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Gazastreifen
„Uns gehen die Worte aus“: Familien der Hamas-Geiseln mit emotionalem Appell an Bundesregierung
Mehr als 600 Tagen hält die Hamas deutsche Staatsangehörige in ihrer Gewalt. Die Familien fordern jetzt mehr Einsatz von der Bundesregierung.
Berlin – Mit glasigen Augen sitzt Liran Berman in einem Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. „Es war einer der glücklichsten Tage meines Lebens“, sagt er. Sein Blick geht ins Leere. Nach elf Tagen der Ungewissheit über das Schicksal seiner Zwillingsbrüder war selbst die grausame Gewissheit ihrer Entführung durch die Hamas ein Hoffnungsschimmer. „Es fühlte sich wie eine gute Nachricht an, dass sie entführt wurden. Die Alternative wäre gewesen, dass ich meine beiden kleinen Brüder hätte begraben müssen.“
„Alles haben sie gemeinsam gemacht“: Zwillingsbrüder nach Hamas-Geiselnahme getrennt
Auf den Tischen liegen Flyer mit den Fotos deutscher Hamas-Geiseln. Darunter auch Lirans Brüder: Gali und Ziv, 27 Jahre alt, Zwillinge. Nach dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 fehlte von den beiden zunächst jede Spur. Nach elf Tagen kam die Mitteilung der israelischen Armee: Gali und Ziv leben. Sie befinden sich in der Gewalt der Hamas.
Die beiden Geschwister waren vor ihrer Entführung unzertrennlich. „Alles haben sie gemeinsam gemacht“, sagt Liran. Laut Berichten freigelassener Geiseln wurden die Brüder bereits am zweiten Tag ihrer Gefangenschaft getrennt, erzählt er. Sie arbeiteten als Lichttechniker bei derselben Firma, betreuten internationale Musikstars bei Konzerten in Israel. Ein Künstler, der mit ihnen gearbeitet hatte, sagte später zu Liran: „Es fehlt so viel Licht in der Welt, seit sie weg sind.“
Hamas-Geiseln seit über 640 Tagen gefangen am „fürchterlichsten Ort der Welt“
642 Tage nach der Entführung seiner Brüder sitzt Liran in Berlin – er ist nicht allein gekommen. Neben ihm Platz genommen haben weitere Angehörige von sieben deutsch-israelischen Staatsbürgern, die noch immer in Gaza festgehalten werden. Sie sind hier, um ihre Geschichten zu erzählen. Derzeit hält die Hamas noch mindestens 50 Geiseln in ihrer Gewalt, mehr als die Hälfte von ihnen soll bereits tot sein.
Auch Shachar Ohel hatte bis vor fünf Monaten nur vage Hinweise dafür, dass sein Neffe Alon noch am Leben ist. Der 24-jährige Musiker wurde am 7. Oktober während des brutalen Angriffs der Hamas auf das Nova-Musikfestival verschleppt. Erst im März 2025 bestätigten mehrere freigelassene Geiseln, dass Alon noch lebt: „Sie hatten uns zwei Dinge mitgeteilt: Erstens, Alon lebt. Zweitens, er befindet sich am fürchterlichsten Ort der Welt“, sagt Shachar.
Die Tribüne der Pressekonferenz mit mehreren Angehörigen der deutsch-israelischen Hamas-Geiseln, unter anderem Liran Berman (3. v. l.) und Shachar Ohel (4. v. l.).
Seit November 2023 werde Alon in einem unterirdischen Tunnel festgehalten. Seine Füße seien mit eisernen Ketten gefesselt, die ihm jede Bewegung verwehren und ständig in sein Fleisch schneiden, hat Shachar von den freigelassenen Geiseln erfahren. Aufgrund einer Explosion während des Überfalls erblindete Alon auf seinem rechten Auge – auf dem Zweiten drohe er ebenfalls zu erblinden.
Angehörige der deutsch-israelischen Hamas-Geiseln mit klarem Appell an Bundesregierung
Es sind Geschichten wie die von Alon, Gal und Ziv, mit denen die Angehörigen darauf aufmerksam machen wollen, was seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza geschieht. Neben den Geiselnahmen forderte der seit dem Hamas-Überfall entbrannte Krieg bereits Zehntausende Todesopfer unter den Palästinensern und sorgte für eine humanitär Krise in Gaza.
Für die Familien der Geisel geht es in Berlin heute vor allem um eins: einen Paradigmenwechsel der Bundesregierung. Jetzt, wo in der katarische Hauptstadt Doha mit der Hamas über eine Waffenruhe verhandelt wird, müsse Deutschland mehr tun, als nur Verständnis zu zeigen:
Die Zeit für Mitgefühl ist vorbei, die Zeit für Taten ist jetzt. Wir bitten, wir flehen, wir fordern. Uns gehen die Worte aus. Aber wir brauchen mehr, wir brauchen Taten.
Konkret fordern die Familien eine öffentliche Erklärung der Bundesregierung für die Befreiung der sieben deutsch-israelischen Staatsbürger. Bisher hatte Berlin stets diskret agiert und die Freilassung aller Geiseln gefordert, ohne die deutschen Staatsbürger gesondert hervorzuheben. Deutschland müsse seine Rolle als eine der stärksten europäischen Nationen nutzen und diplomatischen Druck ausüben. Mit den laufenden Verhandlungen in Doha sehen die Familien eine historische Chance, die nicht verpasst werden dürfe.
Die Angehörigen verweisen auf die jüngsten Geiselbefreiungen nach öffentlichem Druck der USA als Beispiel für wirkungsvolle Diplomatie. Im Mai 2025 wurde mit Edan Alexander die letzte Hamas-Geisel mit US-Wurzeln freigelassen. In Berlin führten die Familien deshalb Gespräche mit Außenminister Johann Wadephul, Bildungsministerin Karin Prien und dem Sicherheitsberater des Bundeskanzlers, Günter Sautter– mit einem konkreten Appell: Deutschland solle endlich öffentlich für seine eigenen Staatsbürger kämpfen.
Familien der Hamas-Geiseln hoffen auf Ende des „Alptraums“ und eine Zukunft in Deutschland
„Wir alle haben manchmal schlechte Träume“, sagt Dr. Melody Sucharewicz, politische Beraterin und Unterstützerin der Angehörigen. Sie führt durch die Pressekonferenz. Man wache auf, fährt sie fort, und die Sache sei vorbei: „Aber diese Menschen sind seit dem 7. Oktober 2023 in einem Alptraum gefangen.“ Während die Angehörigen um das Leben ihrer Liebsten bangen, werfen Kritiker dem israelischen Premierminister Netanjahu vor, durch seinen harten militärischen Kurs und aus politischem Kalkül Geiselabkommen wiederholt erschwert zu haben.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Für Liran ist der Kampf um seine beiden Brüder auch eine persönliche Verbindung zu Deutschland. „Unsere Großeltern kamen von hier, aus Berlin und Dessau“, sagt er mit stockender Stimme. Ein Cousin lebe seit acht Jahren in der deutschen Hauptstadt. „Unsere Verbindung zu Deutschland ist Vergangenheit, Gegenwart und hoffentlich auch Zukunft. Aber diese Zukunft wird gerade festgehalten, bis sie zurückkehren.“ Bis dahin bleibe die Familie auf dem 7. Oktober stehen – ohne Fortschritt, ohne Zukunft.