„Brauchen andere Anreize“
Reiches Gasspeicher-Strategie: „Herausforderung“ für nächsten Winter bleibt groß
Die deutschen Gasspeicher sind in aller Munde. Doch wie bedrohlich ist die Situation wirklich? Eine Einordnung liefert DIW-Expertin Franziska Holz.
Über wenige Themen wurde in den vergangenen Wochen so viel berichtet wie über die deutschen Gasspeicher. Die Bundesnetzagentur sorgte mit regelmäßigen Updates zu Füllständen für Überblick und lieferte direkt den Vergleich zum Vorjahr – in dem es den Daten zufolge deutlich besser gelaufen ist, als unter der aktuellen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).
Schnell stellte sich die Frage, ob die Gasversorgung in Deutschland damit in Gefahr sein könnte. Netzagentur und Wirtschaftsministerium bemühten sich, die Menschen zu beruhigen. Es sei ausreichend Gas vorhanden, hieß es. Und außerdem seien die Lieferketten mittlerweile so weitverzweigt, dass man über Pipelines und LNG-Terminals ausreichend Gas nach Deutschland liefern könne.
Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA erklärte auch Franziska Holz, stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass man vor einer drohenden Mangellage erst einmal keine Angst haben müsse. „Ich gehe davon aus, dass die Akteure im Gassektor immer dafür sorgen, dass die Speicher nicht vollständig leergefahren werden, sondern sich aus anderen Quellen, die wir bei Mehrbedarf haben, beliefern lassen“, sagte Holz.
Entwarnung aus der Wissenschaft: So stabil ist Deutschlands Gasversorgung wirklich
Die Fokussierung auf die Gasspeicher an sich sei ein kommunikatives Problem, so Holz. Denn diese seien „nur ein Teil unserer Versorgung“, erklärte die Expertin. Und dabei nicht einmal der größte. „Das sind die laufenden Importe, die sind am wichtigsten. Insofern sollte man den Menschen vielleicht besser zeigen, dass es ein Mix ist, aus dem wir uns versorgen.“
Vor allem vor dem Hintergrund, dass durch die Energiekrise 2022 das Vertrauen in die Versorgung massiv beschädigt worden sei, sei diese Kommunikation aber deutlich schwieriger geworden, so Holz. Dennoch hätten Importeure, Händler und Stadtwerke bindende Verträge, die sie erfüllen müssen. „Ich bin da hundertprozentig überzeugt, dass sie die auch weiter erfüllen werden“, hält Holz fest.
Verband warnt vor schwieriger Wiederbefüllung der Gasspeicher – „Herausforderung“ für die Wirtschaft
Die Debatte der vergangenen Wochen drehte sich nicht nur um eine mögliche Gasmangellage in der kalten Jahreszeit. Immer wieder wurden auch Stimmen laut, die Bedenken hinsichtlich der Wiederbefüllung der historisch leeren Gasspeicher geäußert haben. In einer Pressemitteilung vom Freitag (20. Februar) warnte INES, ein Verband deutscher Gas- und Wasserstoffspeicher-Betreiber, dass die niedrige Ausgangslage 2026 zu möglichen Problemen bei der künftigen Gasversorgung führen könnte. „Zwar hat der bisherige Winterverlauf die Lage temporär entspannt, an den strukturellen Schwächen der Wintervorsorge ändert dies jedoch nichts“, heißt es im INES-Bericht.
Auch Franziska Holz glaubt, dass die Wiederbefüllung „eine Herausforderung“ wird. Aktuell liegen die Füllstände laut Bundesnetzagentur bei rund 21,6 Prozent (Stand 18. Februar). 2025 waren die Speicher zum gleichen Datum noch zu rund 39,3 Prozent gefüllt. „Akteure, die an große und kleine Endkunden weiterverkaufen, werden die Speicher sicher wieder befüllen. Einfach, weil sie sich für den Winter wieder Vorräte anschaffen müssen, um ihre Kunden zu versorgen“, so Holz.
Doch alleine dieses „Vertragserfüllungsinteresse“ werde wohl nicht reichen, die Füllstandsvorgaben im Herbst zu erfüllen. Das Problem bestehe aber schon seit Anfang der 2010er Jahre, „als die Gasspeicher abgetrennt wurden vom Rest des Gasbetriebs“, so Holz. Weil Gasspeicherbetreiber, vertreten durch INES, kein eigenes Gas besorgen können, würden diese Druck auf die Versorger ausüben. Hinzu komme eine fehlende Preisdifferenz beim Gas zwischen Sommer und Winter. Das mache die Vorsorge für Unternehmen schlicht nicht attraktiv, weil die Gewinnmargen entsprechend niedrig ausfallen würden. Nur bestünden diese Probleme bereits „seit 10, 15 Jahren“, sagte Holz. Entsprechend glaube sie nicht, dass es im kommenden Winter 2026/2027 zu Versorgungsproblemen kommen werde.
