlichen Berchtesgadener Land sind deutlich kleiner als die im Norden, 20 bis 25 Kühe im Schnitt. Das muss sich erst einmal rechnen, eine Großinvestition wie einen Laufstall zu schultern, weiß Thanbichler. Sie hat ein Packen Papier mitgebracht: In mehreren Tabellen hat sie die Kostenentwicklung für Laufställe veranschaulicht. Es geht um Kuhplätze, um rechtliche Vorgaben, um bürokratische Erfordernisse. „In den vergangenen fünf Jahren hat sich so viel verändert”, sagt Gabi Thanbichler. Eher in die negative als in die positive Richtung.

So kompliziert und so viel Aufwand wie heutzutage war es für einen Bauern noch nie, weil die ganzen Richtlinien einen erdrücken. Pro Kuhplatz muss ein Landwirt aktuell mit rund 25.000 Euro rechnen. 10.000 Euro darf man zudem für ein Kalb einrechnen. „Es ist utopisch, um das als Kleinstbetrieb je wieder zu erwirtschaften”, sagt Thannbichler. Die Milchleistung von Christian Springls Kühen liegt pro Tier bei rund 8800 Litern pro Jahr.  

Am Ende werden vor allem die großen Betriebe überleben.

Gabi Thanbichler

Ihre Sorge ist fast schon eine Gewissheit: Die Zahl der Bauern wird sich im Berchtesgadener Land ausdünnen. Viele Landwirte sehen das so. Eine Nachfolge für den eigenen Hof? „Für das Geld macht die Arbeit schon lange kein Bauer mehr”, sagt Thanbichler. Gewarnt haben die Bauern schon häufig, gehört hat man sie selten. Politisch passiert viel zu wenig, sagt sie. „Am Ende werden vor allem die großen Betriebe überleben.” Für die Kleinen schaut es düster aus. Aber vielleicht, sagt ein Landwirt, „ist das politisch auch genau so gewollt”. (kp)

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