Vorstoß von Reiche
Heftiger Renten-Streit in der Merz-Regierung: Zahlen fällen klares Urteil
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht sich für eine längere Lebensarbeitszeit aus. Treten die Menschen in Deutschland zu früh in den Ruhestand? Die Zahlen geben Aufschluss.
Berlin – Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat weit über die Merz-Regierung hinaus eine neue Diskussion über das deutsche Rentensystem angefacht. Sie sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen.“ Es gelte: „Wir müssen mehr und länger arbeiten.“
Längere Lebensarbeitszeit gefordert: Kritik an Reiches Aussagen
Für ihre Aussagen erhielt sie starken Applaus und scharfe Kritik. Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) sagte dazu den Sendern RTL und ntv: „Sowas sagt sich ganz einfach, wenn man irgendwie im schönen Sessel in Berlin sitzt. Aber man sollte mal hinausgehen zu den Menschen ins Land, die als Dachdecker auf dem Dach stehen, die als Pflegekräfte arbeiten, die als Erzieherin arbeiten und sich wirklich kaputt machen“, sagte Klingbeil.
Doch was ist an Reiches Kritik dran? Wird in Deutschland mit Blick auf die Lebensarbeitszeit nicht lange genug gearbeitet? Ein Blick auf die Zahlen zeigt, worum es geht.
Fast jeder zweite Babyboomer im Rentenalter ist bisher vorzeitig in Rente gegangen
Tatsache ist: Viele Menschen in Deutschland gehen vorzeitig in Rente. So ist laut dem Statistischem Bundesamt der Durchschnittsmensch in Deutschland beim Renteneintritt 64,7 Jahre alt (Stand: 2024). Dabei wird gerade die Regelaltersgrenze für die Rente ohne Abschläge schrittweise von 65 Jahren auf 67 Jahre angehoben. Bei der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte (ursprünglich „Rente mit 63“), mit der man früher in den Ruhestand gehen kann, steigt die Altersgrenze schrittweise vom 63. auf das 65. Lebensjahr. Außerdem ist es möglich, mit Abschlägen früher in Rente zu gehen.
Diese Angebote werden ausgiebig genutzt. Denn: Fast jeder zweite Babyboomer im Rentenalter ist bisher vorzeitig in Rente gegangen. Das sind laut einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 1,8 Millionen Menschen aus den Boomer-Jahrgängen, die bis 2023 ins Rentenalter gekommen sind. Bezogen auf alle Angehörigen des jeweiligen Geburtsjahrgangs ist das ein Anteil von 44 Prozent, bezogen auf die Neurentnerinnen und -rentner laut Rentenversicherung mehr als 55 Prozent.
Regierung muss Milliarden-Zuschuss an deutsche Rentenversicherung zahlen
Als Babyboomer werden die geburtenstarken Jahrgänge von 1954 bis 1969 bezeichnet. Sie gehen nach und nach in den Ruhestand und werden laut IW im Jahr 2036 vollständig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sein. Dies wirft große Probleme auf: Wegen des demografischen Wandels gibt es immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen in Deutschland – das heißt auf immer mehr Rentenbezieher kommen immer weniger Erwerbstätige, die in die Rentenkassen einzahlen.
Dieser Druck lastet schon jetzt schwer auf dem deutschen Rentensystem. Im kürzlich vorgestellten Bundeshaushalt 2026 ist der mit Abstand größte Einzelposten der erneut steigende Bundeszuschuss an die Rentenversicherung mit rund 127,8 Milliarden Euro. Diese Belastung wird laut Experten in den kommenden Jahren weiter zunehmen – während schon jetzt klar ist, dass Milliardenlöcher im Haushalt klaffen werden.
Rentensystem unter Druck: Was die Merz-Regierung plant
Die geplante „Aktivrente“ soll Anreize für Menschen an der Schwelle zum Ruhestand schaffen, weiterzuarbeiten. Dabei ist vorgesehen, dass man sein Gehalt bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei bekommt, wenn man das gesetzliche Rentenalter erreicht hat und freiwillig weiterarbeitet Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) könnten rund 230.000 Beschäftigte davon profitieren. Fraglich bleibt, ob diese Reform ausreicht, um das deutsche Rentensystem zu entlasten. (lma mit dpa und AFP)
Rubriklistenbild: © IMAGO / Political-Moments
