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Abschreckung gesucht

Ukraine-Garantien und eigene Sorge vor Putin: Russlands Nachbarn in der Klemme – und mit ihnen Europa

Im Falle eines Waffenstillstands im Ukraine-Krieg braucht es Sicherheitsgarantien. Womöglich durch Truppen aus Europa. Doch wer soll das leisten?

Nach Donald Trumps Ukraine-Gipfeln scheint noch (fast) alles in der Schwebe. Klar ist aber schon: Sollte es zu einem Waffenstillstand im Ukraine-Krieg kommen, wird die Ukraine Sicherheitsgarantien brauchen – womöglich sogar externe Truppen im Land – um Wladimir Putin von einem weiteren Überfall abzuschrecken. Und die USA wollen wohl nur „aus der Luft“ helfen, wie Trump angedeutet hat.

Wladimir Putins Blick nach Westen beunruhigt Europa – und erschwert Sicherheitsgarantien im Ukraine-Krieg.

Es wäre also eine Aufgabe für die Europäer. Doch wer soll das stemmen? Frankreich und Großbritannien haben seit Längerem Bereitschaft angedeutet. Deutschland schließt jedenfalls nichts aus, das hat Außenminister Johann Wadephul gerade erst klargestellt. Nicht aber, ohne auf Kapazitätsprobleme der Bundeswehr zu verweisen. Die baut gerade eine Brigade in Litauen auf. Die wichtigsten übrigen Unterstützer der Ukraine finden sich an der Nato-Ostflanke. Doch unter ihnen scheint aktuell nur ein Land bereit, sich zu beteiligen.

Sicherheit für die Ukraine: Einige der wichtigsten Unterstützer fürchten selbst einen Angriff Putins

Klare Signale kommen schon lange aus Polen. Ministerpräsident Donald Tusk hat bereits im Februar polnische Truppen in der Ukraine ausgeschlossen – und die Position im Mai noch einmal bekräftigt. Das sind schlechte Nachrichten für alle Pläne europäischer Einheiten in der Ukraine. Schließlich schmiedet Polen gerade an der größten Landstreitmacht Europas. Unverständlich ist die Haltung aber nicht: Tusk verwies auf die gemeinsame Grenze mit Russland und Belarus. Deren Schutz habe oberste Priorität.

Sicherheitsgarantien nach dem Ukraine-Krieg – Truppen aus Europa?

Eine Hauptbefürchtung der Ukraine lautet: Russland könne einen Waffenstillstand oder Frieden als Atempause nutzen, um erneut anzugreifen. Vertreter des Landes dringen deshalb auf belastbare Sicherheitsgarantien.

In der aktuellen Debatte spielen dazu friedenssichernde Truppen eine große Rolle. Im Gespräch ist etwa ein dreistufiges Modell: Hinter einer demilitarisierten Pufferzone könnten gut ausgerüstete ukrainische Truppen stehen. In einer zweiten würden Soldaten aus Europa folgen. Schenkt man Donald Trumps jüngsten Äußerungen Glauben, wären die USA zudem bereit, Unterstützung aus der Luft zuzusichern.

Eine entscheidende Frage lautet aber: Können in diesem Szenario ukrainische und europäische Verbände stark genug sein, um Putin von einem erneuten Angriff abzuhalten? Entscheidend in einem Folgeschritt auch: Wie würden Europa, die USA und die Nato reagieren, wenn es tatsächlich zu einem Angriff käme – würden Sie als starkes Bündnis eingreifen oder den Konflikt scheuen? Ohnehin birgt die Idee ein Paradoxon: Russland ist strikt gegen europäische Soldaten in der Ukraine. Es hätte mit seinem Angriff jedenfalls in Teilen ein Gegenteil des Gewünschten erreicht.

Ähnlich ist die Lage in Finnland, einem weiteren Land mit einer vergleichsweise starken Armee – und einer langen Grenze mit Russland. „Wir werden sehen, welche Rollen benötigt werden“, sagte Regierungschef Petteri Orpo zuletzt mit Blick auf eine etwaige Ukraine-Mission, wie der Sender YLE berichtete. „Für das finnische Militär ist aber die wichtigste Aufgabe, Finnlands Grenzen zu schützen“, betonte er. Er verwies auf Ausbildungsausgaben als mögliche Beteiligung Finnlands. Beschlüsse seien aber noch zu treffen.

