Bundeswehr-Soldat Ilker Ugur aus Bad Reichenhall lebt einen ungewöhnlichen Doppelalltag: In der Kaserne Oberstabsgefreiter, bei Austria Salzburg Co-Trainer in der 2. Liga. Mit den „Violetten“ feierte er bereits große Erfolge – nun wartet das Stadtderby gegen Liefering.
Bad Reichenhall/Salzburg – Im Leben hätte er das nicht gedacht: Trainer im Profibereich! Das hat Ilker Ugur aus Bad Reichenhall geschafft. Bei Zweitliga-Aufsteiger SV Austria Salzburg ist der 38-Jährige aktuell Assistent von Chefcoach Christian Schaider aus Ainring. „Das macht schon unglaublich viel Spaß, selbst wenn’s ein Rund-um-die-Uhr-Job ist“, sagt der im Odenwald geborene Südhesse. Seine Großeltern kamen nach dem Krieg als Gastarbeiter nach Deutschland, er selbst spielte beim FSV Erbach in der Bezirksliga. Am kommenden Sonntag (14. September) um 10.30 Uhr steht für Ugur und das gesamte violette Team das mit Spannung erwartete erste Saison-Stadtduell beim FC Liefering, quasi der Red Bull-Zweiten, auf dem Programm. Mit dem aktuell noch verletzten Luca Schmitzberger (Bad Reichenhall) und Torwarttrainer Christian Schlosser (Freilassing) befinden sich zwei weitere Teammitglieder aus dem Berchtesgadener Land bei der Austria-Kampfmannschaft.
Bad Reichenhall: Bundeswehr-Soldat mischt 2. Liga mit Salzburg auf
2008 wurde Ugur „unfreiwillig“ zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr in die Kurstadt versetzt. Er fand hier eine neue Heimat, spielte beim TSV Freilassing unter den Trainern Ali Gezer und Hakan Elmaci in der Kreis- und A-Klasse, beim TSV Bad Reichenhall in der Zweiten und noch ein paar Partien unter Coach Markus Huber in der Kreisklasse. 2013 heiratete er eine Reichenhallerin, heute kickt er ein wenig mit der TSV-AH. Nach der intensiven Kicker-Karriere – Ugur wollte eher die Reserve oder ein Jugendteam bei den Gelb-Schwarzen coachen – kam über den ehemaligen ESV Freilassing-Fußballer Emre Ispiroglu rasch ein Angebot, ins Nachwuchs-Trainerteam des USK Anif zu wechseln. „Dort übernahm ich für zwei Jahre die U16.“ Beruflich wechselte der Zeitsoldat – aktuell Oberstabsgefreiter – 2020 in die Kasernen-Abteilung von Christian Schaider, der überhaupt nichts über die Fußball-Aktivitäten seines neuen Büro-Mitarbeiters wusste.
Zufällig kamen sie darüber ins Gespräch, das wiederum ein Angebot nach sich zog, zum großen Traditionsverein SV Austria Salzburg zu wechseln. „Ich dachte, dort sollte ich vielleicht irgendwas in der Nachwuchsabteilung machen. Als es jedoch hieß, ich sei als Videoanalyst für die Kampfmannschaft vorgesehen, bekam ich erstmal Gänsehaut“, lacht B-Schein-Inhaber „Ili“ Ugur heute darüber. Mittlerweile ging er in seine dritte Austria-Saison, seit eineinhalb Jahren ist er sogar Schaiders Co.-Trainer. Ilker Ugur, der in seiner wenigen Freizeit – und wenn es der enge Terminplan erlaubt – lieber ein Spiel der Reichenhaller anschaut als eines seiner Profi-Lieblingsvereine Galatasaray Istanbul oder Eintracht Frankfurt, feierte in Maxglan seitdem zwei große Erfolge: Schon vorletzte Saison wurde das Regionalliga-Team Meister und hätte in Liga zwei aufsteigen dürfen – die hohen Verbandsauflagen verhinderten dies aber noch. Nach der letzten Saison gab’s mit dem erneuten Titelgewinn jedoch kein Halten mehr: Die violette Austria ist zurück im Profi-Fußball. Vor dem Stadtderby hatte beinschuss.de die Gelegenheit, mit Ilker Ugur zu sprechen.
Bad Reichenhall: Wie Ilker Ugur Co-Trainer bei Austria Salzburg wurde
Nach dem Lokalhit wird es wie immer heißen, dass es „nur“ um drei Punkte ging. Gleichwohl werden Sie mit Ihrem Team dem Spiel im EM-Stadion besonders entgegenfiebern.
