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Einblicke in beide Länder

„Davon ausgehen, dass Russland ewig weitermachen kann“ – Was der Westen nun von der Ukraine lernen muss

In Leipzig haben Expertinnen und Experten ihre Einsicht in Russlands Ukraine-Krieg geteilt. Einiges bereitet Sorge – anderes zumindest vage Hoffnung. Eine Analyse.

Eine Buchmesse ist im Jahr 2026 nicht nur ein Jahrmarkt für Romane und Romance: Auch Expertinnen und Experten schreiben regalmeterweise Bücher – und bei der Buchmesse in Leipzig haben am Wochenende Dutzende ihre Erkenntnisse geteilt, etwa zum Ukraine-Krieg: Fachleute aus der Ukraine und auch Russland, Kriegsveteranen, Berichterstatter. Ippen.Media-Außenpolitik-Autor Florian Naumann war vor Ort und hat die überraschendsten und pointiertesten Ein- und Ausblicke aus den Panels gesammelt.

Der ukrainisch-kanadische Historiker Serhy Yekelchyk (re.) bei der Leipziger Buchmesse – im rechten Bildteil ein ukrainischer Artillerist an der Front.

Wladimir Putin ist der Mann, auf den Europa blickt – der Kremlchef befehligt den brutalen Krieg gegen die Ukraine. Und, so die fast einhellige Meinung nicht nur in Leipzig, längst einen hybriden und einen Informationskrieg gegen die Demokratien auf dem Kontinent. Eine erste Frage: Wie lange halten Putin und Russland das durch? Und ist es wirklich nur „Putins Krieg“, oder doch der Russlands?

„Imperium“ Russland reicht über Putin hinaus – „Wenn es aufhört zu wachsen, stirbt es“

Eine ernüchternde Antwort gab Alexander Estis. Putins System bröckele an vielen Stellen, in der Wirtschaft, bei der Auswanderung von Fachkräften, bei der Rekrutierung für die Front, erklärte der in Moskau geborene Schweizer Autor: „Man muss immer davon ausgehen, dass Russland noch ewig so weitermachen kann.” Grund sei eine in Westeuropa kaum vorstellbare Haltung: „Dass es den Machthabern und diesem ganzen Apparat, nicht nur den höheren Regierungsdienstgraden, völlig egal ist, wie es dem eigenen Volk geht.”