Gemessen an ihren Kräften stehen auch die baltischen Staaten eng an der Seite der Ukraine. Doch auch sie werden wohl keinen substanziellen Beitrag leisten können. Schon die eigene Sicherheit zu wahren im Angesicht der russischen Bedrohung ist eine Herkulesaufgabe für Estland, Lettland und Litauen, wie Expertin Minna Ålander IPPEN.MEDIA im Juni erklärte. Allein aufgrund der geringen Fläche und Bevölkerungszahl seien die Möglichkeiten „sehr begrenzt“: „Sie können einfach keine komplett eigenständige Verteidigungsfähigkeit entwickeln.“

Europäische Truppen in der Ukraine? Schweden wäre wohl bereit – Meloni und andere bremsen

Vorsichtig-positive Signale kommen immerhin aus Schweden – obwohl das Land über die Ostsee in Nachbarschaft zu Russland lebt. Der konservative Regierungschef Ulf Kristersson sieht Hilfe in der Ukraine als zentral auch für die eigene Sicherheit. „Ich halte es für möglich, dass Schweden teilnimmt, am Boden, in der Luft und auf See. Wir haben die Kapazitäten und die Stärke“, sagte der Major und Hochschullehrer Roger Djupsjö am Mittwoch dem Radiosender P1. Um „wie viel“ es geht, müsse sich aber zeigen. Djupsjö räumte zugleich ein: „Schweden wird aber so oder so nicht die Hauptlast tragen.“

Andere Teile Europas sind weniger unmittelbar von Russland bedroht, schon aus geografischen Gründen. Just dort ist aber auch seit Langem die Bereitschaft zu Hilfe weniger ausgeprägt. Spanien etwa sucht sogar nach kostensparenderen Auswegen bei den Rüstungsplänen der Nato. Und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist gänzlich gegen europäische Truppen in der Ukraine. Wenn ein Nato-Soldat durch einen russischen Angriff getötet werde, müsse man ohnehin Nato-Artikel 5 ziehen, argumentierte sie laut einem Bericht des Corriere della Sera in Washington: „Russland hat 1,3 Millionen Soldaten: Wie viele sollten wir schicken, um der Aufgabe gewachsen zu sein?“, soll sie gesagt haben.

