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„Dämlicher kann man schon nicht mehr sein“

Der Stürmer zwischen Himmel und „Höllen“: Traunsteins Ex-Bayern-Talent spricht so offen wie nie

Von der Euphorie auf dem Platz zum persönlichen Gespräch: Julian Höllen jubelt für Traunstein (links) und spricht mit Rudi Mayer (rechts) über seine Laufbahn.
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Von der Euphorie auf dem Platz zum persönlichen Gespräch: Julian Höllen jubelt für Traunstein (links) und spricht mit Rudi Mayer von der beinschuss.de-Redaktion (rechts) über seine Laufbahn.

Vom Nachwuchstalent beim FC Bayern zum polarisierenden Landesliga-Stürmer beim SBC Traunstein: Julian Höllen erzählt im Gespräch mit beinschuss.de erstmals ehrlich, was ihn prägte, was ihn fast zerbrach – und was ihn heute antreibt.

von Rudi Mayer

Traunstein – Es war ein Moment, auf den ich schon lange gewartet hatte. Endlich bekam ich die Gelegenheit, mit einem Menschen unter vier Augen zu sprechen, dessen Fußball-Laufbahn mich seit Jahren fasziniert und beschäftigt. Ein junger Mann, gerade einmal 24, der sportlich wie privat einiges erlebt hat – im Guten wie im Schlechten. In letzter Zeit fiel er vor allem durch mehrere Rote Karten auf, und so wusste ich nicht genau, was mich erwarten würde:

Ein jähzorniger Hitzkopf, der ungeduldig am Tisch sitzt und das Gespräch am liebsten schnell hinter sich bringen will? Oder ein reflektierter, ruhiger Charakter, der mehr ist als sein Ruf und seine Außenwirkung? Liebe Leser von beinschuss.de, ich kann euch beruhigen: Es wurde eindeutig Letzteres. Vor mir stand ein gepflegter, besonnener, überraschend reifer junger Mann – fast 1,90 Meter Wikingerkraft, kombiniert mit einer Bodenständigkeit, die man im Fußball nicht alle Tage findet. Julian Höllen, der aktuelle Goalgetter des Landesligisten SBC Traunstein.

