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Dortmunds doppelter Saisonstart

BVB-Bosse zum Handeln gezwungen: Eine quälende Sinnfrage wird stärker

Der BVB unterhält eine kostspielige Talentschmiede. Dabei verpasst diese schon länger ihr Ziel. Zur neuen Saison drängt sich eine Frage immer stärker auf.

Dortmund – Am Wochenende beginnt die neue Saison bei Borussia Dortmund im doppelten Sinn: Während die Bundesliga-Profis nach dem Urlaub infolge der Klub-WM ihre Leistungsdiagnostik absolvieren, steht für die Zweitvertretung das erste Pflichtspiel bei der U23 des SC Paderborn auf dem Programm.

Die „BVB-Amateure“, wie das Team von eingefleischten Fans bis heute bezeichnet wird, sind am Ende der Vorsaison aus der 3. Liga in die Regionalliga West abgestiegen. Umso stärker drängt sich die Frage auf, wie sinnvoll es für Dortmund weiter ist, alljährlich Millionen in diese Mannschaft zu pumpen.

Die Verantwortlichen hatten die 3. Liga zur alternativlosen Plattform für die Talententwicklung erklärt. Ein Abstieg, so Sportdirektor Sebastian Kehl und U23-Leiter Ingo Preuß unisono, wäre eine „Katastrophe“. Nun ist genau diese eingetreten und legt die fundamentalen Fehler der Dortmunder Strategie offen. Jahrelang wurde ein ambitionierter Spagat versucht, der im schmerzhaften Absturz endete.