Reiche will den Staat aus der Versorgung herausnehmen – „bräuchten irgendeinen anderen Anreiz“
Die verantwortliche Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zeigt sich ebenfalls sicher, dass die Speicherfüllstände für die kommenden Heizperioden erreicht werden können. So will die CDU-Politikerin den Staat bei der Befüllung der Gasspeicher künftig herauszuhalten. „Der Markt funktioniert“, so Reiche im Handelsblatt-Interview. Während der Energiekrise 2022 hatte die damalige Regierung die notwendigen Reserven aufgefüllt – teils zu extrem hohen Preisen.
Vor allem mit Blick auf die Steuerkosten sei der aktuelle Weg erst einmal keine schlechte Idee, urteilt Holz. Damit könnten Belastungen für Verbraucher und Steuerzahler „in Milliardenhöhe“ vermieden werden. Doch Reiches Pläne gehen laut der Expertin nicht weit genug. Zwar sei das Vorhaben „erst mal vernünftig“, doch damit alleine sei es nicht getan. „Wir bräuchten irgendeinen anderen Anreiz“, sagt Holz. Denn die Speichervorgaben seitens der EU gelten noch bis 2027.
Der Markt biete wegen niedriger Preisunterschiede „im Centbereich“ keine ausreichenden Anreize für Gaslieferanten, weil es eben nicht zu einer Knappheit im Winter komme. „Wenn Gas im Winter knapp wäre, dann wäre der Preis höher und dann gäbe es ja diesen Anreiz, Gas einzuspeichern“, erklärt Holz. Eine Idee wäre es nun, die Versorger zu verpflichten, einen Teil des Erdgases, das für den Verkauf im Winter gedacht ist, einzuspeichern.
Braucht es eine strategische Gasreserve? Das unterscheidet Deutschland und Österreich
Zur Sicherung der Gasversorgung gibt es aber noch andere Ideen. So hat etwa Österreich im Zuge der Energiekrise 2022 eine sogenannte strategische Gasreserve angelegt. Dieser staatlich kontrollierte Gasvorrat soll in Krisensituationen zur Überbrückung von Gasflauten dienen. Bislang musste der aber auch in dem deutschen Nachbarland nicht genutzt werden.
„Die österreichische Situation ist eine andere als unsere“, stellt Holz im Gespräch mit unserer Redaktion fest. „Das Land war wirklich fast ausschließlich von russischem Gas abhängig.“ Deutschlands Vorteil dabei liege am leichten Zugang zu Flüssiggas (LNG) und der Versorgung über Nachbarländer. Sollte sich die Bundesregierung aber doch zu einer Reserve nach österreichischem Vorbild durchringen, entstünden neue Problemfelder.
„Da sehe ich eine Schwierigkeit, das nach dem Vorbild der Ölreserve zu machen. Denn daher kommt ja die Idee“, sagt Holz. Für rund 90 Tage sind hier Vorräte in unterirdischen Speichern oder Tanks angelegt worden. Würde man eine ähnliche Menge an Gas einspeichern wollen, würde man diese Speicher dem Markt entziehen. „Das macht gar keinen Sinn, weil wir ja den Firmen die Möglichkeit geben müssen, für den Winter Bevorratung zu machen.“
Statt weiter beim Gas auszubauen: die Bundesregierung sollte die klimaneutrale Transformation anstreben
Zudem würde eine staatliche Vorsorge eine gewisse Speicherinfrastruktur voraussetzen. Die in ausreichendem Maße aufzubauen, dauere Jahre. „Und dann sind wir in einem Zeithorizont, in dem wir eigentlich davon reden, dass wir aus dem Gasverbrauch raus wollen“, erklärt Holz weiter. „Wir haben eine Wärmewende, wir werden einen Rückgang des Gasverbrauchs sehen, schon allein weil Gas immer teurer wird durch den CO₂-Preis. Jetzt neue Speicher zu bauen, rein für die Lagerung von Methan beziehungsweise Erdgas, halte ich für nicht sinnvoll.“
Reiche ließ zuletzt offen, ob sich die Bundesregierung für eine staatliche Gasvorsorge entscheiden würde. Sinnvoller sei es aber, in den Netzausbau und bessere Strom- und Wasserstoffspeicher zu investieren. „Einheimische Erneuerbare helfen uns da auch, diese Abhängigkeiten von Exporteuren zu reduzieren“, wie es etwa mit den USA der Fall sein könnte. Wobei Holz hier darauf hinweist, dass diese Abhängigkeit nicht mit der von Russland zu vergleichen sei. „Das wird auf jeden Fall ein wichtiger Baustein sein, auch damit wir diese Debatte vielleicht nicht mehr ganz so emotional führen. Wir wissen: Das ist unsere eigene Energie.“ (Quellen: DIW, INES, Handelsblatt) (nhi)
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