Zwei Geburtstage verpasst
„Ich will nur nochmal hören, wie er Mami sagt“: Mutter einer Hamas-Geisel
Alon Ohel wird von der Hamas festgehalten. Seine Mutter Idit kämpft unermüdlich für seine Rückkehr und gegen das Vergessen.
Ein junger Mann sitzt mit dem Rücken zur Kamera und lässt an einem Flügel eine ruhige Melodie erklingen. Das nächste Video: der gleiche junge Mann wird von Hamas-Terroristen gewaltsam mit seinen Freunden weggezerrt. Am 7. Oktober 2023 in der Nähe des Supernova-Festivals in Israel. Der Name des Mannes ist Alon Ohel, er gehört zu den 59 Hamas-Geiseln, die noch immer nicht an ihre Familien zurückgegeben wurden. Von etwa der Hälfte der inhaftierten Geiseln gab es seit der Entführung kein Lebenszeichen mehr. Es sind Aussagen der bereits freigelassenen Geiseln und Videos der Hamas, die Idit Ohel daran glauben lassen, dass ihr Sohn auch nach über 550 Tagen noch lebt.
Hamas-Geisel seit über 550 Tagen: Beim Erzählen wird die Mutter von Alon Ohel emotional
Wie oft und wie vielen Menschen Ohel bereits von ihrem Sohn und dessen Schicksal erzählt hat, die Videos von ihm am Klavier und von seiner Geiselnahme gezeigt hat, weiß sie nicht mehr. Immer in der Bemühung, die Aufmerksamkeit der Welt auf dem Thema zu halten und eventuell ihrem Sohn zu helfen. Um sich zu schützen, versuche sie aber insbesondere bei den Videos auf den Terminen emotional abzuschalten. Ganz gelingt es ihr nicht, als sie Ende April in Berlin bei einem Hintergrundgespräch mit Politikern, Journalisten und auch Aktivisten, von ihrem Sohn erzählt.
Auf die Frage, wie es ihr gehe, sagt sie: „Es ist hart. Ich habe schon zwei Geburtstage von ihm verpasst.“ Auf dem Plakat, dass sie in ihrem Rucksack zusammengerollt hatte und den Anwesenden zeigt, ist Alon zu sehen. Über seinem Kopf steht sein Alter zum Zeitpunkt der Geiselnahme: 22. Mit jedem Geburtstag hat seine Mutter das aktuelle Alter ergänzend dazugeschrieben. Manchmal vergesse sie die Stimme ihres Sohnes. Dann schaue sie alte Videos. Tränen glänzen jetzt hinter ihrer Brille. „Ich will nur nochmal hören, wie er Mami sagt.“
Klavier-Aktion soll an Alon erinnern und auf das Thema der vergessenen Hamas-Geiseln aufmerksam machen
Die Bitte von Idit Ohel an die Welt, an Deutschland und die Politiker: „Stoppt auch die indirekte Unterstützung der Hamas.“ Die Sorge der Mutter ist, dass Fördermittel über andere Länder und Organisationen doch in den Taschen der Terroristen landen könnten. Sie verwies etwa auf Mitglieder von UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten), die laut ihr an der Geiselnahme im Oktober 2023 mindestens indirekt beteiligt gewesen seien. Die Vereinten Nationen haben solche Anschuldigungen bereits geprüft, neun Mitarbeiter waren wegen einer möglichen Verwicklung in den Terrorangriff entlassen worden. Mehrere Geldgeber, darunter die USA, Japan, Deutschland, Österreich und die Schweiz, stellten ihre Zusammenarbeit mit der Organisation in Gaza vorübergehend ein.
Wütend wirkt die Mutter an dem Nachmittag nicht. Es sind keine Hasstiraden gegen Hamas, sie schimpft nicht über Pro-Palästina-Aktionen und lässt sich nicht über Politker aus. Sie erzählt stattdessen von der Leidenschaft ihres Sohnes für Musik und von seinem Talent am Klavier. Dass er jeden Tag, bevor er ging, und wenn er wieder nachhause kam, erst einmal Klavier gespielt habe. Seine Liebe für die Musik haben Idit Ohel und ihre Helfer als Inspiration für eine globale Aktion genommen. Unter dem Motto „Alon, you are no alone“ (Deutsch: Alon, du bist nicht alleine) stehen gelbe Klaviere etwa in Tokyo, Tel Aviv oder in Berlin am Bebelplatz. Musik verbinde die Menschen, erklärt Ohel. Und so hoffe sie, dass viele unterschiedliche Menschen auch an den Klavieren zusammenkommen und ihr Sohn durch die Musik nicht in Vergessenheit gerät.
Rubriklistenbild: © Lisa Gilz, Ariel Schalit/dpa (Montage)
