Teilweise hausgemachtes Problem
Krise im Iran: Präsident bringt Verlegung von Hauptstadt ins Spiel – Menschen verlassen Teheran
Wegen extremer Dürre geht Teheran das Wasser aus. Der iranische Präsident erwägt nun, die Hauptstadt in Regionen mit besserer Wasserversorgung zu verlegen.
Teheran – Die Staudämme zur Wasserversorgung Teherans sind auf dem niedrigsten Stand seit einem Jahrhundert. In einigen Regionen des Iran kletterte das Thermometer zuletzt auf über 50 Grad Celsius. Die Bevölkerung ist dazu aufgerufen, mit dem wenigen vorhandenen Wasser zu haushalten, zeitweise wird der Strom abgestellt, Fabriken sind dicht, Geschäfte und Schulen bleiben geschlossen. Nun denkt die iranische Regierung sogar laut darüber nach, die Hauptstadt des Landes mit ihren rund 15 Millionen Einwohnern zu verlegen.
Nordiran als Zufluchtsort vor Wasserkrise: Menschen verlassen Teheran
Vor den Angriffen auf die iranische Hauptstadt, hatte Israel die 15 Millionen Einwohner Teherans dazu aufgerufen, die Stadt zu evakuieren. Experten hielten das für nicht umsetzbar. Die Straßen seien verstopft, Nahrungsmittel knapp und die Menschen hätten Todesangst, „vor Raketen und Regime“, kommentierte etwa die Iran-Expertin Natalie Amiri. Nun kommt in der Hauptstadt ein weiteres akutes Problem hinzu: Wasserknappheit. „Die Wassersituation in Teheran und im ganzen Land ist kritisch“, teilte die Wasser- und Sanitärbehörde der Provinz Teheran am Freitag (25. Juli) mit, wie die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim berichtete.
Irans Präsident bringt Verlegung von Hauptstadt Teheran ins Spiel – Fachleute skeptisch
Die Situation ist demnach in über 20 von insgesamt 30 iranischen Provinzen kritisch. „Die Lage ist ernst und Teheran hat wirklich kein Wasser mehr“, sagte der iranische Präsident Massud Peseschkian laut dem Nachrichtenportal Asr-Iran. Einer der größten Stauseen des Landes droht in den nächsten vier Wochen auszutrocknen, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Irna. Sieben Staudämme haben laut offiziellen Angaben derzeit weniger als zehn Prozent ihrer Kapazität. Selbst eine Verlegung der Hauptstadt schloss Präsident Peseschkian als Notlösung nicht aus. Fachleuten zufolge ist ein solches Unterfangen allerdings unrealistisch.
Eine Hauptstadt offiziell zu verlegen ist ein aufwendiges Projekt, das soziale, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen mit sich bringt. „Wir dürfen nicht glauben, dass das Wasserproblem nur eine technische Frage ist. Es ist ein tiefgreifendes soziales, wirtschaftliches und sogar sicherheitspolitisches Problem“, erklärte die Forscherin Banafscheh Sahrai. Berichten zufolge verließen bereits Tausende Menschen in den vergangenen Tagen Teheran und siedelten in wasserreichere Regionen im Norden Irans um, insbesondere in die Provinzen entlang des Kaspischen Meeres. Dort funktioniert die Wasserversorgung aktuell stabil – im Gegensatz zu weiten Teilen des Landes.
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Mit Zwangsferien gegen die Dürre-Krise: Iran schließt Schulen, Behörden und Fabriken
In Teheran sollen die Menschen „mindestens 20 Prozent“ weniger Wasser verbrauchen, forderte die Wasserbehörde nun. Zuvor hatte Regierungssprecherin Fatemeh Mohajerani bereits zusätzliche Feiertage angekündigt, um den Verbrauch zu reduzieren. „Angesichts der anhaltenden extremen Hitze und der Notwendigkeit, Wasser und Strom zu sparen, wurde der Mittwoch [...] in der Provinz Teheran zum Feiertag erklärt“, schrieb die Vertreterin in einem Beitrag auf der Plattform X. Bis mindestens Samstag sollen Schulen und Behörden geschlossen bleiben. Auch zahlreiche Fabriken können wegen des Wassermangels nicht mehr arbeiten, Massenentlassungen könnten die Folge sein.