Die russische Opposition sei zu optimistisch, meinte Estis. Und zwar schon lange: Auch die Hoffnung auf das Aussterben der Sowjetkader und die Jugend sei ein Trugschluss gewesen – sie habe nur auf dem Blick auf junge Menschen in Moskau oder St. Petersburg gefußt. In Russland gebe es aber riesige soziale Unterschiede. Und massive Repression. „Ständige Beschneidungen ihrer Freiheit haben die Russen leidvoll zu dulden gelernt, in Jahrhunderten“, meint er. Die Russen lebten im übertragenen Sinne „in Gasmasken“, sagte Estis – die Regierung könne ständig die Luftzufuhr abdrehen, das Leben und Atmen laufe „hinten herum“. Und im Gange sei eine „dramatische Faschisierung in einem unglaublich rasanten Tempo”.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die GUS besteht aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die bis heute zum Großteil eng verbunden mit Russland geblieben sind. Doch Moskau-Machthaber Putin hat nicht nur in den Sowjet-Gebieten Freunde. Putin findet auch nach mehreren Jahren Angriffskrieg in der Ukraine noch immer fast weltweit Verbündete. Eine Übersicht: © Imago
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht ein Mann eng an der Seite Wladimir Putins: Alexander Lukaschenko. Das von ihm autoritär beherrschte Belarus teilt sich eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit der Ukraine. Lukaschenko unterstützte Putins Truppen logistisch bei ihrer Invasion des Nachbarlandes. © Imago
Kim Jong-un und Wladimir Putin
Ein weiterer enger Verbündeter Wladimir Putins ist Kim Jong-un. Der Machthaber regiert ein totalitäres Nordkorea, das als sozialistische Diktatur historisch enge Beziehungen zu Russland pflegt. © Gavriil Grigorov/Imago
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Im Lauf des Ukraine-Kriegs wurde aus der symbolischen Verbindung ein militärisches Bündnis. Kim Jong-un unterstützte Putins Feldzug mit Waffen, Munition und Soldaten. Laut Schätzungen könnten es mehr als 30.000 Mann aus Nordkorea sein, die an der Front im Ukraine-Krieg kämpfen. Auf dem Bild zu sehen ist ein russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist.  © Imago
Xi Jinping zu Gast bei Wladimir Putin
Die Volksrepublik China pflegt sowohl mit Nordkorea als auch mit Russland enge Beziehungen. Das bewies Präsident Xi Jinping zuletzt durch seinen Besuch Moskaus am „Tag des Sieges“. An der Seite Putins begutachte Xi als Gast auf der Ehrentribüne die große Militärparade, die durch Russlands Hauptstadt rollte. Doch China unterstützt Russland nicht nur symbolisch durch Besuche, sondern auch ganz praktisch mit Seltenen Erden und Devisen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist China der größte Importeur für russische Rohstoffe geworden. © Imago
Präsident Wladimir Putin mit To Lam
Der Dritte im Bunde der ostasiatischen Verbündeten Russlands ist Vietnam. Hier posiert Präsident Wladimir Putin mit Tô Lâm, Präsident Vietnams von Mai 2024 bis Oktober 2024, bei einem Besuch des russischen Staatschefs in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © Kristina Kormilitsyna/Imago
Wladimir Putin und Narendra Modi
In Südasien, konkret auf dem indischen Subkontinent, findet sich mit Narendra Modi der nächste enge Verbündete Russlands. Indiens Premierminister pflegt ein enges Verhältnis zu Putin. Hier umarmen sich beide bei einem Treffen in Neu-Delhi im Jahr 2018. Indien ist durch mehrere internationale Organisationen und Bündnisse mit Russland verbandelt. Die wohl wichtigsten darunter sind die Zusammenkunft der sogenannten BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
König Ibrahim Ismail von Johor aus Malaysia beim Besuch Putins in Russland
Auch Malaysia ist wie Russland Mitglied des BRICS-Staatenbundes. In Begleitung seiner Frau Raja Zarith Sofia reiste König Ibrahim Ismail von Johor nach Russland, um Putin im Kreml zu besuchen. © Imago
Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Präsident Wladimir Putin eine gute Beziehung
Zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zählt neben Russland unter anderem die Ex-Sowjet-Republik Kasachstan. Das Land teilt sich mit 7644 Kilometern die längste Landgrenze der Welt mit Russland. Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Putin eine gute Beziehung. Kasachstan bezieht 90 Prozent seiner Waffenimporte aus Russland, das wiederum den in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur mietet. Beide Länder sind außerdem Mitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
Putin und Traoré
Zu Putins engen Verbündeten gehört auch Burkina Fasos Regierungschef Inbrahim Traoré. Am 9. Mai 2025 besuchte er Putin in Moskau (im Bild). „Wir glauben, dass der Terrorismus, den wir heute erleben, vom Imperialismus herrührt, und wir bekämpfen ihn“, sagte er bei einem bilateralen Treffen. In Erinnerung geblieben ist auch eine virale Rede beim Afrika-Gipfel im Jahr 2023 in Russland. Im Beisein Putins machte er damals den Westen dafür verantwortlich, dass Afrika trotz seiner Rohstoffe der ärmste Kontinent sei.  © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool
Ägypten Militärband Moskau
Mehr als 80 Jahre Diplomatie verbinden Ägypten und Russland. Das Land am Nil ist wirtschaftlich von Moskau abhängig. Auch Putin profitiert von den Verbindungen nach Kairo. Der russische Präsident betrachtet Ägypten als Tor nach Afrika. Im August 2022 war eine ägyptische Militärband in Moskau zu Gast (im Bild). Auch bei der Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 marschierte eine Einheit aus Ägypten über den Roten Platz.  © Sergei Bobylev/Imago
