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Kein „weiter so“ möglich
DFB muss nach nächstem WM-Debakel jeden Stein umdrehen
Ein „weiter so“? Das darf es beim DFB nach dem peinlichen Aus im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft gegen Paraguay nicht geben.
Aus! Vorbei! In der Nacht von Montag auf Dienstag um 1.28 Uhr war die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko für Deutschland beendet. Wieder einmal vorzeitig. Und erneut erreichte das DFB-Team nicht die Runde der letzten 16 Mannschaften. Die Gruppenphase hat Deutschland diesmal zwar überstanden. Doch das ist nach dieser Blamage nicht mal eine Randnotiz.
Absolut hautnah. Absolut fundiert: Absolut Fussball berichtet für euch von der WM 2026. Unsere Reporter sind in Amerika vor Ort und versorgen euch mit News, Videos und exklusiven Einblicken.
Deutschland war offenbar nicht vorbereitet auf ein Elfmeterschießen
Die Verzweiflung, als es nach 120 Minuten noch immer keine Entscheidung gab, war durch den TV-Bildschirm hindurch spürbar. Nagelsmann fuchtelte mit einem Zettel in der Hand wild herum. Die Nerven versagten, das DFB-Team vergab drei Elfmeter. Sinnbildlich für den Verlauf des Turniers war der von Jonathan Tah in den Himmel von Boston gedroschene letzte Schuss. Die kurz aufgeflammte Euphorie nach gehaltenem Elfmeter von Manuel Neuer? Ausgetreten!
Ja, es gab eine zweifelhafte oder gar falsche Schiedsrichterentscheidung in der 102. Minute. Wahrscheinlich hätte dieses Tah-Tor alles ändern können. Es wäre jedoch viel zu billig, sich nun dahinter zu verstecken. Schiedsrichterentscheidungen verlieren Turniere nicht. Fehlende Qualität hingegen schon.
Neun Fünfen beim WM-Aus! Die Einzelkritik zum DFB-Drama gegen Paraguay
Deutschland hat gegen einen limitierten Gegner keine Durchschlagskraft, Zweikampfhärte oder Kreativität entwickeln können. Jeder Dribbelansatz prallte an den unermüdlich kämpfenden Paraguayern ab. 75 Prozent Ballbesitz sind eine Scheindominanz, aus 21 Torschüssen resultierte ein xG-Wert von 1,57. Das ist ein Armutszeugnis.
Nagelsmann ist dafür nicht alleine verantwortlich. Er konnte aber mit seinem unerfahrenen Trainerteam mit Benjamin Glück, Benjamin Hübner und Alfred Schreuder kein Fundament gießen. Das „glückliche Händchen“ im zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (2:1) blieb die Ausnahme und war nicht die Regel. Deutschland hat in der Breite nicht die Top-Qualität der Konkurrenz aus England, Frankreich oder Spanien.
Dann allerdings braucht es ein Team, in dem alle Rädchen ineinandergreifen. Wie soll das klappen, wenn Kapitän Joshua Kimmich auf der rechten Außenverteidigerposition und Florian Wirtz am linken Flügel kleben muss? Das ständige Festhalten an Leroy Sane? Unverständlich. Auch das Comeback von Torhüter Manuel Neuer, der gegen Paraguay einen guten Auftritt hatte, brachte nicht den erhofften Effekt.
Es gibt noch viele weitere sportliche Themen, die auf den Tisch gehören. Warum holte man nach dem Ausfall von Lennart Karl nicht einen Akteur wie Said El Mala? Er hätte mit seinen Dribblings Überraschungsmomente schaffen können. Stattdessen reiste Assan Ouedraogo an und wurde letztlich zum WM-Touristen. Oder woher kam das Vertrauen, dass das Herzstück Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic schon bereit ist für diese Herausforderung?
Die Fehlerliste ist zu lang. Das DFB-Team wäre wohl auch dann nicht tauglich für den großen Wurf gewesen. Doch nach einer solchen Blamage gibt es für niemanden eine Ausrede. Nagelsmann hat weiterhin das Potenzial, ein Top-Trainer zu werden. Er muss aber seine Lehren ziehen und auch im Hinblick auf Kommunikation und Außendarstellung Korrekturen vornehmen.
Auch die DFB-Führungsebene steht im Blickfeld
Die Ebene über Nagelsmann konnte ebenfalls keinen Einfluss nehmen. Sportdirektor Rudi Völler fand schon nach dem EM-Aus 2004 als Teamchef den richtigen Zeitpunkt für das Ende seiner Zeit. Der so beliebte Weltmeister wird auch dieses Mal wieder tief in sich gehen. Hat er Nagelsmann zu großes Vertrauen geschenkt? Hätte er früher einwirken müssen? Ihm fehlte das Gespür. DFB-Boss Andreas Rettig steht im Fokus, auch Präsident Bernd Neuendorf.
Ein Fehler darf sich nicht wiederholen! 2018 und 2022 hielt man nach den WM-Blamagen jeweils an den Trainern Joachim Löw und Hansi Flick fest. Nagelsmann hat einen bis 2028 laufenden Vertrag. Die Verbandsführung muss eine Lösung sein. Mit Jürgen Klopp steht ein Nachfolger möglicherweise in den Startlöchern. Man fragt sich: Wenn nicht jetzt – wann dann?
Klopp alleine wird den Scherbenhaufen nicht aufkehren können. Auch der Ruf nach Spieler-Rücktritten ist arg kurz gedacht. Deutschland fehlt auf allen Positionen die Topqualität. Der Bayern-Block hat das Team nicht durch das Turnier getragen. Die Zahl der verheißungsvollen Nachwuchskräfte? Überschaubar. Karl, El Mala und Tom Bischof fallen einem schnell ein – doch was kommt dahinter?
Deutschland steckte von 1998 bis 2006 ebenfalls in einem Loch. Damals drehte man unter Gerhard Mayer-Vorfelder an den richtigen Stellschrauben und reformierte die Jugendarbeit flächendeckend. Deutschland braucht heute keinen Neuanstrich – sondern einen echten Neustart. Und der beginnt nicht in zwei oder vier Jahren. Er beginnt jetzt.