Insolvenz abgewendet
Neue Arbeiten an Gas-Pipeline: Welche Zukunft hat Nord Stream 2?
Neue Arbeiten an Nord Stream 2 lösen Diskussionen aus. Die Bundesregierung äußert sich widersprüchlich zur Zukunft. Droht die Rückkehr von russischem Gas?
Berlin – Die umstrittene Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 sorgt erneut für Schlagzeilen: Noch in diesem Monat sollen neue Arbeiten an der Pipeline beginnen, wie dänische und schwedische Behörden mitteilen. Laut der Dänischen Schifffahrtsbehörde handelt es sich dabei um Untersuchungen des Seebetts sowie „Unterwasserarbeiten an der Pipeline“. Die Arbeiten, die voraussichtlich bis Januar 2026 dauern, werfen erneut Fragen nach einer möglichen künftigen Inbetriebnahme der Pipeline auf. Soll irgendwann doch wieder russisches Gas durch die Pipeline fließen?
Was wird aus Nord Stream 2? Spekulationen um Neustart
Die Reederei Danish Offshore Supply, die das Schiff für die angekündigten Arbeiten bereitstellt, bestätigte gegenüber dem Correctiv, dass es sich um „Sicherheits- und Umweltarbeiten“ handelt. Diese sind bereits im Januar 2025 durch die Dänische Energiebehörde genehmigt worden. Ziel sei es, die beschädigten Pipelines durch Verschlüsse vor dem Ausströmen von Gas und dem Eindringen von Meerwasser zu schützen. Ursprünglich waren diese Arbeiten bereits für Herbst und Winter 2024 geplant, wurden aber auf Sommer und Herbst 2025 verschoben.
Die Pipeline ist seit der Sabotage – durch ukrainische Ex-Geheimdienstler, wie der Spiegel und das ZDF berichteten – im September 2022 außer Betrieb. Lediglich ein Strang von Nord Stream 2 blieb unversehrt. Hinter den Kulissen wird seitdem über die Zukunft des Projektes verhandelt. Ein möglicher amerikanisch-russischer Deal zulasten Europas steht dabei im Raum. Erst im Mai gelang es der Betreiberfirma Nord Stream 2 AG, durch einen Schuldenschnitt ihrer Großgläubiger der Insolvenz zu entgehen, was die Aufnahme der Arbeiten erleichterte.
Die Bundesregierung sendet indes widersprüchliche Signale bezüglich der Zukunft der Pipeline. Einerseits unterstützt sie Vorschläge der Europäischen Kommission, Sanktionen gegen Nord Stream 1 und 2 im Rahmen des 18. Sanktionspakets zu verhängen. Andererseits lehnte der Bundestag einen Antrag der Grünen-Fraktion ab, eine Rückkehr zur Energieversorgung durch Nord-Stream-Pipelines aus Russland auszuschließen. Auf Anfrage von Correctiv erklärte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums lediglich, dass mögliche Instandhaltungsarbeiten „in der Verantwortung der Eigentümer“ lägen und die Bundesregierung weiterhin gegen eine Inbetriebnahme sei.
Energie-Arterie Nord Stream 2: Grüne fordern klares Bekenntnis gegen die Europa-Pipeline
Die Grünen unterstützen die Bundesregierung grundsätzlich in ihrer Position gegen eine Wiederinbetriebnahme der Pipeline. Julia Verlinden, Umweltexpertin der Grünen, betonte gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Nord Stream ist tot – richtig so!“ Gleichzeitig fordert sie jedoch weitergehende Schritte gegen russisches Erdgas und ein rasches europäisches Verbot entsprechender Importe.
Parallel dazu gibt es Spekulationen über eine mögliche neue Nutzung der Pipeline. Laut Informationen des Handelsblatts wird in Regierungs- und Branchenkreisen diskutiert, ein Teilstück der Leitung für den Import von grünem Wasserstoff aus Finnland zu nutzen. Die technische Umrüstung der Pipeline auf Wasserstoff sei laut Fachleuten machbar und könnte die Energieversorgungssicherheit Deutschlands mittelfristig erhöhen.
Rückkehr zu russischem Gas? US-Unternehmer plant geopolitischen Schachzug
Eine andere Debatte dreht sich um die geopolitische Bedeutung der Pipeline. Der US-Unternehmer Stephen Lynch hat Interesse an der Pipeline angemeldet und bereits eine Ausnahmegenehmigung für den Kauf im Konkursfall beantragt. Lynch argumentiert, dass die USA mit der Kontrolle über die Pipeline ein Druckmittel für Friedensverhandlungen mit Russland hätten. Experten wie Jacopo Pepe von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) warnen jedoch davor, Nord Stream 2 erneut als geopolitisches Druckmittel einzusetzen.
Umweltschützer hingegen sehen in der Diskussion um Wasserstoffimporte eine „billige Ausrede“, um mittelfristig weiterhin russisches Erdgas zu importieren. Sascha Müller-Kraenner von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) äußerte bereits im Februar 2025 gegenüber dem Handelsblatt die Befürchtung, dass die Bundesregierung die Pipeline weiterhin für russisches Gas nutzen könnte.
Brüsseler Debatte über Gasimporte: Niedrige Gaspreise oder Frieden in Europa – ein Dilemma
Auch die Financial Times berichtete kürzlich, dass in Brüssel darüber debattiert werde, ob der Import von russischem Pipeline-Gas als Teil einer möglichen Einigung zur Beendigung des Ukraine-Krieges wieder aufgenommen werden sollte. Befürworter argumentieren, dies könnte die hohen Energiepreise in Europa dämpfen und Moskau an den Verhandlungstisch locken.
Die deutsche Bundesregierung dementiert jedoch offiziell jegliche Pläne zur Wiederaufnahme des Projekts. Eine Regierungssprecherin betonte gegenüber dem Handelsblatt, es gebe „keinerlei Überlegungen, Nord Stream 2 zu zertifizieren beziehungsweise eine Wiederaufnahme des Projektes anzugehen“. Dabei würde eine Wiederinbetriebnahme den Geldbeutel der deutschen Verbraucher deutlich schonen.
Die Auswirkungen von Nord Stream 2 auf die Gaspreise in Europa könnten erheblich sein. Laut einer Studie des Kölner Forschungsinstituts ewi Energy Research & Scenarios würde die Pipeline den Wettbewerb zwischen russischem Erdgas und Flüssigerdgas (LNG) verschärfen. Dies könnte europäische Verbraucher jährlich um bis zu 24 Milliarden Euro entlasten, da russisches Gas kostengünstiger nach Nordwesteuropa gelangen würde.
Gleichzeitig warnt Zeit Online jedoch eindringlich vor einer Wiederinbetriebnahme der Pipeline. Diese würde nicht nur erneut eine gefährliche Abhängigkeit von Russland schaffen, sondern auch Putins Kriegskasse füllen. Hohe Energiekosten seien daher ein fairer Preis für den Frieden in Europa, so das Fazit des Kommentars von Ingo Malcher. Die Bundesregierung stehe nun vor der Aufgabe, Investoren wie dem US-Unternehmer Stephen Lynch klarzumachen, dass eine Wiederaufnahme des Betriebs politisch nicht gewollt ist. (ls)
Rubriklistenbild: © IMAGO / IlluPics