Laos-einheit in Moskau
Am „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 paradierte auch eine Einheit aus Laos durch Moskau. Angeblich arbeitet Putin derzeit intensiv daran, das Land in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden. Im Sommer 2025 begrüßte er den laotischen Präsidenten Thongloun Sisoulith in Moskau. © Ricardo Stuckert/Imago
Turkmenistan Moskau Parade
Turkmenistan schickte ebenfalls eine Einheit nach Moskau. Die zentralasiatische Republik Turkmenistan am Kaspischen Meer gehört auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu den am meisten abgeschotteten Staaten der Welt.  © Ricardo Stuckert/Imago
Aleksandar Vucic Putin Netanjahu
Auch der serbische Staatschef Aleksandar Vučić nahm 2025 – wie auch schon 2018 (im Bild) – in Moskau an der Parade vor rund 10.000 Soldaten teil. Die Beziehungen zwischen Serbien und Russland gelten als traditionell freundschaftlich. Belgrad verweigert sich den Sanktionen gegen Russland und hat den Westen für den Ukraine-Krieg verantwortlich gemacht. Zuletzt gab es trotzdem zwischen Moskau und Belgrad Verstimmungen, als der russische Auslandsgeheimdienst Serbien den Verkauf von Munition an die Ukraine vorwarf. © Mikhail Metzel/Imago
Milorad Dodik
Putins wichtigster Mann am Balkan heißt Milorad Dodik (2. von rechts). Der bosnisch-serbische Separatistenführer betreibt seit Jahren die Abspaltung des Landesteils Republika Srpska vom bosnischen Staat. Dodik stimmt sich dabei regelmäßig mit dem russischen Präsidenten ab. © Alexei Nikolsky/Imago
Salva Kiir Putin
Im September 2023 traf sich Putin mit Salva Kiir Mayardit, dem Präsidenten von Südsudan. „Die Welt diktiert, dass niemand allein überleben oder Erfolg haben kann“, sagte Salva Kiir. Zu Putin gewandt meinte er, dass sein Land starke Freunde brauche: „Sie sind einer von ihnen.“ © Valery Sharifulin/Imago
Orban Putin
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán ist Putin im Ukraine-Krieg stets treu geblieben. So hat er während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2024 den bis dahin weitgehend isolierten Kremlchef zum Ärger vieler EU-Länder überraschend in Moskau besucht und sich als Vermittler inszeniert (im Bild). Zugleich nutzt Orbán jede Gelegenheit, um gegen die Ukraine auszuteilen.  © Valeriy Sharifulin/Imago
Putin und Ramaphosa
Ende Juli 2023 war Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei Putin zu Gast. Der Kremlchef hatte seine Gäste zum Abschluss eines zweitägigen Afrika-Gipfels in St. Petersburg eingeladen, den er in der russischen Ostsee-Metropole veranstaltete. Südafrika, das mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-Nähe vom Westen mit Skepsis betrachtet.  © Sergei Bobylev/Imago
Peseschkian Putin
Im Januar 2025 war Massud Peseschkian in Moskau zu Besuch. Dabei unterzeichnete Irans Präsident gemeinsam mit Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Russland und der Iran vertieften damit ihre militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre.  © Imago
Putin Ortega
Seit vielen Jahren steht Nicaragua an der Seite Putins. Nach dem Aufstand der russischen Privatarmee Wagner gegen die eigene Staatsführung im Juni 2023 schickte auch Präsident Daniel Ortega (hier ein Bild aus dem Jahr 2014) eine Botschaft nach Moskau. In der offiziellen Mitteilung hieß es, Ortega und seine Ehefrau sowie Vizepräsidentin Rosario Murillo übermittelten Putin „unsere Zuneigung in revolutionärer Bruderschaft“. © Cesar Perez/afp
Maduro
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro tat es ihm gleich. „Wir senden unsere Umarmung der Solidarität und der Unterstützung an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem es gelungen ist, einen Versuch des Verrats und des Bürgerkriegs zu bewältigen und seinem Volk den Sieg und den Frieden zu garantieren“, twitterte er damals. © Alexandr Kryazhev/Imago
Putin Goita
Im Juni 2025 verständigten sich Putin und Malis Militärmachthaber Assimi Goïta auf eine bilaterale Kooperation. Russland ist enger Verbündeter von Goïta, der gegen Terrormilizen in Mali auch auf russische Wagner-Söldner setzte. Das Militär hatte sich 2020 und 2021 an die Macht geputscht, die Zusammenarbeit mit Ex-Kolonialmacht Frankreich beendet und sich Moskau zugewandt. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Sassou Nguesso Afewerki
Ende Juli 2023 war Putin gemeinsam mit Denis Sassou Nguesso, dem Präsidenten der Republik Kongo (rechts), und dem eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki (links) beim Tag der Marine auf der Newa in St. Petersburg unterwegs. Mit ihrem Besuch beim Russland-Afrika-Gipfel konnten die beiden Staatsmänner die Achse zwischen Russland und ihren Ländern noch einmal stärken. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Raúl Castro
Ein besonders inniges Verhältnis pflegt Russland zu Kuba. Für die hoch verschuldete Karibikinsel ist Russland einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Geldgeber. Der Kreml bezeichnete den sozialistischen Karibikstaat, der den Ukraine-Krieg nicht verurteilt hat, als „sehr wichtigen Partner“. Im Jahr 2014 war Putin beim vormaligen Präsidenten Raúl Castro zu Gast. © Imago
Putin
Der Kremlchef ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 im Westen weitestgehend isoliert. Umso wichtiger ist ihm der Kontakt zu seinen Verbündeten – den sucht er in vielen Fällen auch per Video. Im Mai 2025 nahm er an einer Sitzung der Kommission für militärisch-technische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten teil.  © Alexander Kazakov/Imago

