Kolumne
Waldkraiburger Wochenschau: Wenn die Stadt dich fesselt
Wer den derzeit beschwerlichen Weg nach Waldkraiburg auf sich nimmt, wird so gefesselt von der Stadt, dass er gar nicht mehr weg kann. Da braucht es Abenteuerlust und gute Nerven, findet Kolumnistin Andrea Klemm.
Waldkraiburg — Wer Waldkraiburg besuchen will, braucht derzeit gute Nerven. Die Pürtener Kreuzung ist nur etwas für Abenteuerlustige. In regelmäßigen Abständen ändert sich die Umleitung - je nach Fortschritt der Baustelle. Wer aus Mühldorf kommt, in den Kreiseln nicht verloren geht, den „Pumptrack“ für wilde Mountainbiker passiert und endlich die Stadt erreicht hat, den beschleicht das Gefühl, ewig nicht anzukommen oder nie wieder rauszufinden. Warnbaken und Absperrgitter, wohin man auch blickt.
Kaum im Zentrum, ist man schnell wieder gefangen: am Kreisel beim Haus der Kultur. Auch hier staut sich der Verkehr aus diversen Richtungen. Und alles nur wegen Fernwärme und Trinkwasser. Wer also nicht frieren will und H20 verbraucht: nicht jammern.
Die Kraiburger können den Stockhamer Berg nutzen, um den Krakenarmen der Riesenbaustelle zu entkommen, wenn sie Besorgungen beim großen Nachbarn zu erledigen haben. Wenn sie nach Mühldorf Süd gondeln wollen, heißt es freie Fahrt über Guttenburg. Liegt das Ziel im Norden, bietet sich die Ausweichstrecke via Ebing an. Und da ist gerade auch kein Durchkommen. Kanal- und Wasserleitungen werden erneuert. Ja mei, auch wichtig, nicht wahr.
Bleibt nur der Weg durch Pürten und Rausching und dann scharf links über die Kanalbrücke wieder auf die St 2352 - die verhasste Waldstraße.
Dass die Stadt Waldkraiburg gerne ihre Gäste da behalten will, ist verständlich. Aber so? Das grenzt an Geiselhaft. Bürgermeister Robert Pötzsch sagt: „Waldkraiburg ist mehr als ein Ort, es ist ein Zuhause.“ Ist das sein Plan, so Neubürger für seine Stadt zu gewinnen? Sie so schwindelig zu machen mit Umleitungen und unpassierbaren Kreisverkehren, auf dass sie nicht mehr nach Hause finden? Zu hoffen, dass das Stockholm Syndrom so richtig kickt und der gefangene Autofahrer sich schockverliebt in die Stadt?
Wie wird das erst, mit dieser Jahrhundertbaustelle „Pürtener Kreuzung“ und all den anderen kleineren Unannehmlichkeiten durch die vielen Baumaßnahmen, wenn die Jubiläumsfeierlichkeiten „75 Jahre Stadt Waldkraiburg“ im Juli stattfinden?
Es dürfte spannend werden, vor allem für Gäste, die von weiter weg anreisen. Wer aus München kommt, wird sich zurecht finden, sollte man meinen. Wer sich aus dem Raum Rosenheim auf den Weg macht, um mit Pötzsch und Co. anzustoßen, muss sich gut vorbereiten. Wer den Kompass auf seinem Smartphone bedienen kann, oder gar eine Ahnung hat, wie ein Sextant funktioniert, dem wird das nicht viel helfen.
Ein Blick auf die Baustellenseite der Stadtwerke Waldkraiburg verrät, wo es derzeit keinen Spaß macht, sich zu verfahren. 13 Baumaßnahmen sind aufgelistet. Das Staatliche Bauamt Rosenheim informiert auch, allerdings mit ergänzenden Skizzen, die auf dem Smartphone Display eine Herausforderung sind. Straßenbauingenieur müsste man sein. Oder treuer OVB-Leser. Denn dank Kollegin Raphaela Lohmann aus der Redaktion Waldkraiburg erfährt man aktuelle Änderungen zügig und benutzerfreundlich.
PS: Herr Bürgermeister, mich brauchen Sie nicht in die Falle zu locken. Ich hab immer noch ein Herz für Waldkraiburg.