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Bald Saisonstart in Regionalliga und 3. Liga

Leere Stadien, unfaire Spiele: Das U23-Drama im deutschen Fußball muss enden

Die U23-Teams von Bundesligisten schaden der 3. Liga und Regionalliga. Eine radikale Reform als Lösung für das Problem liegt auf der Hand.

Dortmund – Wenn in diesen Tagen vier der fünf Regionalligen in die neue Saison starten und die 3. Liga eine Woche später nachzieht, richtet sich der Blick der Fans wieder auf ein altbekanntes Ärgernis.

Das System, in dem fünf Meister um nur vier Aufstiegsplätze kämpfen, bleibt ein sportpolitischer Fehler, der Jahr für Jahr für Frust und Ungerechtigkeit sorgt. Doch abseits dieser viel diskutierten Problematik schwelt ein zweiter, kaum weniger gefährlicher Brandherd in der Pyramide des deutschen Fußballs: die Rolle der zweiten Mannschaften von Lizenzvereinen.

Ihre Präsenz in der 3. Liga und den Regionalligen ist zu einem fundamentalen Systemkonflikt herangewachsen. Während die Profiklubs sie als unverzichtbares Werkzeug der Talentförderung verteidigen, sind sie für die vielen Traditionsvereine und ihre Anhänger längst zu einem Symbol für Wettbewerbsverzerrung, wirtschaftliche Nachteile und die Aushöhlung der eigenen Identität geworden.

Eine Analyse der aktuellen Situation zeigt: Das System ist kaputt. Es ist an der Zeit für eine mutige Reform.

Das Märchen vom perfekten Entwicklungsweg bei Bayern, BVB und Co.

Die offizielle Begründung für die Existenz der U23-Teams klingt plausibel: Junge Talente sollen im Wettbewerb mit Erwachsenen Spielpraxis auf hohem Niveau sammeln, um den Sprung in den Profikader zu schaffen. Beim FC Bayern oder Borussia Dortmund wird da auf positive Beispiele verwiesen: Angelo Stiller oder Weltmeister Erik Durm, zum Beispiel.

Das sind freilich Ausnahmen. Die Realität zeichnet zumeist ein anderes, weitaus ernüchternderes Bild. Die strategische Volatilität der Bundesligisten selbst entlarvt das System als ineffizient. Klubs wie Eintracht Frankfurt oder der VfL Bochum meldeten ihre zweiten Mannschaften zwischenzeitlich sogar ab, nur um sie Jahre später wieder anzumelden – ein klares Zeichen für ein ungelöstes Dilemma.

Der damalige Sportdirektor Marcel Schäfer begründete die Abmeldung des U23-Teams beim VfL Wolfsburg unmissverständlich damit, dass „der finanzielle, personelle und logistische Aufwand schon lange in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag stand“. Seine entscheidende Einsicht: Der Sprung von der Regionalliga in die Bundesliga sei „einfach zu groß“. Das angebliche Sprungbrett entpuppt sich für die meisten Talente als Sackgasse, die für die Vereine vor allem hohe Kosten verursacht.

Die Idee, dass die 3. Liga oder die Regionalliga die ideale Ausbildungsumgebung sei, ist ein Mythos. Die Lücke zur Bundesliga ist so gewaltig, dass selbst ein Meistertitel in der 3. Liga, wie ihn die zweite Mannschaft des FC Bayern 2020 errang, kaum als Garant für den Durchbruch bei den Profis dient. Stiller, wohlgemerkt, hat sich ja auch nicht in München durchgesetzt, sondern folgte seinem Trainer Sebastian Hoeneß erst nach Hoffenheim und dann nach Stuttgart.

Die Talentförderung, das eigentliche Kernargument für die Existenz dieser Teams, verfehlt ihr Ziel systematisch.

Leere Blöcke wie hier beim 1. FC Saarbrücken sind keine Seltenheit, wenn Zweitvertretungen zu Gast sind.

Traditionsklubs sind die Leidtragenden eines unfairen Systems

Während die Effizienz für die Profiklubs fragwürdig ist, sind die negativen Auswirkungen für die Traditionsvereine in den Ligen darunter unbestreitbar. Das größte Ärgernis ist die ständige Gefahr der Wettbewerbsverzerrung. Wenn zweite Mannschaften im Saisonendspurt oder in entscheidenden Spielen plötzlich mit mehreren Profis aus dem Lizenzkader verstärkt werden, hat das mit fairem Wettbewerb nichts mehr zu tun.

Hinzu kommt ein massives wirtschaftliches und atmosphärisches Problem. Zweite Mannschaften sind in den meisten Fällen das Gegenteil von Zuschauermagneten. Spiele gegen die U23-Teams von Bundesligisten finden oft vor einer Geisterkulisse statt, der Gästeblock bleibt leer. Für Vereine wie Rot-Weiss Essen, den MSV Duisburg oder Alemannia Aachen, deren Geschäftsmodell auf starken Zuschauerzahlen und emotionalen Duellen basiert, ist jedes Heimspiel gegen eine zweite Mannschaft ein Einnahmeverlust.