Ein größeres Muster hinter dem russischen Vorgehen erkennt auch Makysm Eristavi. „Für mich war wichtig zu zeigen, dass da, wieder einmal, ein systematisches Vorgehen zu sehen ist: Unabhängig davon, ob Putin oder jemand anders das Imperium regiert, sie alle folgen demselben Playbook“, sagte der ukrainisch-tschechische Journalist über sein Buch „Russischer Kolonialismus“. Von Moskau aus sei über Jahrzehnte immer wieder der Befehl gegeben worden, Menschen zu deportieren, aus der Ukraine oder von der Krim. Mit diesen Menschen als Zwangsarbeitern habe Russland in der Sowjetunion auch vermeintlich große zivilisatorische Errungenschaften wie sein Schienennetz bauen lassen. Und die einfache Bevölkerung habe bis in die 80er-Jahre hinein etwa in der Ukraine kaum den eigenen Heimatort verlassen dürfen.

Es sei nun Zeit, auf die Warnungen der Ukraine zu hören. Dort laufe bereits ein „kolonialer Krieg“ Russlands: „Wenn ihr die imperiale Expansion nicht teuer macht, wird das Imperium weiter wachsen“, sagte Eristavi. „Es wird natürlich weiterwachsen, denn das ist der Lebenszyklus eines Imperiums – wenn es aufhört zu wachsen, stirbt es.” Schon jetzt seien russische Drohnen an europäischen Flughäfen zu sehen. China, Iran, Nordkorea und Russland arbeiteten längst zusammen – und die USA verstünden noch nicht die Probleme der Kriegsführung, etwa bei der Luftabwehr in den Golf-Staaten.

Von der Ukraine lernen: Eine Wahl treffen – gegen Putins Russland, für Freiheit

Ähnlich äußerte sich ein ukrainischer Kriegsveteran, der Autor Pavlo Matyusha. „Am Ende ist die Wahrheit: Bevor Russland Truppen schickt, Panzer schickt, schickt es ‚Informationen‘“, erklärte er. Dabei gehe es um Religion, um Sprache oder Kultur. „Sie instrumentalisieren alles, was sie instrumentalisieren können.“ Russland sei in Europa bereits äußerst aktiv – als „Vorstufe“, warnte er.

