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Experte sieht „toxisches Gemisch“

Erschreckende Zahlen im Wohnungsbau: „Braucht einen Befreiungsschlag“

Im Jahr 2024 wurden wohl nur etwa halb so viele Wohnungen fertiggestellt wie geplant. Fachleute aus der Immobilienbranche sehen eine „tiefgreifende Krise“.

Berlin – Für Klara Geywitz könnten die letzten Wochen als Bauministerin anstehen. Denn das Gesicht der Regierung wird nach der Bundestagswahl am 23. Februar völlig anders aussehen. Auch wenn ihre SPD gute Aussichten hat, als Juniorpartner der Union auch Teil der künftigen Koalition in Berlin zu sein.

Womöglich ist die 48-Jährige gar nicht so unglücklich, ihr Ressort abgeben zu können. Denn welche immensen Aufgaben auf das Ministerium zukommen, kann sie nun noch einmal Schwarz auf Weiß nachlesen. Denn Geywitz ist im Besitz des Frühjahrsgutachtens des Rats der „Immobilienweisen“, das ihr Iris Schöberl als Präsidentin des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) übergab.

Wohnungsbau in Deutschland: Ampel schafft wohl nur 210.000 statt 400.000 neue Wohnungen

Und dieses 316 Seiten starke Nachschlagwerk hat es in sich. So wird einmal mehr überdeutlich, wie weit die Ampel-Koalition ihr selbst gestecktes Ziel von ursprünglich 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr verfehlt hat. Denn für das Jahr 2024 ist laut ZIA nur mit 210.000 neu genehmigten Wohnungen zu rechnen – also gerade einmal gut der Hälfte der anvisierten Zahl.

Zwar handelt es sich um eine Schätzung auf Basis der Genehmigungen bis September 2024, es wäre demnach allerdings ein deutlicher Rückgang von 45 Prozent zum Vorjahr. Der Einbruch zeige sich vor allem bei Ein- und Zweifamilienhäusern.

Es war einmal die Vision von 400.000 neuen Wohnungen im Jahr: Bauministerin Klara Geywitz und die Ampel-Regierung scheitern krachend an ihrem Vorhaben.

Neue Wohnungen: Zahl der Fertigstellungen bricht deutlich ein

Ein dramatisches Bild zeigt sich auch bei den Baufertigstellungen. Dabei ist zu beachten, dass diese Statistik jener der Baugenehmigungen um zwei bis drei Jahre hinterherläuft, da es ungefähr so lange dauert, bis die Gebäude errichtet und ausgebaut sind.

Hier wird anhand der Genehmigungen bis November 2024 und der Abwicklungsdauer, womit der Zeitraum zwischen Genehmigung und Fertigstellung zusammengefasst wird, ein Rückgang auf gut 260.000 Wohnungen prognostiziert. Zum Vergleich: Aufgrund der hohen Genehmigungszahlen der Vorjahre waren es zwischen 2021 und 2023 noch jeweils mehr als 290.000 Wohnungen, die fertiggestellt wurden.

Dazu merkt der ZIA an, dass die Abwicklungsdauer von Bauprojekten bis 2023 binnen fünf Jahren von durchschnittlich 19 auf 24 Monate gestiegen ist. „Verschärfend kommt hinzu, dass viele genehmigte Bauprojekte aufgrund gestiegener Kosten und fehlender Förderungen zum Teil gar nicht mehr realisiert werden“, ist zu lesen. Ende 2023 habe die Anzahl der genehmigten, aber noch nicht fertiggestellten Wohnungen bei 826.800 Einheiten gelegen.

Deckung des Wohnungsbedarfs in den A-Städten für die Jahre 2021 bis 2025

München: 93 Prozent

Düsseldorf: 74 Prozent

Hamburg: 62 Prozent

Frankfurt am Main: 61 Prozent

Berlin: 52 Prozent

Stuttgart: 43 Prozent

Köln: 37 Prozent

Wohnungsnot in großen Städten: Köln und Stuttgart hinken München deutlich hinterher

Besonders eklatant ist das Verhältnis von Fertigstellungen zwischen 2021 und 2023 zum Wohnungsbedarf zwischen 2021 und 2025 in den sieben sogenannten A-Städten. Dahinter verbergen sich Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf.

