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Teufelskreis

Antarktis vor Kettenreaktion: Studie deckt bedrohlichen Dominoeffekt im Eis auf

Japanische Forscher haben in der Antarktis einen Mechanismus identifiziert, der ähnlich einem Dominostein das gesamte Eissystem kollabieren lassen könnte.

Tokio – Die Antarktis ist mehr als nur ein entlegener Kontinent aus Schnee und Eis: Sie hält genug Süßwasser gebunden, um den globalen Meeresspiegel um rund 58 Meter ansteigen zu lassen. Selbst kleine Veränderungen im Volumen des antarktischen Eisschilds können das Klima und die Küsten weltweit beeinflussen.

Ein Dominoeffekt könnte das Eis der Antarktis gefährden, zeigt eine neue Studie. (Archivbild)

Deshalb wird die Antarktis gründlich erforscht und beobachtet. Ein internationales Forschungsteam um Professor Yusuke Suganuma (National Institute of Polar Research in Tokio) hat nun neue Erkenntnisse über die Mechanismen gewonnen, die das Schicksal der Antarktis bestimmen.

Gewaltiger Antarktis-Umbruch vor 9.000 Jahren: Forscher entdecken dramatischen Teufelskreis

Mithilfe von Bohrkernen aus dem Meeresboden der Lützow-Holm-Bucht in der Ostantarktis konnte das Team zeigen, dass vor etwa 9.000 Jahren ein dramatischer Umbruch stattfand: Damals kollabierte das Eisschelf und das Inlandeis dünnte gleichzeitig aus. Der Auslöser war offenbar das verstärkte Eindringen von warmem Tiefenwasser aus dem Südpolarmeer (Circumpolar Deep Water, CDW) – begleitet von einem Anstieg des Meeresspiegels.

Die Forschenden beschreiben einen Rückkopplungsmechanismus, der wie ein Teufelskreis wirkt: Wenn große Mengen antarktischen Eises schmelzen, gelangt Süßwasser ins Meer. Das verstärkt die Schichtung des Ozeans und erleichtert es dem wärmeren Tiefenwasser, unter die Eisschelfe zu strömen. Dieses wärmere Wasser wiederum beschleunigt das Abschmelzen der Eisplatten von unten, wodurch noch mehr Süßwasser freigesetzt wird – der Kreislauf beginnt von vorn.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Dominoeffekt in der Antarktis kann den gesamten Kontinent gefährden

Das Team zeigt, dass dieser Mechanismus nicht nur lokal, sondern entlang der gesamten antarktischen Küste wirken kann und bereits in der Vergangenheit zu großflächigen Eisschelf-Kollapsen geführt hat. Die Forschungsergebnisse, die im Fachjournal Nature Geoscience veröffentlicht wurden, liefern einige der bislang eindeutigsten Belege dafür, dass die Eisschicht der Antarktis bei einer Erwärmung des Planeten einem sich selbst verstärkenden, großflächigen Abschmelzen unterliegen kann.

Die Studie macht deutlich, dass Veränderungen an einem Ende der Antarktis Auswirkungen auf weit entfernte Regionen haben können – ein Dominoeffekt, der das gesamte System destabilisieren kann. Die Erkenntnisse sind besonders relevant, um zukünftige Entwicklungen des Eisschilds und des Meeresspiegels besser vorherzusagen. Beobachtungen zeigen, dass Teile des westantarktischen Eisschilds – beispielsweise der „Weltuntergangsgletscher“ Thwaites und der Pine Island Gletscher – rapide zurückgehen, da warmes Tiefenwasser unter ihnen eindringt.

Antarktis-Studie entdeckt „kaskadierende Rückkopplungen“

„Diese Studie liefert wichtige Daten und Modellierungsergebnisse, die genauere Vorhersagen über das künftige Verhalten der antarktischen Eisschicht ermöglichen. Die in dieser Studie identifizierten kaskadierenden Rückkopplungen unterstreichen die Vorstellung, dass geringfügige regionale Veränderungen potenziell globale Auswirkungen haben können“, betont deshalb auch Studienleiter Suganuma in einer Mitteilung. (Quellen: Studie, Pressemitteilung) (tab)

Rubriklistenbild: © imago/Nature in Stock

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