Ukraine-Verhandlungen in Washington: Trump-Gipfel mit Merz und Co. in Bildern

Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus.
Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus. Auf Einladung Donald Trumps verhandelt der ukrainische Präsident dort über einen möglichen Frieden im Krieg mit Russland. © afp
Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg
Der Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg wurde in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Noch vor wenigen Tagen war nichts über ein Treffen Trumps mit Selenskyj bekannt gewesen. © imago
Trump und Putin in Alaska
Dem Treffen Trumps mit Selenskyj ging der historische Gipfel des US-Präsidenten mit Russlands Machthaber Wladimir Putin in Alaska zuvor. Die beiden Staatsoberhäupter berieten im nördlichsten US-Bundesstaat über den Ukraine-Krieg und einen möglichen Frieden. © afp
Ukraine Gipfel in Washington
Die Erwartungen an den Ukraine-Gipfel sind so hoch wie die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird. Ursache sind unter anderem Selenskyjs letzter Besuch im Weißen Haus und die Dynamik, die seit Trumps Treffen mit Putin in die Ukraine-Verhandlungen gekommen zu sein scheint. © dpa
Selenskyj bei Trump
Im Gegensatz zum letzten Treffen Trumps mit Selenskyj im Weißen Haus war die Atmosphäre diesmal deutlich besser. Endete der letzte Auftritt noch im hitzigen Wortgefecht und im diplomatischen Debakel, waren beide diesmal um eine freundliche Beziehung bemüht. © afp
Selensky und Trump im Oval Office
Brian Glenn, Journalist beim rechtsextremen Sender Real America, hatte Wolodymyr Selenskyj beim letzten Besuch noch für seine Kleidung kritisiert. Der ukrainische Präsident erschien damals in einem Millitär-Pullover. Diesmal trug Selenskyj Anzug und Hemd. „Sie sehen in diesem Anzug fantastisch aus“, kommentierte Glenn Selenskyjs Outfit. Mit seiner Antwort hatte der ukrainische Präsident die Lacher auf seiner Seite. „Sie tragen denselben Anzug. Ich habe mich umgezogen, Sie offenbar nicht“, so Selenskyj. © afp
Vance im Oval Office
Am Treffen mit Wolodymyr Selenskyj im Oval Office nahmen neben Trump US-Außenminister Marco Rubio (r.) und Vizepräsident JD Vance teil. Der hatte den ukrainischen Präsidenten beim letzten Besuch im Weißen Haus noch attackiert und ihm Undankbarkeit vorgeworfen. © afp
Pete Hegseth
Ein weiterer Vertreter der Regierung Trumps beim Besuch Wolodymyr Selenskyjs: Verteidigungsminister Pete Hegseth. © imago
Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus
Nicht nur Wolodymyr Selenskyj reiste spontan nach Washington, DC. Unterstützung erhielt er beim Treffen mit Donald Trump von einer großen Delegation aus Europa. Hier kommt die Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus an. © imago
Meloni bei Trump
Meloni gilt als politische Verbündete Donald Trumps. Wie der Rechtspopulist in den USA setzt Italiens Ministerpräsidentin und Chefin der rechtsextremen Partei „Fratelli d‘Italia“ auf harte Abschiebepolitik und geschlossene Grenzen. In Sachen Ukraine-Krieg steht Meloni aber fest an der Seite Selenskyjs und ihrer europäischen Begleiter. © afp
Emmanuel Macron in Washington
Donald Trumps Protokollchefin Monica Crowley begrüßt Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron an der Tür des Weißen Hauses. Diese Rolle hat in der Vergangenheit bei solchen Besuchen Melania Trump übernommen. Von der First Lady war beim heutigen Ukraine-Gipfel aber zunächst nichts zu sehen. © afp
Ukraine-Treffen in Washington
Hier begrüßt Crowley Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Weißen Haus. © dpa
Alexander Stubb in Washington
Der wohl überraschendste Name auf der Liste der europäischen Delegation bei Trumps Gipfel gehört wohl Alexander Stubb. Finnlands Präsident dürfte aber eine Schlüsselrolle beim Versuch zukommen, Trump von Europas Position im Ukraine-Krieg zu überzeugen. Sein Land teilt sich mehr als 1.300 Kilometer Landgrenze mit Russland. Stubb dürfte die Aufgabe zukommen, Trump davon zu überzeugen, dass bei den Verhandlungen mit Russland nicht nur die Zukunft der Ukraine, sondern die Sicherheit Europas auf dem Spiel steht. © afp
Merz bei Trump
Mit von der Partie in Washington, DC ist Friedrich Merz. Dem Bundeskanzler wurde nach seinem letzten Besuch bei Donald Trump ein guter Auftritt attestiert. Diesmal will der CDU-Chef Wolodymyr Selenskyj bei seinen Verhandlungen über Frieden im Ukrainekrieg unterstützen. © afp
Merz bei Trump in Washington
Gegenüber der ARD bezeichnete Merz, hier bei der Ankunft am Weißen Haus, die Entwicklungen nach dem Treffen Trumps und Putins als „Licht und Schatten“. Der Bundeskanzler übte geschickt verpackte Kritik am US-Präsidenten. „Die Presse in Russland jubelt. Ein bisschen weniger wäre auch gut gewesen“, so der CDU-Chef in der Tagesschau. © afp
Ukraine Trump
In ähnlicher Besetzung hatte eine Delegation aus Europa in Sachen Ukraine-Krieg schon einmal Kontakt zu Donald Trump aufgenommen. Damals waren Keir Starmer, Emmanuel Macron, Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Friedrich Merz in die Ukraine gefahren. Gemeinsam mit Wolodymyr Selenskyj berieten sie telefonisch mit Trump © imago
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer scheint frohen Mutes, als er zum Ukraine-Gipfel bei Donald Trump eintrifft. © dpa
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg
Die Europäische Union (EU) vertritt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg in Washington, DC. Von der Leyens letzter Besuch bei Trump endete mit einem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. © dpa
Von der Leyen und Selenskyj
Kurz vor dem Ukraine-Gipfel mit Trump in Washington, DC empfing Ursula von der Leyen Wolodymyr Selenskyj in Brüssel. Dort beriet die EU-Kommissionspräsidentin sicherlich auch das gemeinsame Vorgehen mit dem Präsidenten der Ukraine. © imago
Ukraine Gipfel in Washigton
Die große Runde in Washington, DC zum Ukraine-Gipfel versammelt: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der britische Premier Keir Starmer, die Präsidenten Alexander Stubb (Finnland), Wolodymyr Selenskyj (Ukraine), Donald Trump (USA), Emmanuel Macron (Frankreich) stellen sich mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und Nato-Generalsekretär Mark Rutte (v.l.n.r.) zum Gruppenbild auf. © afp
Macron und Trump in Washington
Bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz verteilte Donald Trump Komplimente in alle Richtungen. Sein Treffen mit Wolodymyr Selenskyj sei wunderbar gewesen. Friedrich Merz als Freund zu haben, sei eine „große Ehre“ für ihn, so der US-Präsident. Über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (im Bild) sagte Trump: „Ich mag ihn seit dem ersten Tag. Und ich mag ihn immer noch. Das ist ungewöhnlich.“ © afp
Meloni bei Trump in Washington
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte Donald Trump „eine großartige Führungspersönlichkeit, die viele inspiriert“. Sie habe „trotz ihres jungen Alters schon viel erreicht“, so Trump über die Rechtspopulistin. „Sie regiert auch schon eine ganze Zeit lang. Andere haben nicht so lange durchgehalten wie sie“, scherzte der US-Präsident über seine Kollegin aus Italien, das berühmt ist für seine häufigen Regierungswechsel. © afp
Vance und Starmer
JD Vance im Gespräch mit dem britischen Premier Keir Starmer. Der Vizepräsident war erst vor kurzem zum Urlaub auf den britischen Inseln. Sein Besuch im südenglischen Cotswolds löste Protest der heimischen Bevölkerung aus. © afp
Merz nach Treffen mit Trump
Nach dem ersten Gespräch mit Donald Trump beim spontanen Ukraine-Gipfel im Weißen Haus zeigte Bundeskanzler Friedrich Merz sich optimistisch. Der Weg sei „offen für komplizierte Verhandlungen“. Vom US-Präsidenten forderte Merz, den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen. Der Kanzler wiederholte außerdem die Forderung der europäischen Vertreter nach einer Waffenruhe. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein weiteres Treffen ohne eine Waffenruhe stattfinden kann“, stellte Merz klar. © dpa
Selenskyj und Trump nach Treffen im Weißen Haus
Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den vorangegangenen Austausch mit Donald Trump als „sehr gute Unterhaltung“. Man habe über „viele sensible Dinge“ gesprochen, so der ukrainische Präsident. Trump wiederum kündigte bereits ein Dreiertreffen zwischen ihm, Selenskyj und Russlands Präsidenten Wladimir Putin an. Die Frage sei „nicht, ob, sondern wann“ ein solcher Gipfel stattfinden würde. © afp