Traunstein: Ex-Bayern-Talent Julian Höllen im Fußball-Interview

Julian, im Namen der beinschuss.de-Redaktion und selbstverständlich auch von mir, möchte ich mich ganz herzlich bei dir bedanken, dass du meiner Einladung zu einem Exklusivinterview hier nach Bernau gefolgt bist. In diesem Sinne freue ich mich sehr, einen so hochinteressanten Gast als Interviewpartner an den Tisch bekommen zu haben, der sportlich gesehen mit seinen 24 Jahren schon eine einzigartige und aufregende Laufbahn vorzuweisen hat, die Ihresgleichen sucht! Julian vorweg eine kleine persönliche Frage: Was denkst du gerade in diesem Moment über das bevorstehende Interview, hast du das dumme Gefühl, auf die „Schlachtbank“ geführt zu werden, oder denkst du eher, dass du bei mir in guten Händen bist?
Julian Höllen: „Ich hab mich natürlich vor unserem heutigen Termin ein wenig über dich informiert, aber das war alles durchweg positiv. Selbst wenn ich heute auf eine ‚Schlachtbank‘ käme, ich habe ein gesundes Selbstbewusstsein und könnte mich kritischen Fragen sehr gut erwehren (Julian lacht).“
Julian, du bist am 2. Februar 2001 in Koblenz zur Welt gekommen und hast dich mit deinem damaligen besten Freund als Dreieinhalbjähriger (!) dem Fußballverein JSG Augst angeschlossen! Wie müssen wir uns das vorstellen, wenn es doch für Dreieinhalbjährige noch gar keine Fußball-Altersklasse gibt, seid ihr da den Größeren zwischen den Beinen herumgelaufen?
Julian Höllen: „Respekt, sehr gut recherchiert! Genau, ich war damals bei den ‚Bambinis‘ der JSG Augst, die von 4 bis 6 Jahren eingestuft war. Ich war schon zur damaligen Zeit sehr schnell gewesen, vielleicht lag es auch daran, dass ich bereits mit 9 Monaten alleine auf den Füßen stand. Aber jetzt, wo du das so angesprochen hast, muss ich sagen, dass mir das bisher in dem Maße noch gar nicht bewusst war, dass ich in ganz frühen Jahren immer bei den ‚Älteren‘ mitgespielt habe.“
Als Siebenjähriger hast du den Verein gewechselt, zum FC Urbar (nahe Koblenz)! Hast du damals schon gespürt, dass du zu „Höherem“ berufen bist?
Julian Höllen: „Also ich bin schon ein wenig überrascht, was du da alles aus meiner Vergangenheit rauskramst. Ja, ich hab da schon gemerkt, dass ich das Fußballspielen so ganz gut beherrsche und das, obwohl ich fast immer bei den älteren Jahrgängen auf dem Platz stand. Natürlich macht man sich da noch keine Gedanken darüber, welche Schritte notwendig wären, um Fußballprofi zu werden, aber grundsätzlich waren es damals, wie bei vielen anderen Jungs auch, der Wunsch, bzw. das Wunschdenken in den Profibereich zu kommen. Dass mir das acht Jahre später mit der Vertragsunterzeichnung beim FC Bayern München auch gelingt, das konnte ja keiner wissen, bzw. erahnen.“
2012 hast du die Chance wahrgenommen, über ein Halbstipendium beim DFI (Deutsches Fußball Internat) in Bad Aibling anzuheuern. Mit nur 11 Jahren hast du, quasi auf eigenen Füßen stehend, deine Familie aufgegeben und bist von Koblenz nach Oberbayern gezogen – für soviel Mut, meinen höchsten Respekt! Würdest du heute einen solchen „familienzerstörenden“ Schritt nochmal so machen?
Julian Höllen: „Dazu von mir ein ganz klares JA! In dieser Beziehung hab ich alles richtig gemacht, würde ich heute jederzeit wieder so machen! Ich kann zu Recht behaupten, dass das damals der intensivste, aber auch zugleich wichtigste Schritt in meinem Leben gewesen war, auch wenn ich es nicht geschafft habe, Fußballprofi zu werden. Für meine Eltern war es damals natürlich eine Katastrophe, aber irgendwie haben wir es mit regelmäßigen Besuchen hinbekommen. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich reagieren würde, wenn mein Sohn heute mit so eine Bitte zu mir käme, wahrscheinlich würde ich die ‚Krise‘ bekommen. Abschließend gesagt, es war für meine persönliche Entwicklung in allen Bereichen das Beste, was ich je machen konnte!“
Nach einer Kurzintervention bei der SpVgg Unterhaching ist der FC Bayern München aufmerksam geworden und hat dich für seine U15 und später U17 an die Säbener Straße verpflichtet! Was geht da im Herzen eines jungen Menschen vor, wenn er inmitten der Vollprofis die Luft des Erfolges, der gesellschaftlichen Anerkennung und des Reichtums schnuppern kann?
