„Es ist ein Minusgeschäft“
Abschläge auf die Rente sollen erhöht werden – zu viele verlassen den Arbeitsmarkt vorzeitig
Immer mehr Deutsche gehen vorzeitig in Rente. Für andere Versicherte bedeutet das eine Belastung. Wer profitiert von diesem Trend?
Berlin – Die Rente steht vor entscheidenden Umbrüchen. Durch den Abgang der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt werden Deutschland auf absehbare Zeit die Arbeitnehmer fehlen. Weil diese dann nicht mehr in die Rente einzahlen, wird das Rentensystem zusätzlich belastet. Die Regierung unter Friedrich Merz versucht, dahingehend Lösungen zu finden. Als wäre das nicht genug, gehen immer mehr Deutsche frühzeitig in Rente. Wer profitiert davon?
Vorzeitig in Rente – Wirtschaftsweiser will Abschläge aufdrehen
2024 sind fast eine halbe Million Deutsche frühzeitig in Rente gegangen. Teilweise mussten sie dafür Abschläge in Kauf nehmen. Der MDR hat sich daher der Frage gewidmet, was diese frühzeitigen Renteneintritte dem Staat überhaupt bringen. Warum lässt der Staat diese Option offen, wo doch jede Arbeitskraft derzeit zählt? „Es ist tatsächlich ein Minusgeschäft“, zitiert der MDR dazu Martin Werding, einen der Experten von den Wirtschaftsweisen. „Aber nie für den Staat.“
Der Staat übernehme nämlich keine echten Lasten, sondern verteile sie nur. „Wenn man früher in Rente geht, mit unseren Abschlägen von 3,6 Prozent pro Jahr. Dann belastet man im Grunde alle anderen Versicherten.“ Für die steige dann die Beitragslast. Tatsächlich wären die Abschlags-Rentner die einzigen, die wirklich von dieser Wahlmöglichkeit profitieren.
Das liege daran, dass die Abschläge noch zu niedrig seien. „Ich würde sie nicht komplett abschaffen, aber ich würde die Regeln etwas strenger machen, in dem Sinne, dass wir wirklich sogenannte versicherungsmathematisch korrekte Abschläge kriegen. Die müssten so bei fünf bis sechs Prozent liegen. Viele andere Länder haben das auch so“, erklärt Werding.
So gehen Arbeitnehmer vorzeitig in Rente – auch mit Abschlägen
Nach aktuellen Regeln gibt es zwei Optionen, wie Deutsche vorzeitig in Rente gehen können. Wer 35 Jahre an anrechenbaren Zeiten in der Rentenversicherung ansammelt, darf die sogenannte Altersrente für langjährig Versicherte in Anspruch nehmen. Versicherte der Jahrgänge von 1949 bis 1963 dürfen vor ihrem 67. Geburtstag ohne Abschläge in Rente gehen, aber aktuell wird das Rentenalter schrittweise angehoben.
Wer die Altersrente ab dem 63. Lebensjahr vorzeitig in Anspruch nehmen will, muss mit einem Abzug von bis zu 14,4 Prozent rechnen. Jeder Monat, den Rentner früher aus dem Arbeitsleben scheiden, bedeutet 0,3 Prozent weniger Rente. Dieser Abschlag bleibt dauerhaft bestehen. Bei zwölf Monaten kommt man dann auf die 3,6 Prozent, die Werding erwähnte.
Und dann gibt es noch die sogenannte Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Diese wird zuweilen noch „Rente mit 63“ genannt, weil alle vor 1953 Geborenen ohne Abschläge mit 63 in Rente gehen konnten. Das gilt jedoch nicht mehr für alle. Wer 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, darf auch vor dem regulären Renteneintrittsalter in Rente gehen. Allerdings sind hier (also speziell von den 45 Jahren) keine Abschläge nötig. Das teilte die Deutsche Rentenversicherung (DRV) mit.
Rentner nehmen verstärkt Abschläge in Kauf – wegen höherem Rentenalter?
Seit einigen Jahren wird die Option auf Rente mit Abschlag immer beliebter. Schon 2022 war mehr als ein Viertel der neuen Altersrentner mit einer Kürzung in den Ruhestand gestartet. „Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen und dabei Abschläge bei der gesetzlichen Rente in Kauf zu nehmen“, erklärte das Deutsche Institut für Altersvorsorge.
2023 dann galten 24 Prozent der Neurentner als Rentner mit Abschlägen. Der Trend zeigt dahingehend ein schwaches Wachstum, das sich jedoch beharrlich hält. 46,6 Prozent der Rentner waren dagegen im Regelalter in Rente gegangen. Das DIA nannte den stetigen Anstieg der Regelaltersgrenze als einen entscheidenden Faktor für die Anstiege der Abschläge.
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