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„Ein unfassbarer Moment“
DFB-Star Amiri im Exklusiv-Interview über sein besonderes Verhältnis zu Julian Nagelsmann
Sie kennen sich seit vielen Jahren, arbeiteten bereits in der U16 zusammen. Nun spielt Nadiem Amiri unter Bundestrainer Nagelsmann bei der WM – und schwärmt.
Wer wissen will, wie viel Nadiem Amiri diese WM bedeutet, muss sich nur eine aktuelle ZDF-Doku anschauen, in der dem Mittelfeldspieler die Tränen kamen, nachdem er nominiert wurde. Wie er nun seine Rolle im Team sieht, sich die Zeit im Basecamp vertreibt und was seine besondere Beziehung zu Julian Nagelsmann ausmacht, erklärt er im Interview mit Absolut Fussball.
Absolut hautnah. Absolut fundiert: Absolut Fussball berichtet für euch von der WM 2026. Unsere Reporter sind in Amerika vor Ort und versorgen euch mit News, Videos und exklusiven Einblicken.
Herr Amiri, wie aufgeregt waren Sie vor der Nominierung? Konnten Sie das Handy überhaupt aus der Hand legen?
Ich war natürlich extrem nervös und hab noch nie so viel aufs Handy geschaut, es war durchgehend auf laut. Bei jedem Anruf, der reinkam, dachte ich: Das ist Julian! Man hofft einfach, dass dieser Traum wahr wird. Und je länger es gedauert hat, desto schlimmer wurde es. Als der Anruf dann endlich kam, war das pure Erleichterung.
Was hat Ihnen die Nominierung bedeutet?
Das war ein unfassbarer Moment. Wirklich fast jeder, mit dem ich bislang zusammengearbeitet habe – Trainer, Sportdirektoren, ehemalige Mitspieler oder Freunde aus der Jugend –, hat sich bei mir gemeldet. Das hat mir gezeigt, wie viele Menschen mich auf meinem Weg begleitet haben. Ich war unglaublich stolz.
Mit Julian Nagelsmann verbindet Sie eine besondere Geschichte. Wie würden Sie Ihr Verhältnis beschreiben?
Wir hatten schon in Hoffenheim eine besondere Beziehung. Er hat mich aus Ludwigshafen geholt und dann in der U19 trainiert. Wir wurden gemeinsam Deutscher Meister, im Finale habe ich damals sogar zweimal getroffen. Wenn man solche Erlebnisse schon in jungen Jahren miteinander teilt, entsteht automatisch eine besondere Bindung.
Wie hat sich Ihr Verhältnis über die Jahre entwickelt?
In all der Zeit sind wir immer in Kontakt geblieben. Es gab Phasen, in denen wir telefoniert haben, wenn ich Rat gebraucht habe oder wenn es sportlich mal nicht so lief. Julian ist für mich wie ein Ziehvater im Fußball.
Wie viel haben Sie ihm zu verdanken?
Natürlich bin ich ihm dankbar. Aber im Fußball ist es immer ein Geben und Nehmen. Ein Trainer kann dir die Chance geben, nutzen musst du sie selbst. Auf dem Platz musst du deine Leistung bringen. Ich habe meine Chancen genutzt, aber natürlich war Julian für meine Entwicklung enorm wichtig.
Auch in schwierigen Zeiten?
Ja. Als in Leverkusen die erste große Delle meiner Karriere kam, haben wir viel gesprochen. Er hat immer gesagt: Gib weiter Gas, hab Geduld und überstürze nichts. Das war ein wichtiger Rat. Wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwann eine andere auf. Dann musst du bereit sein, durchzugehen.
Wie hat sich Nagelsmann seitdem verändert?
Eigentlich gar nicht so sehr. Seine fachliche Kompetenz war schon damals außergewöhnlich und ist heute Weltklasse. Was er über Fußball weiß und wie er über das Spiel denkt, gehört zum Besten, was ich je erlebt habe.
Und persönlich?
Menschlich ist er gleichgeblieben. Er sagt dir ehrlich, wo du stehst, was er von dir erwartet und was du der Mannschaft gibst. Diese Ehrlichkeit schätze ich sehr. In unserem Geschäft ist das leider keine Selbstverständlichkeit.
Mittelfeld-Juwel nachnominiert: Unser DFB-Kader für die WM 2026 – alle Spieler im Portrait
Ich bin deutlich ruhiger geworden und kann viel besser mit meinen Emotionen umgehen. Früher bin ich häufiger überdreht und war viel emotionaler. Heute kann ich Situationen besser einschätzen und weiß, wann ich Risiko gehen kann und wann ich klar bleiben muss. Das kommt natürlich auch mit dem Alter und der Erfahrung. Man macht Dinge durch, erlebt Höhen und Tiefen und lernt daraus.
Welchen Anteil hat Ihre Familie daran?
Einen großen. Seit ich Kinder habe, bin ich auf dem Platz viel ruhiger geworden. Das denkt man vielleicht gar nicht, aber ich nehme sehr viel aus dem Privatleben mit auf den Platz. Ich bin klarer geworden und lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen.
Wie schwer fällt es Ihnen, Frau und Kinder während der WM so lange nicht zu sehen?
Sehr schwer. Ich vermisse meine Jungs und meine Frau extrem. Zum Glück gibt es Facetime, deshalb telefonieren wir oft. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man seine Kinder einfach im Arm haben möchte. Mein Großer wird bald drei, der Kleine zwei Jahre alt. In dem Alter verändert sich jeden Tag etwas. Deshalb vermisst man schon viel. Aber für eine Weltmeisterschaft nimmt man das natürlich gerne in Kauf.
Wie sehen Sie Ihre Chancen auf Spielzeit?
Meine Rolle ist klar: Wenn der Trainer mich braucht, bin ich da. Ich glaube fest daran, dass ich meine Chance bekomme. Und wenn sie kommt, muss ich sie nutzen. Darauf bereite ich mich jeden Tag im Training vor.
Wie erleben Sie die Stimmung in der Mannschaft?
Ich glaube, jeder merkt, dass dieses Jahr besonders ist. Wir haben eine richtig gute Truppe und sind wie eine Familie. Alle halten zusammen, jeder geht für den anderen ans Limit. Hier entsteht gerade etwas.
Trauen Sie dieser Mannschaft den WM-Titel zu?
Natürlich! Das ist unser Traum. Und mit der Qualität, die wir im Kader haben, ist es auch ein realistischer Traum.
Was kann den Traum möglich machen?
Wir haben eine besondere Verbindung innerhalb der Mannschaft. In einem Turnier braucht man genau das. Man sieht bei erfolgreichen Teams immer wieder, dass jeder für den anderen kämpft und ans Limit geht. Genau diesen Spirit haben wir auch in unserer Mannschaft.