Schwieriger Zulassungsprozess
Diese Apps können Leben retten – aber Bürokratie-Irrsinn macht sie kaputt
Die Versorgung von Patienten wird schlechter, die Gesundheitskosten explodieren, Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist knapp. Können Apps helfen?
Im Juli haben die Bundesländer und die Bundesregierung die Arbeitsgemeinschaft „Zukunftspakt Pflege“ gegründet. Zu ihren Zielen gehört es, Innovation zu ermöglichen sowie Digitalisierung und KI-Nutzung zu fördern. Tatsächlich gab es einmal eine Zeit, in der Deutschland im Bereich der Digitalisierung des Medizinbereichs weltweit führend war, erinnert sich Verena Benz, Bereichsleiterin Pharma Digital beim Digitalverband Bitkom: „Deutschland war das erste Land, das die Idee einer ‚App auf Rezept‘ eingeführt hat.“ Das war 2019.
Listen digitaler Gesundheitsanwendungen führen 57 Apps auf, die Ärzte auf Rezept wie Medikamente verschreiben können. Doch auf den ganz großen Durchbruch warten die Apps immer noch: „Inzwischen hemmen lange Zulassungsprozesse und sehr teure Studien die Entwicklung“, sagt Benz. „Evidenz ist natürlich wichtig, keine Frage, aber wenn jedes Jahr neue Sicherheitsauflagen hinzukommen, wird es für junge Unternehmen finanziell kaum noch tragbar.“ Dabei können Apps eine gute Möglichkeit sein, die Versorgung von Patienten zu verbessern und etwas Druck vom Gesundheitswesen zu nehmen.
Diese Apps können Leben retten – aber Bürokratie-Irrsinn macht sie kaputt
Dessen Kosten explodieren, und der schon heute chronische Personalmangel wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen, denn auch in Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen werden Mitarbeiter in Rente gehen. Und es ist heute schon absehbar, dass sie längst nicht alle ersetzt werden können. Schon die zugelassenen Apps, die vom Arzt verschrieben werden, können Patienten helfen – vor allem wenn es um Burn-out, Schmerzen oder Suchterkrankungen geht. Meist würden sie auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie arbeiten, sagt der Experte Jörg Schiemann: „Der Nutzer beobachtet und reflektiert sein Verhalten und lernt daraus. Das lässt sich mit dem Smartphone gut abbilden, weil man es immer dabei hat.“
Es gibt Apps, die Nutzer dabei unterstützen, ihre sozialen Ängste zu bewältigen, Therapien bei Depressionen begleiten oder Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, durch ein interaktives psychologisches Online-Programm helfen, Beeinträchtigungen zu begrenzen.
Aber auch ganz einfache Apps, die es nicht auf Rezept gibt, können nützlich sein und sogar helfen, Leben zu retten, sagt Schiemann: „Ich selbst bin nierenkrank und habe erlebt, dass viele Transplantierte ihre Medikamente unregelmäßig nehmen. 40 Prozent der transplantierten Organe werden wegen fehlerhafter Medikamenteneinnahme abgestoßen.“ Eine Tragödie, denn Spenderorgane sind sehr knapp. „Dabei gibt es einfache Apps, die daran erinnern, die Medikamente zu nehmen, und so helfen, Abstoßungen zu vermeiden.“
Für Benz bieten Apps auch eine Chance zur Prävention. „Wenn man bestimmte Gesundheitsmarker oder Verhaltensmuster früh erkennt, kann man Risiken für Krankheiten rechtzeitig abfangen – etwa bei Adipositas, Herzinsuffizienz oder Diabetes. Digitale Präventionsprogramme könnten hier gezielt ansetzen.“
Auch die immer beliebteren Smartwatches können gut für die Gesundheit sein. „Smartwatches“, sagt Schiemann, „liefern schon heute wertvolle Daten.“ In Zukunft könnten diese Daten direkt in die elektronische Patientenakte übertragen werden. „Die Apple Watch oder Samsung-Modelle werden hier immer besser.“ Sie können zum Beispiel den Trägern melden, wenn es Herzprobleme gibt, und ihm raten, schnell einen Arzt aufzusuchen. Auch die elektronische Patientenakte (ePA) oder ein digitaler Impfpass können helfen, Prävention zu verbessern, weil sie relevante Informationen automatisch zusammenführen. Benz weiß von Start-ups, die daran arbeiten, anhand von Stimmveränderungen zum Beispiel Verschlechterungen bei Herzinsuffizienz zu erkennen. Denn wenn Wasser im Körper eingelagert wird, verändert sich auch die Stimme – und das lässt sich digital messen.
Nur im Pflegebereich gibt es noch keine digitalen Helfer. Der hohe und teure Aufwand schreckt die Unternehmen ab, entsprechende Apps zu entwickeln .Ob sich das in Zukunft ändert? Nur, wenn es mit der von der Bundesregierung versprochenen Digitalisierung vorangeht und bürokratische Hürden abgebaut werden.
Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Fabian Strauch
