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1860 Rosenheim holte in Grünwald spät den entscheidenden Punkt zum Aufstieg. Trainer Wolfgang Schellenberg spricht nun über die Achterbahnfahrt, die neue Identität und verrät, wieso die Reise jetzt erst beginnt.
Rosenheim – Das Drama um die Meisterschaft in der Fußball-Landesliga Südost wirkt nach. Quasi mit der letzten Aktion hat sich der TSV 1860 Rosenheim nach einem 0:2-Pausenrückstand durch ein 2:2-Remis beim TSV Grünwald den entscheidenden Punkt zum Titel und den damit verbundenen Aufstieg gesichert. Nach dem ersten Jubel hat sich Cheftrainer Wolfgang Schellenberg den Fragen der OVB-Sportredaktion gestellt. Er spricht über die Achterbahn im Spiel und den entscheidenden Moment, über den Siegtorschützen und die Bedeutung des Aufstiegs für den Verein.
Wolfgang Schellenberg im Interview: Wieso der Aufstieg erst der Anfang einer Reise ist
Das entscheidende Spiel war eine zähe Angelegenheit. Was war denn in der ersten Halbzeit los?
Wolfgang Schellenberg: Da waren wir überhaupt nicht gut im Spiel. Wir waren mit Ball sehr nervös, haben viele Fehler gemacht, defensiv überhaupt keinen Zugriff bekommen, waren in den Zweikämpfen nicht da. Letztlich mussten wir ja sogar noch froh sein – auch wenn die zwei Tore natürlich Traumtore waren –, dass wir da nicht noch höher in Rückstand waren.
Was hat dann den Ausschlag für die Wende gegeben?
Schellenberg: Wir haben dann auf Fünferkette umgestellt – aber sehr offensiv, indem wir gesagt haben: Wir pressen vorn eins-gegen-eins zu, decken extrem hoch durch, spielen hinten einfach eins-gegen-eins. Und ich denke, die Grünwalder sind dann mit der Aggressivität und dieser komplett anderen mentalen Stärke, die wir gezeigt haben, überhaupt nicht zurechtgekommen.
Mutige Marschroute nach der Halbzeit
Ihre Mannschaft hat im Frühjahr schon bewiesen, wie man auswärts einen Rückstand mit einem späten Tor dreht. Hilft so etwas mental?
Schellenberg: Wir wussten erstens, dass Grünwald schon anfällig für Gegentore ist, das kann man aus der Tabelle lesen. Und wir wussten natürlich auch, dass wir – wenn wir das Anschlusstor machen – dann einfach auch die Qualität dafür haben, dass wir auch ein zweites Tor machen können. Das war uns bewusst. Wir haben in der Halbzeit gesagt: Auf gar keinen Fall ein drittes Gegentor kassieren, weil dann ist das Spiel gelaufen. Und wenn das Anschlusstor in der 85. Minute fällt, dann sind wir halt in dem Moment wieder im Spiel drin. Und das war so die Marschroute. Aber auch mutig, weil wir gesagt haben: Verlieren können wir jetzt nichts mehr.
Am Ende war auch mal der Torwart vorn, aber dann ist aus der Situation nichts entstanden. Haben Sie irgendwann einmal nicht mehr daran geglaubt?
Schellenberg: Also das erste Mal, dass ich ein bisschen Bedenken bekommen habe, war, als der Johann (Stürmer Ngounou Djayo, d. Red.) verletzt herausgegangen ist. Man hat gesehen, was er noch mal für unser Spiel bewirkt hat. Da habe ich mir gedacht: Jetzt wird es schwierig. Irgendwann, so in der zweiten Minute der Nachspielzeit, bist du natürlich schon ins Schwitzen gekommen.
Und was war dann, als das entscheidende Tor gefallen ist?
Schellenberg: Einfach unglaublich, nicht wahr? Wenn du weißt, es ist die letzte Aktion, und der Ball geht rein. Ich habe es gerade der Mannschaft gesagt: Die Reise hat in Grünwald vor drei Jahren begonnen und sie endet in Grünwald.
Schellenberg gibt zu: „Das habe ich noch nicht erlebt“
Wussten Sie, dass es die letzte Aktion ist?
Schellenberg: Es war auf alle Fälle klar, dass dann kaum noch gespielt wird. Grünwald hatte sogar noch mal kurz den Ball vorn gehabt, als wir schon drei oder vier Minuten drüber waren.
Ausgleich mit der letzten Aktion: Summerer köpft 1860 Rosenheim in die Bayernliga
Schellenberg: Es gab die Möglichkeiten in der 85., 86. Minute, den Schuss vom Summerer, den der Torwart mit dem Fuß herausholt, kurz darauf der Kopfball vom Grundner. Da habe ich mir schon gedacht: Das ist noch machbar. Aber natürlich, je länger die Spielzeit runterläuft...
Sie haben im Fußball so viel erlebt. So etwas auch schon mal?
Schellenberg: Nein, so etwas nicht. Ein Highlight war mit Sicherheit damals die Deutsche Meisterschaft bei den B-Junioren mit 1860 München, das ist klar. Aber in der fünften Minute der Nachspielzeit mit der letzten Aktion einen Aufstieg klargemacht, das habe ich noch nicht erlebt.
Belohnung für Treue zum Verein
Michael Summerer erzielte den entscheidenden Treffer. Sie haben uns zuletzt schon mal erzählt, dass er in den vergangenen Wochen und Monaten an Führungsqualität dazugewonnen hat. Dass er das Tor macht, kommt nicht von ungefähr, oder?
Schellenberg: Irgendwie passt es dann. Es passt einfach alles: Dass er genau das Tor macht, als er gerade nach der Verletzung vom ,Gratti‘ (Lucas Gratt, d. Red.) als Spielführer hineingegangen ist, die Verantwortung übernommen hat. Er ist vor zwei Jahren dazugekommen und war dann auch einer von denen, die letztes Jahr eben nicht auf Wiedersehen gesagt haben, sondern dabei geblieben sind. Und dafür ist er jetzt belohnt worden.
Sie haben von der Reise gesprochen, die damals in Grünwald begonnen hat. Das war vor drei Jahren, dieser Zeitraum ist ja so ein kleiner Zyklus. Was bedeutet jetzt der Aufstieg?
Schellenberg: Erstens haben wir das, was wir vor drei Jahren gesagt haben: Wir wollten wieder Identität schaffen, mit Spielern, die sich mit dem Verein identifizieren. Wir wollten wieder Leute haben, die gerne für 1860 Rosenheim spielen. Wir wollten eine junge Mannschaft haben. Das ist jetzt ein erster Prozess. Da glaube ich, ist das jetzt schon eine wahnsinnig gute Entwicklung, die der Verein, die Mannschaft und alle gemacht haben. Und ja, jetzt geht die Reise wieder genau da los, wo wir vor drei Jahren waren – nur eine Liga höher.