Hier wird durchschnittlich nur 59 Prozent des Bedarfs gedeckt. Wobei München mit 93 Prozent durchaus gut dasteht. Ganz anders sieht es in Köln (37 Prozent) und Stuttgart (43 Prozent) aus. Deutschland kommt insgesamt auf 79 Prozent Bedarfsdeckung. Für die Jahre 2026 bis 2040 wird für die A-Städte ein Anstieg auf 87 Prozent erwartet, bundesweit soll es sogar raufgehen auf 114 Prozent.

Lost Places und Geisterviertel in Ostdeutschland

Leerstehendes Gebäude bei Greiz in Thüringen.
Leerstehendes Gebäude bei Greiz: Das Haus verfällt.  © Peter Sieben
Das Grundstück ist verwildert.
Das Grundstück ist verwildert.  © Peter Sieben
Lost Place in Thüringen
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Verfallene Häuser in Thüringen
Eine ganze Häuserzeile in Altenburg steht vor dem Verfall. Ein Projekt namens „Hofhalten“ will die Gebäude retten.  © Peter Sieben
Verfallenes Haus in Thüringen
Der pittoreske Altstadtkern von Altenburg ist saniert – ein paar Straßen weiter sieht es anders aus.  © Peter Sieben
In den Gebäuden waren einst Geschäfte. Jetzt stehen sei zum Teil seit vielen Jahren leer.
In den Gebäuden in Altenburg waren einst Geschäfte. Jetzt stehen sie zum Teil seit vielen Jahren leer. Mithilfe des Projekts „Hofhalten“ und Fördermitteln vom Bund sollen einige der Häuser erhalten bleiben. Auch Gassen, die zum Marktplatz führen, sollen so wieder sichtbar gemacht werden.  © Peter Sieben
Auch ganze Höfe stehen in Thüringen seit Jahren verlassen da. Die Grundstücke gerade im ländlichen Raum sind vergleichsweise wenig wert, die Eigentümer oft nicht mehr auffindbar.
Auch ganze Höfe stehen in Thüringen seit Jahren verlassen da. Die Grundstücke gerade im ländlichen Raum sind vergleichsweise wenig wert, die Eigentümer oft nicht mehr auffindbar.  © Peter Sieben
verfallene Häuser in Thüringen
Manchmal sind ganze Straßenzüge zu Geistervierteln verkommen.  © Peter Sieben
Verlassenes Gebäude in Ronneburg.
Verlassenes Gebäude bei Ronneburg in Ostthüringen.  © Peter Sieben
Lost Place in Erfurt: Auch in der Hauptstadt von Thüringen gibt es Gebäude, um die sich niemand mehr kümmert.
Lost Place in Erfurt: Auch in der Hauptstadt von Thüringen gibt es Gebäude, um die sich niemand mehr kümmert.  © Peter Sieben
Auch dieses Haus mitten in Erfurt steht schon eine Weile leer.
Auch dieses Haus mitten in Erfurt steht schon eine Weile leer.  © Peter Sieben
Leerstand in Erfurt.
Leerstand in Erfurt.  © Peter Sieben
Dieses Haus in Ostthüringen wuchert allmählich zu.
Dieses Haus in Ostthüringen wuchert allmählich zu. Um die Ecke stehen Häuser, mit Aufklebern an den Klingelschildern. Darauf steht: „Achtung! Sie betreten Reichsgebiet“.  © Peter Sieben
Verlassenes Haus in Ostthüringen.
IMG_6097.jpg © Peter Sieben
Manche Häuser werden allmählich baufällig.
Manche Häuser werden allmählich baufällig. Wenn Gebäude zehn Jahre und mehr nicht mehr bewohnt wurden, sind sie oft nicht mehr zu retten.  © Peter Sieben
Von der Fassade bröckelt der Putz. In vielen Fällen fühlt sich niemand mehr für die verlassenen Gebäude zuständig.
Von der Fassade bröckelt der Putz. In vielen Fällen fühlt sich niemand mehr für die verlassenen Gebäude zuständig. Wenn kein Eigentümer mehr im Kataster vermerkt ist, und auch der Staat kein Interesse hat, kann sich jeder als Eigentümer eintragen lassen. Allerdings sind die Immobilien meist nichts mehr wert und eignen sich auch nicht als Sicherheit etwa für Kredite.  © Peter Sieben

