Exklusiv
„Wirklich beschämend“: Immer mehr Rentner in Deutschland arm
Wenn Rentner nicht genug Geld haben, bekommen sie Grundsicherung. Diese ist nun auf einem traurigen Höhepunkt – Frauen trifft es besonders häufig.
Berlin – Millionen Deutsche haben am Monatsende nicht genug Geld, sie sind von Armut betroffen. Das gilt auch für Rentnerinnen und Rentner, jede und jeder Fünfte ist armutsgefährdet. Wem die Rente und das Ersparte nicht reicht, um über die Runden zu kommen, dem greift der Staat mit der Grundsicherung unter die Arme. Das wird immer häufiger notwendig.
Rentner immer häufiger arm und auf Hilfe angewiesen
Insgesamt 742.410 Menschen bekamen im März 2025 Grundsicherung im Alter – ein neuer Rekord. Das ergeben aktuelle Zahlen der Bundesregierung, denen eine kleine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Sarah Vollath an die Regierung vorausging. Die Antwort liegt dieser Redaktion exklusiv vor. Darin wird deutlich: Immer mehr Menschen sind im Alter auf die Grundsicherung angewiesen – jene Hilfe, die für den grundsätzlichsten Lebensunterhalt nötig ist. Heißt auch: Immer mehr Rentnerinnen und Rentner haben Probleme mit Altersarmut.
| Jahr | Menschen mit Grundsicherung im Alter | Bevölkerungsanteil ab Regelaltersgrenze |
| 2015 | 536.121 | 3,2 % |
| 2016 | 525.595 | 3,1 % |
| 2017 | 544.090 | 3,2 % |
| 2018 | 559.419 | 3,2 % |
| 2019 | 561.969 | 3,2 % |
| 2020 | 564.110 | 3,2 % |
| 2021 | 588.780 | 3,4 % |
| 2022 | 658.540 | 3,8 % |
| 2023 | 689.590 | 3,9 % |
| 2024 | 738.840 | noch keine Daten |
| März 2025 | 742.410 | noch keine Daten |
Auch der Anteil der auf Grundsicherung angewiesenen Menschen an der Bevölkerung ab der Regelaltersgrenze (zwischen 65 und 67 Jahren) steigt. Vollath, Sprecherin für Renten- und Alterssicherungspoltik der Linken im Bundestag, wertet die Entwicklung als „klares Warnsignal“, wie sie gegenüber dieser Redaktion sagte. „Dass die Rente bei immer mehr Menschen nicht für ein gutes Leben im Alter ausreicht, ist in so einem reichen Land wie Deutschland wirklich beschämend“, so Vollath.
Frauen stärker von Armut im Alter betroffen
Für die Linkenpolitikerin ist die zunehmende Altersarmut „das traurige Ergebnis der Rentenpolitik der letzten Jahrzehnte“. Sie fordert die Bundesregierung um Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) zum Handeln auf. „Die gesetzliche Rente muss wieder zur tragenden Säule werden, damit sie den Lebensstandard im Alter sichert. Die Stabilisierung des Rentenniveaus geht zwar in die richtige Richtung, letztendlich bedeutet das aber nur, dass die Renten so schlecht bleiben, wie sie sind.“ Rentenansätze der Bundesregierung, wie etwa die Aktivrente, „werden keiner Person helfen, die derzeit wegen der niedrigen Rente in Armut lebt und auf die Grundsicherung angewiesen ist“, bemängelt Vollath.
Besonders oft in Grundsicherung ist vor allem eine Gruppe: Frauen. In der aktuellen Grundsicherung im Alter sind 57 Prozent Frauen und 43 Prozent Männer – dabei sind unter allen Rentnerinnen und Rentnern nur 2,6 Prozent mehr Frauen als Männer. Sie sind in finanziellen Notlagen deutlich überrepräsentiert. Das deckt sich mit der grundsätzlichen Rentenschichtung: Männer haben im Alter durchschnittlich signifikant mehr Geld zur Verfügung, Frauen sind häufiger von Altersarmut betroffen.
| Jahr | Grundsicherung im Alter | davon Männer | davon Frauen |
| 2015 | 536.121 | 214.089 | 322.032 |
| 2016 | 525.595 | 216.869 | 308.726 |
| 2017 | 544.090 | 227.665 | 316.425 |
| 2018 | 559.419 | 236.236 | 323.183 |
| 2019 | 561.969 | 243.654 | 318.315 |
| 2020 | 564.110 | 249.465 | 314.645 |
| 2021 | 588.780 | 261.350 | 327.435 |
| 2022 | 658.540 | 282.780 | 375.760 |
| 2023 | 689.590 | 297.740 | 391.850 |
| 2024 | 738.840 | 319.895 | 418.950 |
| März 2025 | 742.410 | 320.895 | 421.515 |
Vollath wollte sich bei der Regierung auch nach der Gesamtzahl der Menschen erkundigen, die Anspruch auf die Grundsicherung haben. Denn: Längst nicht alle, die die Hilfe bekommen könnten, tun das auch tatsächlich. Teils, weil die Beantragung zu kompliziert ist, teils auch aus Scham. Fachleute schätzen, dass nur 30 Prozent der Anspruchsberechtigten die Grundsicherung tatsächlich erhalten.
Linke kritisiert Bundesregierung: „ein echtes Armutszeugnis“
Wie hoch die Zahl der Nicht-Inanspruchnehmerinnen und -nehmer aber genau ist, kann die Bundesregierung nicht sagen. „Es werden ausschließlich statistische Daten in Bezug auf die tatsächliche Leistungsgewährung erhoben. Die Statistik enthält daher keine Informationen zur Anzahl von Personen, die möglicherweise leistungsberechtigt sein könnten, einen Leistungsanspruch aber nicht geltend machen, weshalb es zu keiner Leistungsgewährung kommen kann“, heißt es dazu in der Regierungsantwort der Parlamentarischen Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Kerstin Griese (SPD).
Die Linkenabgeordnete Vollath gibt sich damit nicht zufrieden. „Beim Thema Altersarmut verschließt das zuständige Ministerium die Augen vor der Realität. Studien und Modellrechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass sehr viele Menschen keine Grundsicherung beantragen, obwohl sie Anspruch darauf hätten“, sagt sie. „Anstatt endlich tätig zu werden und diejenigen zu unterstützen, die es ohnehin nicht leicht haben, schiebt die Regierung die Verantwortung ab: an die Rentenversicherung, die Träger der Sozialhilfe – sprich die Landkreise und kreisfreien Städte – und die Wohlfahrtsverbände. Das Ministerium hat mir nicht eine einzige Maßnahme genannt, die es selbst ergriffen hat, um den Rentner:innen zu helfen. Das ist ein echtes Armutszeugnis.“
Rubriklistenbild: © Wolfgang Maria Weber/IMago