Wer geht? Wer bleibt? – Die Vertragslaufzeiten der Stars von Borussia Dortmund

Gregor Kobel
Stammtorhüter Gregor Kobel hat seinen Vertrag vorzeitig verlängert und bleibt bis 2028 gesetzt. © IMAGO/Madeleine Fantini
Patrick Drewes
Patrick Drewes unterschrieb am 26. Juni 2025 seinen Vertrag beim BVB bis 2027 – als neue Nummer 3 hinter Gregor Kobel und Alexander Meyer. © IMAGO/RHR-FOTO
Silas Ostrzinski
Auch Silas Ostrzinski hat seinen Vertrag vorzeitig verlängert und ist als zukünftige Nummer eins bei der U23 fest eingeplant. Sein Vertrag läuft bis 2027. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Meusel
Alexander Meyer
Ersatztorwart Alexander Meyer steht seit 2022 beim BVB unter Vertrag. Sein Arbeitspapier läuft am 30.06.2027 aus.  © IMAGO/Jess Stiles
Yan Couto
Der Brasilianer Yan Couto kam zunächst als Leihe vom Manchester City, ehe Dortmund frühzeitig die Kaufpflicht zog – sein Vertrag läuft bis zum 30.06.2030. © IMAGO/Heuler Andrey / SPP
Waldemar Anton
Waldemar Anton wechselte im Sommer 2024 von VfB Stuttgart zum BVB – Vertrag bis zum 30.06.2028. © IMAGO/Marco Bader
Nico Schlotterbeck
Abwehrchef Nico Schlotterbeck ist seit Sommer 2022 gesetzt in Dortmund – nach monatelangem Poker hat der Abwehrchef seinen Vertrag kürzlich bis 2031 verlängert.  © IMAGO/Revierfoto
Ramy Bensebaini
Der algerische Außenverteidiger Ramy Bensebaini kam 2023 ablösefrei und unterschrieb einen Vierjahresvertrag beim BVB. © IMAGO/Jonathan Moscrop
Niklas Süle
Niklas Süles Vertrag läuft noch bis zum 30.06.2026. Im März gab der Verein bekannt, dass sich die Wege im Sommer trennen werden.  © IMAGO/Marco Bader
Julian Ryerson
Der Norweger Julian Ryerson verlängerte ebenfalls vorzeitig seinen Vertrag bis 2028 und hat sich zu einem festen Bestandteil der Mannschaft etabliert. © IMAGO/Marco Bader
Almugera Kabar
Das BVB-Talent Almugera Kabar erhielt im Februar 2025 seinen ersten Profivertrag bis 2028. © IMAGO/Fotostand / Fantini
Filippo Mane
Der italienische Innenverteidiger Filippo Mane hat ebenfalls Anfang 2025, seinen ersten Profivertrag bis 2028 unterschrieben. © IMAGO/Katie Stratman
Nachwuchstalent Luca Reggiani hat einen bis 2027 gültigen Kontrakt.
Nachwuchstalent Luca Reggiani hat seinen bis 2027 gültigen Kontrakt langfristig verlängert. Über die genaue Laufzeit ist nichts bekannt. © IMAGO/Dennis Ewert/RHR-FOTO
Daniel Svensson
Der zunächst ausgeliehene Daniel Svensson kam Anfang Februar 2025 vom FC Nordsjælland – Dortmund zog frühzeitig die Kaufoption, sein Vertrag läuft nun bis zum 30. Juni 2029. © IMAGO/Katie Stratman
Salih Özcan
Salih Özcan unterschrieb 2022 seinen Vierjahresvertrag bis 2026. Dieser wird nicht verlängert, sodass der türkische Nationalspieler den BVB im Sommer verlässt. © IMAGO/Hesham Elsherif
Felix Nmecha
Der Mittelfeldspieler Felix Nmecha kam 2023 für knapp 30 Mio.€ vom VfL Wolfsburg. Im März 2026 verlängerte er seinen Vertrag vorzeitig bis Sommer 2030. ©  IMAGO / Nicolo Campo
Julian Brandt
Julian Brandts Vertrag läuft noch bis zum 30.06.2026 – dann endet nach sieben Jahren seine Zeit beim BVB. © IMAGO/Jonathan Moscrop
Carney Chukwuemeka
Der Engländer Carney Chukwuemeka unterschrieb nach seiner Leihe vom FC Chelsea fest beim BVB. Er ist noch bis 2030 gebunden. © IMAGO/Heuler Andrey / SPP
Marcel Sabitzer
Marcel Sabitzer wechselte 2023 vom FC Bayern nach Dortmund – sein Vertrag läuft regulär bis 2027, der BVB hat wohl vorerst keine Vertragsverlängerung geplant. © IMAGO/Marco Bader
Emre Can
Der Vertrag des Kapitäns läuft nach der Saison 2025/26 aus. Berichten zufolge verlängert er nach seiner schweren Kreuzbandverletzung allerdings um ein weiteres Jahr.  © IMAGO/Madeleine Fantini
Kjell Wätjen
Das Dortmunder Talent unterschrieb 2024 seinen ersten Profivertrag – für die Saison 2025/2026 wird der 19-Jährige, für die Spielpraxis an den VfL Bochum ausgeliehen. Sein BVB-Kontrakt läuft noch bis 2028. © IMAGO/Fotostand / Fantini
Jobe Bellingham
Der 19-jährige Jobe Bellingham unterzeichnete im Juni 2025 einen Fünfjahresvertrag bis 2030 und bereitet sich momentan bei der Klub-WM auf die Bundesliga-Saison 2025/26 vor. © IMAGO / Nicolo Campo
Karim Adeyemi
Karim Adeyemi wechselte im Sommer 2022 von RB Salzburg zum BVB – sein Vertrag läuft noch bis 2027. Immer wieder rankten sich Abgangsgerüchte um den Flügelspieler. © IMAGO/Jonathan Moscrop
Maximilian Beier
Der 21-jährige Maximilian Beier wechselte im August 2024 von Hoffenheim zum BVB, nachdem er dort mit 16 Bundesligatoren glänzte – sein Vertrag läuft noch bis zum 30.06.2029. © IMAGO/Marco Bader
Verlässt Serhou Guirassy den BVB?
Torjäger Serhou Guirassy kam im Juli 2024 vom VfB Stuttgart und lieferte seitdem bei den Borussen ab – sein Vertrag läuft noch bis 2028. ©  IMAGO / Gribaudi/ImagePhoto
Julien Duranville
Julien Duranville ist noch bis 2028 an Dortmund gebunden. In der Rückrunde der Saison 2025/26 spielt er auf Leihbasis beim FC Basel. © IMAGO/Madeleine Fantini
Cole Campbell
Cole Campbell unterschrieb 2024 einen Profivertrag in Dortmund – sein Vertrag läuft noch bis 2028. Auch er ist 2025/26 ausgeliehen und verbringt die Rückrunde bei der TSG Hoffenheim. © IMAGO/Katie Stratman
Neuzugang Fabio Silva unterschrieb beim BVB einen Vertrag bis 2030.
Neuzugang Fabio Silva unterschrieb beim BVB einen Vertrag bis 2030. © IMAGO/Jordi Mergen

Zweifelhafter Ertrag für die BVB-Profis

Offiziell sollte die U23 als letzte Stufe der Ausbildungskette Talente an die Profis heranführen. Die Realität sieht jedoch ernüchternd aus. Die prominentesten Beispiele von Spielern, die diesen Weg erfolgreich gingen, liegen Jahre zurück. Namen wie Erik Durm oder Jonas Hofmann stammen aus einer Ära, in der die Durchlässigkeit höher war. In jüngerer Vergangenheit verkam die U23 für viele Talente zur Sackgasse.

Spieler wie Nnamdi Collins, hochgelobt aus der eigenen Jugend, stagnierten hier und suchten ihr Glück anderswo. Der Abwehr-Allrounder kann sich heuer Hoffnungen machen, in der kommenden Saison auf den WM-Zug aufzuspringen – als Stammkraft bei Eintracht Frankfurt.

