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„Das Signal ist eindeutig“
Angeheizt durch Klimakrise: Dürre verschlingt riesige Flächen, Experte warnt vor dramatischen Folgen
Ein Großteil aller Regionen in Europa war in den vergangenen zehn Jahren von extremer Dürre betroffen. Ein Forscher äußert sich im Interview äußerst besorgt.
Im Sommer wird es wieder Millionen von Urlaubern und Urlauberinnen in Reiseziele am Mittelmeer ziehen. Wer dabei über den Süden Italiens fliegt und die beliebte Urlaubsinsel Sizilien aus der Vogelperspektive im Blick hat, kann sich einen besorgniserregenden Wandel vor Augen führen. Eine Fläche von 156.703 km², in etwa sechsmal so groß wie Sizilien, war 2024 in Europa von Dürre betroffen. Das zeigen Daten der Europäischen Umweltagentur (EEA). Sizilien, seit Jahren unter großer Trockenheit und Wasserknappheit leidend, steht dabei nur sinnbildlich für ein wachsendes Problem.
Dürre wird in Europa zunehmend zum Problem, nicht nur für Regionen im Süden des Kontinents. Im Bild: Überreste eines alten Dorfes in der Nähe von Malaga, Spanien. (Symbolbild)
„Das Signal ist eindeutig“, sagt Shouro Dasgupta, Forscher am Europa-Mittelmeer-Zentrum für Klimawandel (CMCC) gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, auch mit Blick auf Zahlen des kürzlich veröffentlichten Berichts „Lancet Countdown“ zum Thema Gesundheit und Klimawandel. Der Experte wird deutlich: „Dürren treten auf dem gesamten Kontinent häufiger und intensiver auf.“ Mit fatalen Folgen.
Eindeutiger Klima-Trend: Dürren in Europa künftig häufiger und schwerwiegender
Gestützt wird das durch die Datenlage. Wie aus dem Bericht hervorgeht, haben zwischen 2015 und 2024 936 der 1435 NUTS-3-Regionen in Europa (65,2 Prozent) eine extreme bis außergewöhnliche Sommerdürre erlebt. In 68,5 Prozent der Regionen hat sich die Dauer solcher Dürreperioden im Vergleich zum Zeitraum 1981 bis 2010 zudem verlängert. Auffällig ist jedoch, dass die von Dürre betroffene Fläche in Europa im Jahr 2024 (und auch 2023) deutlich kleiner war, als in den Rekordjahren 2018 (520.817 km²) und 2022 (558.313 km²).
Klimawandel auch in den Alpen sichtbar: Bilder einer Wanderung auf die Neue Prager Hütte
Könnte das die Hoffnung auf eine Trendwende nähren? Dasgupta sagt nein: „Der gleitende Zehn-Jahres-Durchschnitt der von Dürre betroffenen Gebiete steigt – und genau dieser Wert ist entscheidend.“ Eine entsprechende Umkehr des Dürre-Trends werde nicht von den Fakten gestützt. Dürrejahre würden infolge des fortschreitenden Klimawandels somit nicht nur häufiger auftreten, sondern tendenziell auch schwerwiegender werden.
Dürre-Problematik trifft auch Deutschland: 2025 ein Jahr der Superlative
Spürbar ist die zunehmende Trockenheit längst nicht mehr nur in Ländern wie Italien, Spanien oder Griechenland. „Im Jahr 2025 erlebten Deutschland und Frankreich einige der schlimmsten Waldbrandsaisons, die jemals verzeichnet wurden“, hält Dasgupta fest. „Diese Ereignisse deuten darauf hin, dass sich die Länder Nord- und Mitteleuropas auf längere Trockenperioden und häufigere kombinierte Hitze- und Dürrephasen einstellen sollten.“
Was sind die Antworten auf die extreme Trockenheit?
Der Klimawandel facht extreme Hitze und damit auch Dürre immer weiter an, selbst in Mittel- und Nordeuropa. Was bedeutet das für Deutschland? Laut Shouro Dasgupta müsse man hierzulande „in Brandschutzinfrastruktur und Waldbewirtschaftung investieren, Dürre- und Brandrisiken in die Raumplanung einbeziehen und die Systeme des öffentlichen Gesundheitswesens und des Katastrophenschutzes an Gefahren anzupassen, mit denen sie in diesem Ausmaß bisher nur selten konfrontiert waren“. Der Umweltökonom des CMCC wird sogar noch deutlicher: „Die Klimaanpassung in Nordeuropa kann nicht mehr auf den Risiken der Vergangenheit basieren.“
Einem Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und des EU-Klimawandeldienstes Copernicus zufolge hätten im vergangenen Jahr Brände mehr als eine Million Hektar verbrannt, so viel wie nie zuvor. Nie seit Beginn der Aufzeichnungen hätten Deutschland, Spanien, Zypern, Großbritannien und die Niederlande so hohe Waldbrandemissionen erlebt. 70 Prozent der Flüsse hätten verglichen mit dem langjährigen Mittel weniger Wasser geführt.
Zunehmende Dürre wird zum „Problem der Ernährungssicherheit“.
Immer häufigere und länger andauernde Dürren gehen vor allem auch der Landwirtschaft an die Substanz. Besonders gefährdet seien Anbaugebiete in Südeuropa – Spanien, Portugal, Süditalien, Griechenland. Aber zunehmend auch Rumänien, Bulgarien, Ungarn und der Westbalkan. Wichtige Lebensmittel müssen unter immer schwierigeren Bedingungen kultiviert werden.
„Die Kulturen, die am anfälligsten für wiederkehrende Dürren sind, sind die mediterranen Grundnahrungsmittel wie Oliven, Weintrauben, Hartweizen, Zitrusfrüchte, Mandeln und Tomaten sowie die wichtigsten Ackerkulturen der pannonischen und donauischen Ebenen, insbesondere Mais, Sonnenblumen, Soja und Weichweizen“, warnt Dasgupta gegenüber unserer Redaktion. Hitzewellen und Dürren mindern Erträge sowie Qualität, treiben aber zeitgleich die Preise in die Höhe. Besonders Haushalten mit niedrigerem Einkommen werde es zunehmend erschwert, sich „gesund und abwechslungsreich zu ernähren“.
Das mache extreme Trockenheit dem CMCC-Forscher zufolge zu einem „Problem der Ernährungssicherheit“. Mehr als eine Million zusätzliche Menschen litten schon 2023, verglichen mit der Referenzperiode 1981 bis 2010, in Europa unter ernsthafter Lebensmittelknappheit – insbesondere befeuert durch Hitzewellen und Dürre. Zuletzt führte auch der Krieg im Iran zu einem globalen Preisschock.
Was muss sich ändern? Der Forscher sieht drei zentrale Lücken: Europa benötige erstens einen verbindlichen Rahmen für Wassermanagement, der Dürre als dauerhaftes Strukturrisiko begreift. Zweitens müssen Sozialsysteme auf „Klimaschocks“ ausgerichtet werden – mit Einkommenshilfen für betroffene Arbeitnehmer und Landwirte, Nahrungsmittelhilfe in Krisenzeiten und Schutzregeln für Außenarbeiter in Hitzeperioden.
Drittens bleibt ohne eine echte Reduktion der Treibhausgasemissionen auch die beste Anpassungsstrategie am Ende wirkungslos. „Anpassung allein kann mit der Gefahr nicht Schritt halten, wenn sich das Klima weiter erwärmt“, lautet das Fazit von Dasgupta. (Quellen: Europäischen Umweltagentur, The Lancet Countdown on health and climate change, European State of the Climate 2025, CMCC, Eigenrecherche) (jm)