Die Versorgungsengpässe entstanden durch zunehmend extreme Wetterbedingungen und Dürreperioden infolge des Klimawandels, aber laut Kritikern auch aufgrund von jahrelanger Fehlplanung der Regierung. Eine weitere Folge der Misswirtschaft: Jährlich senkt sich das Land ab, bis zu 31 Zentimeter sind es pro Jahr, wie Financial Times berichtete. Das bedroht den wichtigsten Flughafen des Landes, UNESCO-Weltkulturerbestätten, aber auch Häuser, Schulen und Bahngleise, die durch Risse instabil werden. Vor diesem Hintergrund hatte der iranische Präsident in den vergangenen Monaten die Verlegung der Hauptstadt immer wieder als Option genannt.
Die Gründe für die Wasserkrise in Teheran sind teilweise hausgemacht
Präsident Peseschkian nennt die langanhaltende Dürre als eine Hauptursache der Krise. Zugleich kritisiert er die Umweltpolitik früherer Regierungen, die das Problem nicht ausreichend angegangen seien. Kritiker hingegen sehen den Fehler beim Regime. „Jahrzehntelange Vernachlässigung und Misswirtschaft haben im Iran zu täglichen stundenlangen Stromausfällen geführt“, sagte etwa der US-Präsident Donald Trump im Mai dieses Jahres. Irans Machthaber hätten es geschafft, „grünes Ackerland in trockene Wüsten zu verwandeln - durch ihre korrupte ‚Wasser-Mafia‘.“
Die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim argumentiert indes mit einem hohen Verbrauch: Demnach liege der durchschnittliche tägliche Wasserverbrauch pro Person in Teheran bei 250 Litern – in Industrieländern seien es nur etwa 168 Liter. In Europa betrage der Durchschnittsniederschlag zudem 750 mm, in Teheran in diesem Jahr nur 150 mm – maximal erwarte man 280 mm, so die Meldung weiter. Frühestens im Herbst sei mit nennenswertem Regen zu rechnen, eine stabile Wasserversorgung in den kommenden zwei Monaten daher nicht zu erwarten.
Kritik an Irans Machthabern: Das Land gräbt sich selbst das Wasser ab
Bahram Nadi, Professor für Geotechnik an der Islamischen Azad-Universität in Isfahan, machte „wilde Zersiedelung, industrielle Entwicklung und exzessive Landwirtschaft“ verantwortlich für die Wasserkrise. Und das an Orten, an denen Staudämme bereits ausgetrocknet und Grundwasserleiter erschöpft seien, wie er Financial Times sagte. Dies beschleunige nicht nur die Bodensenkung, sondern trage auch zur Wüstenbildung bei, so der Experte weiter. Aus Sicht der Denkfabrik Washington Institute setzte der Iran auf eine zu wasserintensive Landwirtschaft und förderte eine Übernutzung der Ressource durch die Gesetzgebung.
„Die Bemühungen der iranischen Regierung, Wasserknappheit einzudämmen, waren minimal bis gar nicht vorhanden – ein klarer Hinweis darauf, dass es an einer echten Wasserstrategie fehlt“, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik. „Anstatt sich um die Bedürfnisse der iranischen Bevölkerung zu kümmern, geben sie ihre Ressourcen für terroristische Zweige im Libanon, in Syrien, im Jemen und im Gazastreifen aus“, kommentierte der israelische Energieminister Eli Cohen. Zuletzt gingen Menschen aus Protest gegen Wasserknappheit und Stromausfälle im Iran auf die Straße, etwa in der nordöstlichen Stadt Sabsewar.
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