Die Daten aus der 3. Liga belegen dies eindrucksvoll: Während Dynamo Dresden in der Saison 2024/25 einen Schnitt von über 28.500 Zuschauern hatte, kamen zur Zweitvertretung von Borussia Dortmund im Schnitt gerade einmal knapp über 3.500 Fans. Dabei ist die U23 beim BVB stärker akzeptiert als bei anderen Klubs.

Beim BVB II wird im Schatten des Signal Iduna Parks gespielt, selbst wenn Dynamo Dresden der Gegner heißt.

Die Talentförderung der reichen Bundesligisten wird somit direkt von den Traditionsvereinen subventioniert, die auf Ticketeinnahmen verzichten müssen und deren Ligen durch die unattraktiven Partien an Wert verlieren.

Jede zweite Mannschaft blockiert zudem einen Startplatz, um den ein anderer Klub mit gewachsener Fankultur und echter sportlicher Ambition kämpfen könnte.

Der Blick ins Ausland zeigt Deutschland: Es geht auch anders

Die Debatte ist keine deutsche Besonderheit, doch andere große Fußballnationen haben längst tragfähigere Modelle entwickelt. Der Blick über die Grenzen offenbart zwei grundlegend unterschiedliche, aber funktionierende Lösungsansätze für das Problem.

Das englische Modell setzt auf eine radikale Trennung. Die U21-Teams der Topklubs spielen in einer eigenen, geschlossenen Liga, der „Premier League 2“, komplett außerhalb der regulären Ligapyramide. Dies schützt die Integrität der unteren Ligen vollständig. Um den Talenten dennoch auch die nötige Härte zu vermitteln, nehmen sie an einem Pokalwettbewerb, der EFL Trophy, teil, wo sie auf Profiteams aus der dritten und vierten Liga treffen – eine pragmatische und zielgerichtete Lösung.

Spanien hingegen geht den entgegengesetzten Weg der vollen Integration. Die B-Teams können dort bis in die zweite Liga aufsteigen und am regulären Wettbewerb teilnehmen, solange sie nicht in derselben Liga wie die erste Mannschaft spielen. Dies schafft einen maximalen sportlichen Anreiz und führt Talente an ein extrem hohes Wettbewerbsniveau heran, nimmt aber bewusst in Kauf, dass die zweite Liga von B-Teams geprägt sein kann.

Eine eigene Unter-Liga für die Bundesliga-Klubs ist die logische Konsequenz

Stellt man diese beiden Modelle für Deutschland zur Debatte, wird schnell klar, dass nur eine Lösung wirklich zielführend ist. Die Idee, zweite Mannschaften bis in die 2. Bundesliga aufsteigen zu lassen, würde die bestehenden Probleme nur eine Etage höher verlagern und verschärfen. Man stelle sich die traditionsreiche 2. Bundesliga mit ihren vollen Stadien und ihrer enormen Anziehungskraft vor, wenn plötzlich die TSG Hoffenheim II oder der FC Augsburg II dort antreten – ein atmosphärischer und kommerzieller Todesstoß.

Die einzig sinnvolle und nachhaltige Lösung ist daher die Schaffung einer eigenen Reserveliga nach englischem Vorbild. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die 3. Liga und die Regionalligen würden zu reinen Ligen für Traditions- und ambitionierte Amateurvereine, was ihre Attraktivität, ihre Vermarktbarkeit und die sportliche Fairness sofort steigern würde. Die ständige Wettbewerbsverzerrung wäre mit einem Schlag beendet.

Eine solche U23-Liga, idealerweise in einem modernen Wettbewerbsformat und ergänzt durch einen Pokalwettbewerb, würde den Talenten einen hochklassigen Wettbewerb bieten, ohne das Fundament des deutschen Fußballs zu beschädigen. Der DFB, der schon den Mut zu einer umfassenden Reform der Junioren-Bundesligen bewiesen hat, muss diesen Weg in Zusammenarbeit mit der DFL konsequent zu Ende gehen.

In England gibt es eine eigene Reserveliga, die Premier League 2.

Schluss mit den faden Duellen, her mit den echten Krachern in der 3. Liga und Regionalliga!

Wer einen Blick auf die Ansetzungen des ersten Spieltags in Liga 3 und den Regionalligen wirft, sieht das Problem in seiner ganzen Tristesse. In der 3. Liga empfängt der MSV Duisburg den VfB Stuttgart II, während die TSG Hoffenheim II gegen den TSV Havelse antritt. In der Regionalliga West kommt es gar zum U23-Gipfel zwischen den Reserven von Gladbach und Düsseldorf, während in Bayern Augsburg II auf Bayern II trifft. All diese Duelle sind das Resultat eines gescheiterten Systems.

Stattdessen könnten wir mehr von dem haben, was den Fußball ausmacht: Echte Duelle voller Tradition und Emotionen. Das Eröffnungsspiel der 3. Liga zwischen Rot-Weiss Essen und dem TSV 1860 München ist ein Vorgeschmack darauf, was möglich wäre.

Es ist an der Zeit, die Ligen den Vereinen zurückzugeben, die sie mit Leben füllen. Die Einführung einer eigenen Liga für zweite Mannschaften ist dafür der unumgängliche, entscheidende Schritt.

Rubriklistenbild: © IMAGO/S.Sonntag

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