Matyusha teilte eine drastische Zahl: 50 000 russische Soldaten müsse die Ukraine jeden Monat eliminieren, um sich Luft an den Fronten zu verschaffen. Das sei „entmenschlichend“, aber die Realität. Dabei habe die Armee ein Problem – den Mangel an Kämpfenden. Russland arbeite mit „Erschöpfung“ der Kontrahenten. Auch an diesem Punkt setze Russlands Propaganda an. Die Ukraine löse das Problem großteils mit Hilfe von Technologie. Und ihr nütze eine echte Motivation: „Wenn man sich entscheiden kann, für die Zivilisation zu sterben oder aufgelöst in der großen russischen Suppe zu leben, dann hat man keine Wahl“, erläuterte er.

Die Bücher der zitierten Autoren:

Alexander Estis: „Schergenstaat Russland – Ideologie, Propaganda, Repression und Widerstand“ (NZZ Folio, 26 Euro)

Maksym Eristavi: „Russischer Kolonialismus: Ein illustriertes Handbuch“ (Correctiv, 20 Euro)

Pavlo Matyusha: „Lettres d‘amour et de guerre“ (frz., Iconoclaste, 14,99 Euro)

Serhy Yekelchyk: „Ukrainische Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg“ (De Gruyter Oldenbourg, 29,95 Euro)

Marcel Beyer: „Die tonlosen Stimmen beim Anblick der Toten auf den Straßen von Butscha“ (Wallstein, 22 Euro)

Der ukrainisch-kanadische Historiker Serhy Yekelchyk erklärte einen weiteren Trumpf der Ukraine: ihre Zivilgesellschaft. Autoren und Prominente sammelten beständig Geld, etwa für Autos für das Militär – ein „Phänomen“, das eigene Betrachtung verdiene. Dabei gehe es nicht um Nationalismus im Stile der 1940er-Jahre. Auch Russischsprachige beteiligten sich aktiv. „Sie wollen nicht in Herrn Putins Russland leben, wo Journalisten getötet werden, Historiker im Gefängnis landen, Menschen nicht einmal das Land verlassen dürfen”, sagte Yekelchyk. Bei dieser Entscheidung gehe es nicht um Ethnie – sondern um „soziale Kriterien.“

Die Ukraine definiere an Russlands Grenzen auch ihre Geschichte neu, sagte Yekelchyk. Die Glorifizierung von Staat, Armee und militärischen Siegen überlasse es Russland – und konzentriere sich stattdessen auf den eigenen Alltag. So werde sie nicht zu einem Abbild von Donald Trumps USA, sondern vergewissere sich der eigenen politischen und kulturellen Werte. Zugleich gelte: Wer Geld für Luftabwehr bei seinen Mitmenschen einsammle und das Material direkt zur Einheit geliefert bekomme, verschieße sie nicht leichtfertig – anders als die USA im Iran-Krieg. „Das ist das nächste Beispiel, wie man – wenn man in der Kraft der Gesellschaft verankert ist – zu einem Vorbild werden kann.“

Der deutsche Schriftsteller Marcel Beyer wunderte sich auch vor diesem Gesamtbild über Haltungen in seiner Wahlheimat im Osten des Landes. Er selbst habe nur Demokratie erlebt. Mittlerweile sehe er aber, dass sich eine „Konkurrenz der Systeme einschleicht“. „Der eine foltert gerne und der andere foltert nicht gerne und man muss quasi alle Meinungen lassen“, schilderte er seinen Eindruck von aktuellen Debatten. „Dann frag ich mich aber, wofür habt ihr denn die Mauer eingerissen?“ (Aus Leipzig berichtet Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © Gavriil Grigorov/picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin via AP/Andriy Andriyenko/65th Mechanized Brigade of Ukrainian Armed Forces/AFP

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