Selbst als die U23 noch in der 3. Liga spielte, war der Sprung für die meisten Talente zu groß. Die Mannschaft wurde eher zu einer erfolgreichen „Abschlussschule“ für den Transfermarkt, die zwar gute Spieler für andere Profiklubs produzierte, aber nur selten für den eigenen Bedarf. Hendry Blank brachte beim Wechsel zu RB Salzburg vier Millionen Euro Basisablöse ein, auch Abdoulaye Kamara (FC Portsmouth) oder Jayden Braaf (Hellas Verona) sollen bei der Ablöse den siebenstelligen Bereich erreicht haben.

Wer die Kaderlisten der drei deutschen Profiligen durchgeht, findet durchaus viele ehemalige Spieler der Zweitvertretung des BVB.

Die BVB-Verantwortlichen (hier Sebastian Kehl und Lars Ricken) haben die Bedeutung der U23 immer wieder betont.

Das gescheiterte Kalkül des Dortmunder Hybrid-Modells

Dennoch: Als reines Entwicklungsteam hat Dortmund dieses Team nicht geführt. Stets wurden externe, oft erfahrenere Spieler verpflichtet, um die Ziele zu erreichen. Dieses Hybrid-Modell aus Talentförderung und kurzfristigem Erfolgsdruck ist mit dem Abstieg krachend gescheitert.

Wie viel Geld dabei aufgewendet wurde, lässt sich nur schwer genauer beziffern. Die Finanzbücher weisen in den letzten Jahren einen Personalaufwand von rund 15 Millionen Euro für den gesamten Nachwuchsbereich pro Saison aus, von dem natürlich ein beträchtlicher Anteil auf die U23 entfallen sein muss. Ihre Ziele hat sie jedoch nicht erreicht.

Die Investitionen, die eigentlich die bestmögliche Förderung garantieren sollten, erzeugten einen Leistungsdruck, der eben diese Entwicklung behinderte. Anstatt komplett auf die Jugend zu setzen, sollten etabliertere Kräfte die Kohlen aus dem Feuer holen – am Ende vergeblich. Das Kalkül, mit einer teuren Mischung die Liga zu halten und gleichzeitig Spieler zu entwickeln, ist nicht aufgegangen.

BVB mit widersprüchlicher Neuausrichtung in der Regionalliga

In der Regionalliga stellt sich die Sinnfrage nun noch lauter. Für absolute Top-Talente ist die vierte Liga keine attraktive Bühne. Ein Talent wie Cole Campbell wird hier kaum gefördert und denkt auch deshalb sehr intensiv über einen Wechsel zum VfB Stuttgart oder nach Frankfurt nach. Wofür also gibt es diese Truppe noch?

Eine radikale Neuausrichtung als reine Spielwiese für Talente, um sich an den Erwachsenenfußball zu gewöhnen, könnte der U23 neuen Sinn verleihen. Tatsächlich scheint sich der BVB in diese Richtung zu entwickeln. Talente wie Ousmane Diallo, Nick Cherny, Mussa Kaba oder Mathis Albert sollen in der neuen Saison ihre Chance bekommen.

Gleichzeitig konterkariert der Verein diesen Ansatz jedoch selbst: Mit dem 28-jährigen Joseph Boyamba wurde ein erfahrener Angreifer zurückgeholt, der nach Stationen in der 2. und 3. Liga keinerlei Perspektive für die BVB-Profis hat. Er gilt als absoluter Wunschspieler des Trainers Mike Tullberg, der zu kurzfristigen Erfolgen verhelfen und die Mannschaft mit führen soll – doch gleichzeitig blockiert eine solche Personalie immer auch wertvolle Spielzeit für die Jugend.

Eine klare Entscheidung ist beim BVB überfällig

Der Abstieg der U23 ist nicht bloß ein sportlicher Betriebsunfall. Er ist das Ergebnis einer jahrelangen, in sich widersprüchlichen Strategie. Die Verantwortlichen um Lars Ricken, der die U23 einst als „entscheidende Brücke“ bezeichnete, müssen sich entscheiden. Entweder man nutzt den Abstieg für eine echte, philosophische Neuausrichtung und formt ein reines Perspektivteam für die eigenen Toptalente.

Oder man gibt zu, dass das Projekt in seiner jetzigen Form gescheitert ist. Der aktuelle Kurs, der zwischen Jugendförderung und dem Festhalten an alten Mustern schwankt, ist zum Scheitern verurteilt. Er verbrennt weiterhin Millionen, ohne den versprochenen Ertrag zu liefern. Borussia Dortmund muss endlich eine klare Linie für seine zweite Mannschaft finden – oder den Mut haben, einen Schlussstrich zu ziehen.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Guido Kirchner

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