Chancen und Probleme beim Leerstand
Zwei Millionen leere Wohnungen: Wie das Leben auf dem Land wieder attraktiver werden soll
Der Neubau liegt am Boden, Mieten steigen. Gleichzeitig stehen zwei Millionen Wohnungen leer. Was die Politik falsch gemacht hat.
Berlin – Bauen und Wohnen wird in Deutschland teurer und teurer. Besonders in den Städten gibt es immer weniger Möglichkeiten, noch zu erschwinglichen Preisen ein Heim zu finden. Gleichzeitig stehen bundesweit knapp zwei Millionen Wohnungen leer. Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) sorgte im vergangenen Jahr mit der Aussage, dass die Menschen doch aufs Land ziehen könnten, für Verärgerung. Nun stellte die Ministerin die neue Leerstandsinitiative des Bundes vor. Verfügbare Häuser sollen besser genutzt werden. Doch es gibt gleich mehrere Haken.
Baukrise und Wohnungsnot – gleichzeitig zwei millionenfacher Leerstand
Laut Zensus 2022 stehen in Deutschland 1,92 Millionen Wohnungen leer. In Westdeutschland liegt die Quote bei vier Prozent, in Ostdeutschland bei 7,6 Prozent. Zwei Drittel der leerstehenden Wohnungen im Osten liegen im ländlichen Raum, in einigen Kommunen und Ortsteilen steht jede vierte Wohnung leer. Während auf dem Land Wohnraum frei ist, herrscht in Metropolen oft Wohnraumknappheit.
„Die zwei Millionen leerstehenden Wohnungen werden nur punktuell helfen, das Problem in Berlin zu lösen“, sagte Geywitz diese Woche bei der Vorstellung der Leerstandsinitiative, die die Attraktivität des ländlichen Raums durch diverse Förderprogramme steigern soll. Denn auch Städte wie München oder Köln seien im Umland bereits voll.
Geywitz machte daher klar: „Die Leerstandstrategie ist kein Überlaufbecken für Metropolen, sondern soll eine Stärkung der ländlichen Regionen selbst sein.“ Die Ministerin will die Regionen durch besseren öffentlichen Personennahverkehr und Schulen attraktiver machen. Durch günstige Kredite, weniger Auflagen beim Hauskauf und zusätzliche Gelder bei der städtebaulichen Erneuerung sollen Menschen zudem mehr Anreize bekommen, in dünn besiedelte Regionen zu ziehen. Laut Zensus sind 55 Prozent des Leerstands bereits länger als zwölf Monate nicht bewohnt, viele der Gebäude sind dringend sanierungsbedürftig.
München, Köln, Berlin – der Wohnraum ist knapp
Zu viel Leerstand und damit ein Zeichen für wenig attraktive Regionen – das ist aber kein rein ostdeutsches Problem, wie Peter Berek, Landrat im oberfränkischen Wunsiedel, auf der Vorstellung der Initiative klarmachte. Seit der Wende seien dort durch das Wegfallen wichtiger Unternehmen und den damit einhergehenden Verlust von Arbeitsplätzen einige Gemeinden um die Hälfte geschrumpft.
Der Landrat plädiert deshalb neben Förderanstrengungen vor allem für bessere eigene Erzählungen. „Das Image einer Region muss sich stärken, nur so können wir wieder Arbeitsplätze und Menschen anziehen“, sagte er. Zudem sollten Fördergelder für Hauskäufer leichter abrufbar sein und Hürden gesenkt werden – etwa durch kostenlose Beratungen bei der Objektbesichtigung, wie es in Wunsiedel schon der Fall ist.
Für André Adami, Wohnexperte beim Beratungs- und Wohnbauunternehmen bulwiengesa, liegen die Probleme beim Thema Leerstand auf der Hand. „Da muss man ehrlich sagen: In den Regionen mit den hohen Leerständen liegt auch oft ein Stück weit der Hund begraben, dort gibt es eine schlechte Infrastruktur und zu lange Wege zu Arbeitsplätzen“, sagt Adami dem Münchner Merkur. „Wir reden hier von einer sehr kleinen Zielgruppe von Menschen, die überhaupt dafür infrage kommt. Denn die Regionen, die 20 bis 30 Kilometer um die Städte liegen, sind schon voll. Es geht in der Debatte um wirklich ländliche Räume“, so der Wohnexperte weiter. „In der Dienstleistungsgesellschaft, in der wir leben, entstehen neue Jobs außerdem vor allem in Städten.“
Kritik an SPD-Ministerin und Baupolitik der Bundesregierung
Auch für Unternehmen sei es oft wenig attraktiv, in Bestandsbauten auf dem Land zu investieren, sagt Adami. „Investoren überlegen sich zweimal, ob sie in diese Regionen Geld stecken. Da kalkuliert man für zehn bis 20 Jahre, und die Prognosen geben bisher sogar eine Verschlechterung der Strukturen vor Ort her.“ Tatsächlich gehen Vorhersagen in den von Leerstand betroffenen Regionen meist von einer weiter sinkenden Bevölkerung aus.
Für den Wohnexperten ist das Thema Leerstand aber nicht das größte Problem in Deutschland, die Quote sei insgesamt nicht überbordend hoch. Stattdessen kritisiert er die Bundesregierung für ihre seit langem verfehlten Bauziele: „Mit ihrer Leerstandsinitiative hisst Frau Geywitz die weiße Flagge und ergibt sich mehr oder weniger der Situation, dass der Wohnungsneubau seit Jahren strukturell zu niedrig ist.“
Das Bauen sei zu kompliziert und teuer geworden. Die einzige Lösung beim Leerstand sei es, Menschen beim günstigen Hauskauf noch besser zu unterstützen. „Dadurch entsteht vor Ort dann mit der Zeit automatisch eine bessere Infrastruktur und neue Identifikation mit der Region. Es braucht zinsgünstige KfW-Kredite.“
Was die Politik tun muss
Denn auch künftig werde die Frage nach dem Umgang mit Häusern auf dem Land nicht weniger wichtig. „Darin liegt auch Deutschlands große Herausforderung der nächsten Jahre. In den Wachstumsstädten wird der Neubau gelingen, aber was wir mit den 20 Millionen Wohnungen außerhalb der gefragten Regionen machen, ist bisher unklar“, so Adami. Geywitz‘ Ansatz, ländliche Räume attraktiver zu machen, hält er für die richtige Idee. Dazu müssten aber auch Investoren bessere Bedingungen ermöglicht werden. „Der Staat könnte etwa den Anreiz geben, durch die Sanierung einer leerstehenden Wohnung besondere Abschreibungen möglich zu machen. Dadurch bekommen Investoren die Möglichkeit, auch für kürzere Zeiträume Investitionen im ländlichen Raum zu tätigen.“
Rubriklistenbild: © MAGO / JOKER / Walter G. Allgöwer
