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EU-Parlament schwächt Lieferkettengesetz

Brandmauer fällt im EU-Parlament: „Beschämender Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte Europas“

EVP und Rechte kippen Lieferkettengesetz – Linken Fraktionschefin Heidi Reichinnek kritisiert: „Die Brandmauer ist gefallen“.
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EVP und Rechte kippen Lieferkettengesetz – Linken Fraktionschefin Heidi Reichinnek kritisiert: „Die Brandmauer ist gefallen“. (Symbolbild)

CDU, CSU und AfD stimmen für eine Aufweichung des Lieferkettengesetzes. Reichinnek kritisiert einen Bruch der Brandmauer – und „Geschenke an Milliardenkonzerne“.

Brüssel – Das EU-Parlament schwächt das Lieferkettengesetz ab – mit Stimmen rechter und rechtsextremer Parteien wie der AfD. Die Linke wirft den Christdemokraten einen Tabu-Bruch vor: „Das Einreißen der Brandmauer im EU-Parlament ist ein beschämender Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte Europas“, erklärt Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek am Donnerstag (13. November). Nur wenige Stunden zuvor machten die Europaparlamentsfraktion um CDU und CSU mit der Unterstützung rechter und rechtsextremer Parteien wie der AfD den Weg für eine Abschwächung des Lieferkettengesetzes frei.

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Reichinnek äußert sich gegenüber unserer Redaktion alarmiert: „Die Brandmauer im Europaparlament ist gefallen.“ Den Christdemokraten wirft die Linken-Fraktionschefin daher vor, „mit der extremen Rechten, darunter die AfD und Viktor Orbáns Fidesz-Partei paktiert“ zu haben: „Um den Schutz von Arbeiter:innen und Umwelt weltweit auszuhöhlen.“

Rechte Mehrheit im EU-Parlament: Kritik von Linken-Fraktionschefin Reichinnek

Die Mehrheit in Brüssel kam unter anderem durch Abgeordnete der EVP-Fraktion und der rechtskonservativen EKR zustande. Zur EVP-Fraktion gehören etwa CDU und CSU – zur EKR die Partei von Italiens rechter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Auch die Abgeordneten des Rechtsaußen-Bündnis PfE um Ungarns Regierungschef Viktor Orbán und der Partei Rassemblement National (RN) von Frankreichs Rechtspopulistin Marine Le Pen sowie der ESN-Fraktion, der unter anderem die AfD angehört, stimmten zu.

Im EU-Parlament gibt es einen sogenannten Cordon Sanitaire – eine Art informelle Übereinkunft der EVP, S&D, Liberalen und der Grünen, nicht mit Rechtsaußen zusammenzuarbeiten. Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Abstimmung im EU-Parlament kritisiert Reichinnek gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media: „Wieder einmal zeigt sich: Wer Demokratie und Menschenrechte schützen will, kann sich auf die Konservativen nicht verlassen.“

Auch Grüne und SPD reagierten empört auf die rechte Mehrheit. „Die Christdemokrat:innen haben mit ihrem Rechtspakt die Brandmauer eingerissen“, kritisierte etwa der SPD-Europaabgeordnete René Repasi laut Bericht der Nachrichtenagentur AFP.

Das europäische Lieferkettengesetz: Auch Merz sprach sich für Aufweichung aus

Dass CDU und CSU mit dem rechten Rand „ausgerechnet“ in Sachen Lieferkettengesetz stimmen, sei für Reichinnek hingegen wenig überraschend: Die Zusammenarbeit habe damit dort stattgefunden, „wo Superreiche profitieren und die Mehrheit der Menschen darunter leidet“.

Das europäische Lieferkettengesetz wurde eigentlich bereits vergangenes Jahr beschlossen – das Gesetz zielt darauf ab, Menschenrechte weltweit zu stärken. Große Unternehmen sollen zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie von Menschenrechtsverletzungen wie Kinder- oder Zwangsarbeit profitieren. Für die Lockerung des Lieferkettengesetzes hatte sich unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ausgesprochen.

EU-Parlament schwächt Lieferkettengesetz: „Geschenke an Milliardenkonzerne“

Die Abschwächung des Gesetzes gehen auf Druck aus der Wirtschaft zurück: Mit der Abstimmung im EU-Parlament sollen nun unter anderem die Vorgaben künftig nur noch für wenige sehr große Unternehmen gelten und es soll keine Pflicht bestehen, Handlungspläne für Klimaziele auszuarbeiten. Das EU-Parlament hat dabei nicht das letzte Wort: Nun ist jedoch der Weg für finale Verhandlungen mit den EU-Staaten über das Vorhaben frei – die Verhandlungen sollen am 18. November beginnen, wie die taz berichtet.

Reichinnek kritisiert bezogen auf den Beschluss im EU-Parlament: „Zehntausende von Großunternehmen sollen in Zukunft von Transparenz- und Sorgfaltspflichten zu Themen wie Kinderarbeit befreit werden, obwohl sich die Skandale häufen.“ Damit würden „Geschenke an Milliardenkonzerne gemacht – die Leidtragenden sind Arbeiter:innen im Globalen Süden sowie der Klimaschutz“. (Eigene Recherche, dpa, taz) (pav)

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