„Systematisches Problem“
Bürgergeld: Warum Frauen bei Förderung benachteiligt werden
Eine neue Studie zeigt Missstände in der Förderung von Frauen. Oft ist das Ziel der Jobvermittler ein anders. Das sind die Lösungsvorschläge.
Frankfurt – Frauen ziehen den Kürzeren. Das gilt auch im Bürgergeld. Die Gleichstellung zwischen Mann und Frau ist in den Jobcentern nicht flächendeckend verankert. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie – und zeigt auf, wie sich das ändern lässt.
„Es ist ein systematisches Problem“, sagt Martin Brussig. Er forscht am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ). Die Jobcenter förderten Frauen, die Bürgergeld beziehen, seltener und vermittelten sie seltener als Männer, heißt es in einer Mitteilung seines Instituts. „Und wenn doch, dann häufig in schlechter bezahlte und weniger stabile“ Jobs als Männer. Woran liegt das?
Jobcenter-Mitarbeiter richten sich bei Arbeit mit Bürgergeld-Beziehenden nach Kennzahlen
Brussig sagt, das liege auch daran, wie die Mitarbeiter der Jobcenter arbeiten. Sie richten sich in ihrer alltäglichen Arbeit nach Kennzahlen. Wichtig vor allem: Dass mehr Menschen Jobs bekommen und der Staat ihnen kein Geld mehr zahlen muss. Manches, wie die Gleichstellung von Mann und Frau, kann dann in den Hintergrund geraten.
Zwei Begriffe erklären es intuitiv. Das „Creaming“ – auf Deutsch das „Rosinen-Picken“ – und das „Parking“. Die Begriffe aus der Sozialwissenschaft beschreiben, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters manchmal vorgehen: Die Rosinen sind für sie die leichter vermittelbaren Menschen. Um die kümmern sie sich tendenziell bevorzugt. „Geparkt“ werden manches Mal diejenigen, die sowieso wenig Chancen auf einen Job haben. Zum Beispiel, weil sie alleinerziehend sind. Aber dazu unten mehr.
Weniger Bürgergeld-Beziehende – das ist das Ziel
Im System der Jobvermittlung gibt es, nur durch die Gleichstellungs-Brille geschaut, Fehlanreize. Das sieht man an diesem Beispiel: Hat eine gesamte Familie den Bezug von Bürgergeld nicht mehr nötig, weil eine Person genug für den gesamten Haushalt in einem regulären Job verdient, ist das eine lohnende Perspektive für die Beschäftigten des Jobcenters. Es kostet den Staat dann weniger Geld, das sie an die Haushalte zahlen müssen. Das Problem nur: Oft ist es so, dass Männer bei einem Wieder-Einstieg in den Beruf mehr verdienen als Frauen. Entsprechend kriegen sie in der Vermittlung den Vorrang – denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Familie dann kein Bürgergeld mehr beziehen muss, ist höher.
Hinzu komme, sagt der Wissenschaftler, dass Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern, in der Statistik nicht als „arbeitssuchend“ gelten. Das betrifft Frauen, deren Kinder noch nicht zur Schule gehen und zu Hause von ihnen betreut werden. Mütter mit Kindern unter drei Jahren müssen laut Brussig grundsätzlich nicht zur Arbeitsvermittlung bereitstehen.
Ergo: Um Frauen mit jungen Kindern – rein der Statistik nach – aus der Arbeitslosigkeit heraus zu halten, müssen Mitarbeiter des Jobcenters sie gar nicht in Jobs vermitteln. Entsprechend besteht auch kein besonders hoher Anreiz, das zu tun.
Jobcenter-Mitarbeiter akzeptieren Rollenbilder
Aber die Gründe sind vielschichtig. Es geht auch um tradierte Rollenbilder. Teilweise sehen sich in den Familien Frauen verantwortlich für die Sorgearbeit mit den Kindern, teilweise seien es die Jobcenter-Mitarbeiter, die diese Rollenbilder akzeptieren. Dann liegt es näher, Männer bei der Aufnahme einer Arbeit zu unterstützen.
Aber es gibt ja nicht nur Paare – sondern auch viele alleinerziehende Frauen, die Bürgergeld beziehen müssen, weil sie nicht der Sorgearbeit für die Kinder und einer Vollzeitbeschäftigung gleichzeitig nachgehen können. Für diese Frauen sei die Vermittlung in einen Job dann auch entsprechend komplex, sagt Brussig. Denn die Frauen brauchen dann zu der Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten, auch oft einen Betreuungsplatz für ihre Kinder.
Arbeit für Frauen in den Fokus, statt beim Bürgergeld zu sparen
Hier liegt auch einer der Lösungsvorschläge: Spezialisierte Teams, die die Bedürfnisse etwa von Alleinerziehenden kennen. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können dann Netzwerke aufbauen.“ Wenn diese auf Alleinerziehende und deren Bedürfnisse spezialisiert sind, sei es auch einfacher, einen Betreuungsplatz für die Kinder zu finden, sagt Brussig.
Außerdem: „Gesetzliche Vorgaben reichen nicht aus, wenn die organisatorischen Grundlagen nicht bestehen“, meint der Arbeitsmarktexperte. Sein Forschungsteam empfiehlt im Sinne der Gleichstellung für die Mitarbeiter der Jobcenter „verpflichtende Schulungen, klare Zielvorgaben, eine bessere Unterstützung der Führungsebene sowie eine ausreichende personelle Ausstattung“.
Bundesarbeitsministerium bestätigt Ungleichheit bei Förderung von Bürgergeld-Beziehenden
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) bestätigt auf Anfrage, dass Männer häufiger als Frauen in Arbeit vermittelt werden und öfter an Fördermaßnahmen teilnehmen als Frauen. Das BMAS hat die neue Studie in Auftrag gegeben. Als Gründe für die für Frauen nachteilige Praxis gibt eine Sprecherin an, dass auch das Steuersystem Anreize gebe, verstärkt Männer zu vermitteln. Die Pflege von Angehörigen spiele eine Rolle, „unflexible Arbeitsbedingungen der Arbeitgeber“ sowie die traditionelle Rollenverteilung von Männern und Frauen.
Mit der neuen Studie wollte das BMAS herausfinden, wie man den Problemen begegnen kann – unter anderem mit einer „Verbesserung der Zielsteuerung“. Also der Frage, welche Kennzahlen für die Mitarbeiter im Jobcenter entscheidend sind. Bleibt abzuwarten, ob es Verbesserungen bei der Förderung von Frauen gibt.
Rubriklistenbild: © Rolf Poss/Imago