Zusammenfassend attestiert der Bericht dem Wohnungsbau in Deutschland eine „tiefgreifende Krise“. Zurückzuführen sei dieser auf die Zinswende im Jahr 2022. Durch das gestiegene Zinsniveau nahmen die Finanzierungskosten zu. Daher wird weniger selbstgenutzter Wohnraum gesucht, stattdessen steigt die Nachfrage nach Mietwohnungen. Wodurch wiederum die Mietpreise anziehen.

Wohnungsbranche in der Krise: „Weg mit dem Wust an starren Regulierungen!“

Schöberl schreibt Geywitz oder auch dessen Nachfolger ins Hausaufgabenheft: „Beim Wohnungsbau braucht es in diesem Frühjahr einen Befreiungsschlag: weg mit dem Wust an starren Regulierungen!“ Es seien für die neue Regierung „schon in den ersten 100 Tagen Veränderungen mit Sofort-Effekt“ möglich, dafür brauche es aber „spürbare Entlastungen“.

Weiter stellt die ZIA-Chefin klar: „Der Immobilienwirtschaft ist bewusst, dass in dieser Zeit auch kreative Lösungen notwendig sind, um Wohnungsbau und Sanierung zu pushen.“ Prof. Lars Feld vom Rat der „Immobilienweisen“ nennt folgende Probleme: „Hohe Energiepreise, gesunkene Kapazitätsauslastung und Arbeitsproduktivität drücken auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Sie dämpfen in Zeiten überdurchschnittlich hoher Unsicherheit die Investitionsbereitschaft.“

Der Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg und Direktor des dortigen Walter Eucken Instituts sieht die Unternehmen sogar „einem toxischen Gemisch überhöhter Kosten“ ausgesetzt. „Die Regulierungsintensität schnürt den Unternehmen die Luft ab“, kritisiert Feld. Zugleich rechnet er mit Blick auf die neue US-Regierung damit, dass „geopolitische Spannungen zunehmen“ werden, was sich an den Zoll-Plänen von Donald Trump bereits bewahrheitet.

Moniert ein „toxisches Gemisch überhöhter Kosten“: Der „Immobilienweise“ Prof. Lars Feld macht sich Gedanken über die deutschen Unternehmen.

Daher empfiehlt der Experte: „Eine neue Bundesregierung mit einem klaren wirtschaftspolitischen Kurs könnte stabilisierend wirken und die Unsicherheit in den kommenden Jahren sinken lassen.“

Deutschland in der Wohnungskrise: „Immobilienbranche kann zur Wirtschaftslokomotive werden“

Allerdings machten die Verfasser des Gutachtens auch Licht am Ende des Tunnels aus. So stabilisierte sich das Volumen der Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe im Jahr 2024 etwas. Zudem könnten sich die Wohnungsbauinvestitionen mit den richtigen Rahmenbedingungen ab Mitte 2025 erholen.

Der ZIA schlägt dabei unter anderem einen Kurs der Deregulierung vor, sowie eigenkapitalersetzende Mittel und Bürgschaften durch das Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), um stockende Neubauvorhaben und Sanierungsmaßnahmen zu aktivieren. Außerdem sollte die Grunderwerbssteuer für alle Immobilienklassen temporär gesenkt oder auf Null gefahren und auf kommunale Abschöpfungsmodelle verzichtet werden. In Sachen EU-Taxonomie könnte mit einem „Worst-first“-Ansatz das energetische Sanieren von Immobilien mit schlechten Energieeffizienzen vorangetrieben werden.

Bei Schöberl klingt die Hoffnung auf Besserung derweil so: „Wenn in diesem Frühjahr politisch die Weichen klug gestellt werden, kann die Immobilienbranche, die fast 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ‚liefert‘, schon 2025 wieder zur Wirtschaftslokomotive werden.“ Auch Deutschlands Bauminister hätte also in den kommenden Monaten und Jahren durchaus viel zu gewinnen. Wer auch immer das sein wird. (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / dts Nachrichtenagentur, IMAGO / Funke Foto Services

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