In einem Punkt ist sie sich damit einig mit anderen Experten: Russlands militärische Stärke setzt hohe Hürden für die Abschreckung. Schwedens früherer Außenminister Carl Bildt betonte auf P1, das Wichtigste sei die Stärke der ukrainischen Verteidigung. auch der frühere US-Befehlshaber in Europa, Ben Hodges, warnte beim Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Eines ist sicher: Moskau wird die Garantien auf die Probe stellen.“

Bildt, seit Langem eine warnende Stimme mit Blick auf Putin, dämpfte aber auch Sorgen vor unmittelbaren Gefahren für andere Staaten nach einer möglichen Waffenruhe. Ein stabiler Frieden in der Ukraine sei nicht absehbar, sagte er: „Sowohl Russland als auch Ukraine werden Kräfte für den Fall vorhalten, dass die Waffenruhe nicht hält.“ Djupsjö pflichtete bei. Russlands Armee sei abgenutzt, das werde sich auf kürzere Sicht auch nicht ändern – eine starke Ukraine sei aber auch für Schweden gut. Dennoch steckt Europa offenbar in einer Klemme: Große Angst vor einem russischen Angriff auf das eigene Land lähmt die Bereitschaft, Truppen zu senden. Geringe augenscheinlich aber auch. (fn)

Rubriklistenbild: © Montage: Gavriil Grigorov/SNA/Imago/Felix Hörhager/dpa/picture alliance

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