Dortmunds doppelter Saisonstart
BVB-Bosse zum Handeln gezwungen: Eine quälende Sinnfrage wird stärker
Der BVB unterhält eine kostspielige Talentschmiede. Dabei verpasst diese schon länger ihr Ziel. Zur neuen Saison drängt sich eine Frage immer stärker auf.
Dortmund – Am Wochenende beginnt die neue Saison bei Borussia Dortmund im doppelten Sinn: Während die Bundesliga-Profis nach dem Urlaub infolge der Klub-WM ihre Leistungsdiagnostik absolvieren, steht für die Zweitvertretung das erste Pflichtspiel bei der U23 des SC Paderborn auf dem Programm.
Die „BVB-Amateure“, wie das Team von eingefleischten Fans bis heute bezeichnet wird, sind am Ende der Vorsaison aus der 3. Liga in die Regionalliga West abgestiegen. Umso stärker drängt sich die Frage auf, wie sinnvoll es für Dortmund weiter ist, alljährlich Millionen in diese Mannschaft zu pumpen.
Die Verantwortlichen hatten die 3. Liga zur alternativlosen Plattform für die Talententwicklung erklärt. Ein Abstieg, so Sportdirektor Sebastian Kehl und U23-Leiter Ingo Preuß unisono, wäre eine „Katastrophe“. Nun ist genau diese eingetreten und legt die fundamentalen Fehler der Dortmunder Strategie offen. Jahrelang wurde ein ambitionierter Spagat versucht, der im schmerzhaften Absturz endete.
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Zweifelhafter Ertrag für die BVB-Profis
Offiziell sollte die U23 als letzte Stufe der Ausbildungskette Talente an die Profis heranführen. Die Realität sieht jedoch ernüchternd aus. Die prominentesten Beispiele von Spielern, die diesen Weg erfolgreich gingen, liegen Jahre zurück. Namen wie Erik Durm oder Jonas Hofmann stammen aus einer Ära, in der die Durchlässigkeit höher war. In jüngerer Vergangenheit verkam die U23 für viele Talente zur Sackgasse.
Spieler wie Nnamdi Collins, hochgelobt aus der eigenen Jugend, stagnierten hier und suchten ihr Glück anderswo. Der Abwehr-Allrounder kann sich heuer Hoffnungen machen, in der kommenden Saison auf den WM-Zug aufzuspringen – als Stammkraft bei Eintracht Frankfurt.
Selbst als die U23 noch in der 3. Liga spielte, war der Sprung für die meisten Talente zu groß. Die Mannschaft wurde eher zu einer erfolgreichen „Abschlussschule“ für den Transfermarkt, die zwar gute Spieler für andere Profiklubs produzierte, aber nur selten für den eigenen Bedarf. Hendry Blank brachte beim Wechsel zu RB Salzburg vier Millionen Euro Basisablöse ein, auch Abdoulaye Kamara (FC Portsmouth) oder Jayden Braaf (Hellas Verona) sollen bei der Ablöse den siebenstelligen Bereich erreicht haben.
Wer die Kaderlisten der drei deutschen Profiligen durchgeht, findet durchaus viele ehemalige Spieler der Zweitvertretung des BVB.
Das gescheiterte Kalkül des Dortmunder Hybrid-Modells
Dennoch: Als reines Entwicklungsteam hat Dortmund dieses Team nicht geführt. Stets wurden externe, oft erfahrenere Spieler verpflichtet, um die Ziele zu erreichen. Dieses Hybrid-Modell aus Talentförderung und kurzfristigem Erfolgsdruck ist mit dem Abstieg krachend gescheitert.
Wie viel Geld dabei aufgewendet wurde, lässt sich nur schwer genauer beziffern. Die Finanzbücher weisen in den letzten Jahren einen Personalaufwand von rund 15 Millionen Euro für den gesamten Nachwuchsbereich pro Saison aus, von dem natürlich ein beträchtlicher Anteil auf die U23 entfallen sein muss. Ihre Ziele hat sie jedoch nicht erreicht.
Die Investitionen, die eigentlich die bestmögliche Förderung garantieren sollten, erzeugten einen Leistungsdruck, der eben diese Entwicklung behinderte. Anstatt komplett auf die Jugend zu setzen, sollten etabliertere Kräfte die Kohlen aus dem Feuer holen – am Ende vergeblich. Das Kalkül, mit einer teuren Mischung die Liga zu halten und gleichzeitig Spieler zu entwickeln, ist nicht aufgegangen.
BVB mit widersprüchlicher Neuausrichtung in der Regionalliga
In der Regionalliga stellt sich die Sinnfrage nun noch lauter. Für absolute Top-Talente ist die vierte Liga keine attraktive Bühne. Ein Talent wie Cole Campbell wird hier kaum gefördert und denkt auch deshalb sehr intensiv über einen Wechsel zum VfB Stuttgart oder nach Frankfurt nach. Wofür also gibt es diese Truppe noch?
Eine radikale Neuausrichtung als reine Spielwiese für Talente, um sich an den Erwachsenenfußball zu gewöhnen, könnte der U23 neuen Sinn verleihen. Tatsächlich scheint sich der BVB in diese Richtung zu entwickeln. Talente wie Ousmane Diallo, Nick Cherny, Mussa Kaba oder Mathis Albert sollen in der neuen Saison ihre Chance bekommen.
Gleichzeitig konterkariert der Verein diesen Ansatz jedoch selbst: Mit dem 28-jährigen Joseph Boyamba wurde ein erfahrener Angreifer zurückgeholt, der nach Stationen in der 2. und 3. Liga keinerlei Perspektive für die BVB-Profis hat. Er gilt als absoluter Wunschspieler des Trainers Mike Tullberg, der zu kurzfristigen Erfolgen verhelfen und die Mannschaft mit führen soll – doch gleichzeitig blockiert eine solche Personalie immer auch wertvolle Spielzeit für die Jugend.
Eine klare Entscheidung ist beim BVB überfällig
Der Abstieg der U23 ist nicht bloß ein sportlicher Betriebsunfall. Er ist das Ergebnis einer jahrelangen, in sich widersprüchlichen Strategie. Die Verantwortlichen um Lars Ricken, der die U23 einst als „entscheidende Brücke“ bezeichnete, müssen sich entscheiden. Entweder man nutzt den Abstieg für eine echte, philosophische Neuausrichtung und formt ein reines Perspektivteam für die eigenen Toptalente.
Oder man gibt zu, dass das Projekt in seiner jetzigen Form gescheitert ist. Der aktuelle Kurs, der zwischen Jugendförderung und dem Festhalten an alten Mustern schwankt, ist zum Scheitern verurteilt. Er verbrennt weiterhin Millionen, ohne den versprochenen Ertrag zu liefern. Borussia Dortmund muss endlich eine klare Linie für seine zweite Mannschaft finden – oder den Mut haben, einen Schlussstrich zu ziehen.
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