„Ehrlichkeit zeigt wahre Größe“
Fair-Play-Szene des Jahres in Rosenheim? Türk Spors „Cuki“ verzichtet freiwillig auf Tor
Eine ehrliche Fair Play-Szene auf dem Fußballplatz sorgt in Rosenheim für Aufsehen – und erinnert daran, worum es im Sport wirklich geht.
Rosenheim – Es war die achte Minute eines unscheinbaren B-Klassen-1-Spiels in Rosenheim – und plötzlich passierte etwas, das man im Fußball nur noch selten sieht. Türk Spor Rosenheim II gegen den SV Westerndorf II, frühe Phase, 0:0, Spannung in der Luft. Eine Ecke fliegt in den Strafraum, Hakan „Cuki“ Cukadar steigt hoch – der Ball landet im Netz. Jubel bei Türk Spor, 1:0! Der Schiedsrichter zeigt auf den Mittelpunkt. Tor. Doch dann geschieht das Unfassbare: Der vermeintliche Torschütze läuft sofort auf den Referee zu. Kein Protest, kein Zögern, keine Diskussion. „Ich war mit der Hand dran“, sagt Cukadar ruhig zu Schiedsrichter Tobias Jarzumbek. Was er da gerade zugibt, kostet ihn ein Tor – und womöglich den Sieg. Jarzumbek reagiert, hebt das Tor auf und entscheidet auf Freistoß für Westerndorf.
Rosenheim: Türk Spors Hakan Cukadar mit Fair-Play-Szene des Jahres?
Später hält der Unparteiische die Szene in einem Sonderbericht an den Bayerischen Fußball-Verband fest – nicht, weil es Ärger gab, sondern weil sie so außergewöhnlich fair war. „Herr Cukadar stellte den Fairplay-Gedanken über den eigenen sportlichen Vorteil“, schreibt Jarzumbek. „Dieses Verhalten verdient besondere Anerkennung.“ Ein Lob, das man im Amateurfußball selten hört, wo es oft um Kampf, Emotion und Tabellenplätze geht – und wo der Sportsgeist nicht immer siegt. „Beim Spiel habe ich ein Tor erzielt, das zunächst wie ein klares Kopfballtor aussah. In Wahrheit hatte ich den Ball jedoch leicht mit der Hand berührt, bevor er ins Tor ging“, erzählt Cukadar später gegenüber „beinschuss.de“. „Der Schiedsrichter gab das Tor zunächst, aber ich habe keine Sekunde gezögert und sofort zugegeben, dass ich mit der Hand dran war.“
Der 32-Jährige, gebürtiger Rosenheimer, spielt mit starkem rechten Fuß und großem Herz für Fairness. „Wer mich kennt, weiß, wie ich ticke: Fairness und Respekt gehören für mich einfach dazu. Ich bin ein Sportsmann, der ehrlich bleibt – egal, gegen welchen Verein oder in welcher Liga. Und das erwarte ich auch von jedem anderen Sportler, ganz gleich, um welche Sportart es geht. Ehrlichkeit zeigt wahre Größe.“ Cukadar spielte früher selbst viele Jahre beim SV Westerndorf – ausgerechnet gegen seinen Ex-Verein kommt es also zu dieser Szene. „Beide Mannschaften spielen um den Aufstieg, und leider haben wir das Heimspiel knapp mit 1:0 verloren. Trotzdem glaube ich fest an unsere Mannschaft – wir werden bis zum Ende der Saison oben mitspielen“, sagt er.
Rosenheimer Cukadar: „Ehrlichkeit zeigt wahre Größe“
Umso bemerkenswerter, dass er in einem so wichtigen Spiel ein Tor zurücknimmt. Ein Moment, der zeigt, dass Charakter manchmal mehr zählt als Punkte. Einst traf aus der Region auch der SV Aschau/Inn die „richtige Entscheidung“. Ironie des Spiels: Westerndorfs Torwart Marinus Obermaier bemerkte das Handspiel gar nicht. Er dachte zunächst, es sei ein Eigentor gewesen. Am Ende jubelte Westerndorf II über einen knappen 1:0-Sieg nach einem Treffer von Max Appelt in der 62. Minute. Türk Spor stand ohne Punkte da. Doch in den Köpfen aller Zuschauer blieb vor allem ein Name hängen: Hakan Cukadar.
Ein Spieler, der zeigt, dass Fußball mehr sein kann als Taktik und Tore. Dass Größe nicht nur an Treffern gemessen wird, sondern an Haltung. „Ehrlichkeit zeigt wahre Größe“, sagt Cukadar – und selten war dieser Satz so passend wie an jenem Oktobernachmittag auf der Schulsportanlage an der Wittelsbacher Straße. Ein Handspiel, ein Geständnis, ein Moment, der den Amateurfußball daran erinnert, worum es eigentlich geht: um Respekt. Cukadar hat an diesem Tag kein Tor geschossen. Aber er hat etwas gewonnen, das auf keiner Anzeigetafel steht – das Spiel um die Fairness. (mck)