Ilker Ugur: Natürlich ist es „nur“ eine Partie am 6. Spieltag, an dem noch nichts entschieden wird. Verlieren wir, steigen wir deshalb nicht ab. Wäre das Match am 29. Spieltag, hätte es möglicherweise einen markanteren Charakter, wäre noch aufregender. Gleichwohl fiebern wir gerade diesem Sonntag in einem für uns sehr großen Stadion extrem entgegen. Meine persönliche Vorfreude ist riesig. Es wird nicht das Spiel unseres Lebens, aber selbstverständlich wollen wir von dort unbedingt etwas mitnehmen – Derbys will man immer gut bestreiten und als Sieger verlassen, allein schon für die eigenen Fans. Die spielerische Qualität haben wir, unsere Motivation wird sich auf Anschlag befinden. Und wir kommen mit der Euphorie von zuletzt zwei Siegen und einem Remis.
Dabei kann Ihr Team, welches von vielen Seiten als sicherer Absteiger gehandelt wurde, mit aktuell sieben Punkten aus fünf Spielen relativ befreit aufspielen. Liefering steht bei vier Zählern, hat noch keinen Sieg auf der Habenseite.
Ilker Ugur: Der Druck liegt eher bei Liefering. Wir haben uns nach einem schwierigen Start mit dem Cup-Aus und zwei Liga-Niederlagen gefangen. Der Qualitätssprung von der Regionalliga in die 2 Liga ist schon gewaltig, da mussten wir uns erst mal akklimatisieren.
Stört Sie die frühe Anstoßzeit um 10.30 Uhr?
Ilker Ugur: Das ist ungewöhnlich und irgendwo seltsam, hatten wir aber bereits jüngst gegen die Rapid-Zweite. Das hat mit TV-Übertragungszeiten zu tun, durch diese frühe Ansetzung bekommen wir ein Live-Spiel bei ORF Sport plus – das ist nicht so verkehrt.
Sie sind zudem zertifizierter Videoanalyst, müssen viele Spiele anschauen und bewerten.
Ilker Ugur: Und das ist richtig heftig, weil ich immer zirka drei Partien unseres jeweils nächsten Gegners sehen und auswerten muss. Neben der Bundeswehr ist der Fußball-Job im Grunde nochmal eine 40 Stunden-Woche.
Ilker Ugur zwischen Bad Reichenhaller Kaserne und Salzburger Fußballplatz
Sind all die Analysen heutzutage nicht ein wenig übertrieben?
Ilker Ugur: Es ist zu viel des Guten. Aber man versucht halt alles, um den nächsten Gegner bestmöglich „zu lesen“. Im Spiel selbst ist dann oft Flexibilität nötig und der Plan B muss zum Einsatz kommen, weil alles komplett anders läuft. Menschliche Leistungen sind halt nie komplett vorhersehbar. Entscheidend sind die Tagesverfassungen der Spieler. Die Analysen können immer nur Hilfestellungen sein, keine Pauschalrezepte für Erfolg. Es gibt natürlich öfter kontroverse Meinungen – dann muss man sich bremsen, keine Frage.
Wie würden Sie Ihren Chef Christian Schaider bei der Bundeswehr wie im Fußballteam beschreiben?
Ilker Ugur: Er ist der loyalste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, ob beruflich oder sportlich – immer auf Augenhöhe.
Die Auswärtspartie bei Red Bull könnte sich für Ihr Team wie ein Heimspiel anfühlen.
Ilker Ugur: Wir rechnen mit wirklich vielen Austria-Fans, die natürlich ein Spektakel veranstalten werden.
Ist die Austria so „verrückt“, wie sie von außen wirkt und dargestellt wird?
Ilker Ugur: Diesen Verein muss man leben. Die Fan-Szene ist der Wahnsinn. Unsere Anhänger leben diesen Verein zu 100 Prozent, das gibt es in dieser Form sicher nicht überall. Im Trainerteam können wir aber ruhig arbeiten, wie in jedem anderen Klub auch. Die Wertschätzung, die wir selbst bei Niederlagen genießen, ist außergewöhnlich. Das habe ich sonst nirgends in dieser Form erlebt. Die Fans „pflegen“ natürlich eine gewaltige Rivalität zu Red Bull. Wir bereiten uns auf dieses Spiel aber ganz normal vor, wenngleich die Anspannung schon höher ist als sonst. (bit)