Julian Höllen: „Mit dem Schritt zu Unterhaching habe ich das erstemal gespürt, dass sich mein Wunsch zum Fußballprofi verwirklichen lassen könnte. Mit dem Wechsel zu Bayern hast du dann ganz deutlich wahrgenommen, oha, jetzt gehörst du zu den Besten, jetzt stehst du ganz dicht vor der Tür zum Profifußball. Bei Bayern habe ich das erste Mal mit 500 Euro im Monat Geld verdient, wodurch ich dann schon gemerkt habe, dass das nichts mehr mit Hobby, sondern vielmehr mit erheblichem Leistungsdruck zu tun hat, wenn du jedes einzelne Training bis zur völligen Erschöpfung und Verausgabung erbringen musst, um mit den Stärksten mithalten zu können und im Team dazugehörig sein möchtest!“
Durch den großen Konkurrenzdruck erschien dir eine Übernahme in die U19 des FC Bayern München sehr unrealistisch und du bist über den VfL Bochum, wo du dich aufgrund hoher Verletzungsquoten logischerweise nicht durchsetzen konntest, im sogenannten „Adlerhorst“ von Eintracht Frankfurt sinngemäß gelandet.
Julian Höllen: „Die Übernahme von Bayerns U17 in die U19 hätte ich bekommen können, es deutete sich aber schon eine nicht so vorteilhafte Positionierung innerhalb der Mannschaft für mich an. Entsprechend meiner Ungeduld sehr früh Profi zu werden, hab ich mich aus diesem Grund für den VfL Bochum entschieden, der seinerzeit in der zweiten Liga spielte. Nach einem Riss des Innen- u. Außenbandes hatte sich die vollständige Genesung von angedachten fünf Monaten zwischenzeitlich auf zehn Monate verlängert und ich konnte aufgrund dessen mein Leistungsvermögen für den VfL Bochum nicht auf den Platz bringen. Bedingt durch die lange Verletzungspause hatte ich mich schließlich auch noch mit meiner Berateragentur verkracht und folglich wollte ich so schnell als möglich dieses für mich verlorene Jahr in Bochum beenden. Das Angebot von Eintracht Frankfurt bestand ja schon länger, der damalige Sportchef Pezzaiuoli wollte ja schon vor dem Bochumer Jahr, dass ich zur Eintracht komme.“
Obwohl du mit dem technischen Direktor der Eintracht, Marco Frederico Pezzaiuoli, einen Fürsprecher und Freund hattest, ist diese „Fußball-Ehe“ zerbrochen. Woran lag es deiner Meinung nach und was waren hierfür die Gründe?
Julian Höllen: „Dort in Frankfurt angekommen, verfolgte mich die neue Verletzung, eine schwerwiegende Schambeinentzündung, über die Distanz von über 6 Monaten, in der ich dem Verein nicht zur Verfügung stehen konnte, plus die lange Reha und das Aufbautraining, bis man wieder einigermaßen in Form ist. Das war dann auch bei mir das erste Mal, dass Zweifel über den Fortgang meiner Laufbahn aufkamen in Verbindung mit ernsthaften Gedanken zur Beendigung der ganzen Materie Profifußball. Dennoch erhielt ich ein Angebot aus der zweiten portugiesischen Liga mit anschließender Vertragsunterzeichnung. Als dann kurzfristig ein Trainertausch vorgenommen wurde, der mit deutschen Spielern ein Problem hatte, kam schließlich die heikle Situation auf mich zu, dass ich unmittelbar vor Transferende ohne Verein da stand. Über die Connections von Florian Heller bin ich dann 2020 beim damaligen Regionalligisten TSV 1860 Rosenheim gelandet!“
Nach recht zahlreichen und zum Teil doppelten Vereinswechseln zum SBC Traunstein, TSV 1860 Rosenheim und TSV Ampfing, bist du nun aktuell wieder bei den Traunsteinern angekommen und leider gleich zu Anfang negativ aufgefallen, mit mehrfachen Platzverweisen und Spielsperren! Julian, darf ich dich einmal ganz offen und ehrlich fragen: Geht auf dem Rasen dein Temperament mit dir durch, entwickelst du beim Fußballspiel Mann gegen Mann zu viel Adrenalin und zweite Frage, siehst du nun beim SBC Traunstein längerfristig deine Zukunft?
Julian Höllen: „Diese ganzen Vereinswechsel wären in dieser Form niemals so zustande gekommen, wenn die entsprechenden Führungspersönlichkeiten der einzelnen Vereine akzeptiert hätten, dass bei mir nicht mehr der Fußball, sondern meine berufliche Entwicklung im Vordergrund gestanden hat. Es kam dabei immer mehr zur direkten Konfrontation mit Leuten, die das nicht akzeptierten. Das war in Rosenheim so, Traunstein schloss sich beim ersten Mal nahtlos an, bei Ampfing war es einfach der viel zu weite Weg, den ich von München aus zu bewältigen hatte. Ein persönlich gesehen sehr guter Freund von mir, der auch schon in meiner Firma aushilfsweise gearbeitet hat und mit dem ich auch schon zusammen in Urlaub gefahren bin, Cheftrainer Gentian Vokkri vom SBC Traunstein, hat das als Erster akzeptiert und damit verstanden, dass mir mittlerweile der Beruf vor Fußball geht. Damit kann nun der Verein, als auch die Mannschaft und meine Wenigkeit für die Zukunft klarer, deutlicher und besser damit umgehen.“
