„Sie hörten auf, Kinder zu bekommen“
Zustände wie im Zarenreich – plant Putin die Rente abzuschaffen?
Russland fehlt das Geld. Der Kreml könnte mit einer Streichung der Renten reagieren. Das jedenfalls empfahl ein reicher Medienunternehmer.
Moskau – Die russische Regierung sucht neue Möglichkeiten, um an Geld zu gelangen. Kürzlich wurde bekannt, dass sie massive Streichungen bei wichtigen Investitionen vornimmt, um zu sparen. Einer der wichtigsten Treiber von Russlands Wirtschaft der Ölhandel, schwächelt derzeit, was für den Kreml immer mehr zum Problem wird. Ein Milliardär bringt einen neuen Vorschlag, um Geld zu sparen – und fängt sich damit den Unmut der russischen Bevölkerung ein.
Zustände wie im Zarenreich – schafft der Kreml die Rente ab, um Russlands Wirtschaft zu stützen?
Ein neuer Vorstoß der Elite von Russland verprellt die Bürger. Weil im Zarenreich ja auch nur ein „sehr begrenzter Personenkreis“ eine Rente erhalten habe, könnte man die staatliche Altersversorgung in Russland mittelfristig abschaffen – das sagte jedenfalls der Milliardär und Medienunternehmer Konstantin Malofejew Ende Mai. Eine solche Sozialleistung sei früher auch nicht notwendig gewesen, weil jede russische Frau damals im Schnitt sieben Kinder geboren habe – die hätten sich dann um die Eltern gekümmert.
Erst seit Einführung der „liberalen Demokratie“ habe sich das geändert. „Karriere, Geld und Konsum wurden zum Lebensziel. Und sie hörten ganz auf, Kinder zu bekommen“, kritisierte der Milliardär. In zehn Jahren müssten also die Renten abgeschafft werden, um die Generation wieder zum Kinderkriegen zu bewegen.
Das hatte in Russland wütenden Protest ausgelöst. Wie BR24 berichtete, geht die Bevölkerung davon aus, dass Akteure wie Malofejew lediglich die Gewässer prüfen sollen und eigentlich eine Idee des Kremls dahintersteckt. Die Regierung könnte bereits jetzt eine Abschaffung der Rente vorbereiten. Nutzer der sozialen Medien hätten darauf hingewiesen, die Regierung plane einen Verrat am Volk; es gäbe Pläne, „den Bürgern ihr hart verdientes Geld und ihre Ersparnisse zu stehlen“.
Geburtenzahl geht drastisch zurück – schrumpfende Bevölkerung bringt Russlands Wirtschaft in Gefahr
Auf Russlands Wirtschaft kommen hinsichtlich der Geburtenraten tatsächlich größere Probleme zu. Im Jahr 2023 betrug die Fertilitätsrate laut dem Thinktank Carnegie Politika 1,41 – das bedeutet, im Schnitt gebaren 100 Mütter über ihre Lebenszeit 141 Kinder. Dabei handele es sich um den niedrigsten Wert der vorherigen 17 Jahre. Bis 2030 will Putin diesen Wert auf 2,3 hochschrauben.
Für Putin stelle ein gebärfreudiges Volk eine von zwei wichtigen Säulen zur Wiederherstellung eines gesunden Russlands dar. Die zweite sei die Rückholung „verlorener“ Sowjet-Territorien – was eben auch zum Losbrechen des Ukraine-Kriegs geführt hat. Die Vereinten Nationen haben in verschiedenen Szenarios berechnet, dass Russlands Bevölkerung im Jahr 2100 zwischen 74 Millionen und 112 Millionen liegen wird – von aktuell 146 Millionen.
Ironischerweise sorgt nun exakt dieser Krieg dafür, dass Russland mittel- bis langfristig mit einem erheblichen demografischen Wandel kämpfen wird. Die zukünftige Bevölkerung Russlands soll kleiner sein als früher, älter, weniger gebildet. Der Atlantic Council schrieb in einer Analyse davon, dass diese neue russische Bevölkerung auch weniger ethnisch russisch sein wird, dafür aber religiös diverser. Der Ukraine-Krieg hat für eine erhebliche Abwanderung gesorgt, Hunderttausende Russen fallen im Krieg oder werden verwundet, außerdem sorgt die Umstellung auf Kriegswirtschaft dafür, dass der Privatwirtschaft die Investitionen fehlen. Das schadet direkt der Zukunftsfähigkeit des Landes.
Zinsen von Spareinlagen abschöpfen – versteckter Kreml-Vorstoß?
Auffällig ist, dass dieser Vorstoß nur wenige Wochen nach einem ähnlichen Aufreger kommt. Anfang April 2025 hatte Michail Matownikow, Leiter Finanzanalyse bei der russischen Sberbank, vorgeschlagen, die Zinsen von Spareinlagen russischer Sparer abzuschöpfen, um Bauprojekte in Russland zu kaufen. Der Hintergrund des Ganzen: Projektentwickler in Russland stehen vor großen Finanzierungs- und Verkaufsproblemen. „Ich habe eine Zahl, die wir vor Kurzem errechnet haben und die in einem gewissen Sinn schockierend sein könnte“, zitierte die Welt damals Matownikow. Man bräuchte gar nicht an die Spareinlagen selbst zu gehen, die Zinsen würden ausreichen.
Die Gerüchte, dass der russische Staat sich mittels neuer Maßnahmen an den Ersparnissen der Bürger bedienen könnte, halten sich darum hartnäckig. Zuletzt heizte der Leiter Finanzanalyse bei der russischen Sberbank, Michail Matownikow, sie an. Laut der Welt hatte dieser auf einem Wirtschaftsforum in Moskau angegeben, dass allein die Zinsen auf die Spareinlagen der Russen genügend Kapital versammeln würden, um alle nicht verkauften Wohnbauprojekte des Landes zu kaufen.
Matownikow ist dabei – genau wie der Milliardär Malofejew – ein einzelner Wirtschaftsakteur. Allerdings besteht auch hier eine Kreml-Verbindung: Die Sberbank ist eine der wichtigsten Kreditgeber für Russlands Wirtschaft und befindet sich zu großen Teilen im Besitz des Staates. Wegen der aktuellen Einbrüche am Ölmarkt leidet der Kreml am Mangel von finanziellen Mitteln – ob die nun probeweise vorgebrachten Änderungen tatsächlich Realität werden, bleibt offen.
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