Und zum Thema Rote Karten?
Julian Höllen: „Was soll ich sagen außer selber schuld, dumm und dämlich! Die erste Rote Karte, als ich aus Zorn über die verletzungsbedingte Auswechslung gegen den Getränkekasten trat und damit den Linienrichter unbeabsichtigt am Kopf getroffen habe, mag man mir bitte verzeihen. Die zweite rote Karte war einfach nur dämlich, dämlicher kann man schon gar nicht mehr sein! Ich habe aber daraus schon meine Konsequenzen gezogen und werde mich in Zukunft im Sinne des Vereins schwer zusammenreißen, damit sowas in dieser Art zum Schaden des Vereins nicht mehr vorkommt!“
Mit Freude habe ich vernommen, dass Julian Höllen auch eine ganz andere Charakterseite besitzt. Du hast während deiner „Frankfurter Zeit“ ein freiwilliges soziales Jahr in einem Kinderheim geleistet und dabei die Kehrseite unserer Gesellschaft kennenlernen dürfen. Darf ich sehr interessiert nachfragen, was dir diese sehr anspruchsvolle Arbeit für dein späteres Leben gegeben hat und auch immer noch gibt?
Julian Höllen: „Stimmt nicht ganz! Ich habe nicht in einem Kinderheim, sondern in einer Jugendbetreuung und auch in einem Altersheim gearbeitet. Ich habe ja ein Fach-Abitur für das Sozialwesen abgelegt, davon kommt wohl meine ‚soziale Ader‘. Ich habe mit 14 Jahren mein erstes Geld verdient, auch die folgenden Jahre stand ich quasi immer auf der Sonnenseite des Lebens, was bei mir den Wunsch größer werden ließ, auch einmal die Kehrseite der Medaille kennenzulernen. Mir jedenfalls hat es aller deutlichst vor Augen geführt, dass es auch noch andere Leben gibt, die nicht auf der Sonnenseite stehen. Für mich war und ist es auch heute noch eine der wertvollsten Erfahrungen in meinem Leben!“
2021 gründest du mit 20 Jahren dein eigenes Unternehmen mit der Bezeichnung „Black Sheep Agency“, zu gut deutsch „Agentur für schwarze Schafe“. Im selben Jahr hängst du den Versuch, Profifußballer zu werden, endgültig an den Nagel. Kannst du bitte einmal unseren Lesern erklären, in welchen Zusammenhang diese beiden richtungsweisenden Entscheidungen miteinander stehen?
Julian Höllen: „Ja, das ist schon verbunden mit einem tiefen Einblick in meinen Charakter! Ich habe ja eingangs schon angedeutet, dass mir das Geschäft Fußball immer ‚dreckiger‘ wurde, vieles geschieht ‚hintenherum‘, vieles über Vetternwirtschaft und sehr vieles über ‚Unehrliches‘. Es kam dann 2021 bei mir zum großen Crash mit dem Vorhaben Profifußballer zu werden und habe daraus resultierend meine eigene Firma namens „Black Sheep Agency“ gegründet, die ich bis heute erfolgreich als eigener Chef führe. 2021 stand ich vor der Tatsache: Julian du musst jetzt alternativ zum Fußball Geld verdienen! Das erste Geld nach der Entscheidung gegen die Profifußball-Laufbahn verdiente ich mir bei der Internetagentur „Service-Plan“, die mich aufgrund meiner gezeigten Leistungen darauf drängten, den Weg in die Selbstständigkeit zu nehmen, was ich schließlich mit dem zwischenzeitlich angeeigneten Wissen und Können auch erfolgreich in die Tat umgesetzt habe. Das Wort „Black Sheep Agency“ hat nichts damit zu tun, dass wir vielleicht „schwarze Schafe“ sind, nein, vielmehr nimmt es seine Bedeutung auf bei sehr großen Werbeagenturen mit mangelhaft aufgebauter Internetpräsenz, der wir uns professionell widmen!“

Last but not least: Ich habe heute einen jungen Menschen kennenlernen dürfen, der in Sachen Tatkraft, Bodenständigkeit und Sympathie so ziemlich alles widerlegt, was seinem Ruf vorauseilt. Julian Höllen – ein Mensch, den man einfach nur mal kennengelernt haben muss! Ich, Rudi Mayer, als alter Mann in Diensten von beinschuss.de jedenfalls kann mit großer Gewissheit sagen, dass mir in den vergangenen Jahren selten ein so toller Mensch untergekommen ist! Julian – ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du auch ohne den Profifußball deinen Weg gehst, ohne auf das zu hören, was manche unqualifizierte Leute von sich geben – sie reden einfach nur dumm daher und plappern das nach, was sich der ein und andere zum Schaden deiner Persönlichkeit hat einfallen lassen! Für diejenigen, die dich einmal „live“ erleben durften, wird es immer ein Highlight bleiben – Dankeschön und für deinen weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute! (rm)

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