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„Grobes Disziplinarvergehen“

Putins fatale Entscheidung: Wie Telegram für russische Soldaten zum Todesurteil wurde

Moskau verbot die Messaging-App, um Informationen vor dem Feind zu schützen, was die Einsatzfähigkeit der Truppen beeinträchtigte.

An der Front werden die Telefone russischer Soldaten zerschlagen, zurückgelassen und an Bäume genagelt. Ihr Vergehen besteht darin, eine Messaging-App zu benutzen, die überall auf der Welt verfügbar ist. Für viele Truppen bedeutet der Ungehorsam gegenüber einem neuen russischen Gesetz, um auf Telegram zuzugreifen, einen tödlichen Preis: ein „One-Way-Ticket“ in Russlands berüchtigte „Fleischwolf“-Angriffe.

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB geht davon aus, dass die Ukraine Informationen aus dem Messengerdienst Telegram „innerhalb kürzester Zeit“ abgreifen kann. (Symbolbild)

Durchgesickerte Anweisungen des russischen Verteidigungsministeriums zeigen, dass Telegram für den operativen Gebrauch durch russische Streitkräfte in der Ukraine mit sofortiger Wirkung verboten wurde – ein schwerer Schlag für Soldaten, die von der App abhängig sind, um Angriffe an der Front zu koordinieren und durchzuführen. Den Dokumenten zufolge sollen die Anordnungen „feindliche technische Aufklärungsmittel kontern“, ebenso wie mögliche „Leckagekanäle“ und die Weitergabe von Informationen verhindern, die die „spezielle Militäroperation“ gefährden könnten.

Telegram-Verbot trifft russische Armee hart: Informationsverlust bedroht Einsatzfähigkeit der Truppen

Die Nutzung der App wird nun als „grobes Disziplinarvergehen“ eingestuft – ein schwerer Regelverstoß, der einen hohen Preis nach sich zieht. Russische Kriegsblogger behaupten, dass Militärangehörige inzwischen routinemäßig die Telefone der Soldaten kontrollieren; wer bei der Nutzung von Telegram ertappt wird, dem werde das Telefon zerstört und er werde in einen Angriffsauftrag geschickt, den sie als „One-Way-Trip“ bezeichnen.

Das Verbot hat den russischen Truppen, die von Telegram abhängig sind, um Geheimdienstinformationen auszutauschen, Angriffe zu koordinieren und Echtzeit-Updates zu teilen, die für die Wirksamkeit ihrer Operationen entscheidend sind, einen schweren Schlag versetzt. „Der Verlust einer Fähigkeit wie Telegram, angesichts der weiten Verbreitung innerhalb der russischen Streitkräfte, könnte erhebliche Auswirkungen auf ihre Fähigkeit zu kämpfen haben“, sagte Thomas Withington, Associate Fellow für Militärwissenschaften am Royal United Services Institute (Rusi), der Zeitung The Telegraph.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Telegram in Russland unter Druck: Verbot schwächt Truppenkoordination und belastet Gründer Durov

„Es beeinträchtigt die Fähigkeit zur Koordination, zur Anpassung und letztlich zum Kampf, und damit verschafft es dem Gegner einen eingebauten Geschwindigkeitsvorteil.“ Als eine der größten Messaging-Plattformen der Welt mit mehr als einer Milliarde Nutzern gilt Telegram als sicherer Raum für Kommunikation. Die zurückhaltende Moderation und der Anspruch, technologisch undurchdringlich zu sein, haben sie zur bevorzugten Plattform für jene gemacht, die an den Rändern des Gesetzes agieren.

Sie hat sich als entscheidendes Kommunikationsmittel für Regierungen, Militärs und Zivilisten gleichermaßen erwiesen – von offiziellen Kanälen in Russland und der Ukraine bis hin zu Protestbewegungen in Hongkong, Iran und Belarus. Die Spannungen zwischen Pavel Durov, dem russischen Milliardär und Gründer von Telegram, und der Regierung seines Heimatlandes schwelen seit Langem. Durov steht nun von zwei Seiten unter Druck: Im Westen wird weiter spekuliert, er pflege Verbindungen nach Moskau, was er bestreitet, während er in Russland mit einem Strafverfahren konfrontiert ist, das ihm vorwirft, Terrorismus zu unterstützen und Telegram für westliche Geheimdienste zugänglich zu machen.

Russland drängt auf staatliche Messenger: Telegram bleibt trotz Einschränkungen unverzichtbar

In den vergangenen Monaten hat Russland die App wiederholt eingeschränkt, um Nutzer zu einem staatlich betriebenen Messenger namens MAX zu drängen. Der Schritt ist Teil eines breiteren digitalen Vorgehens Moskaus, bei dem Dienste wie WhatsApp und FaceTime ebenfalls gedrosselt werden, während die Anzeichen für öffentliche Unzufriedenheit zunehmen. Die Regierung scheint sich auf ein China-ähnliches Modell der Internetkontrolle zuzubewegen, das darauf abzielt, Online-Kritik am Staat zu unterdrücken und den Griff über die Kreml-Erzählung des Krieges zu verstärken.

Doch an der Front kommt dieser Kurs zu spät und bleibt unzureichend: Telegram ist längst zu einem unverzichtbaren Werkzeug in Russlands Kriegsanstrengungen geworden. „Telegram wird innerhalb des russischen Militärs häufig genutzt, weil das Standardkommunikationssystem der russischen Armee ineffizient ist und die App praktisch ist, da private Nachrichten das sofortige Teilen von Fotos und Videos sowie die präzise Übermittlung von Geolokationsdaten ermöglichen“, erklärte Solomiya Khoma, Mitgründerin und Leiterin der internationalen Zusammenarbeit des Ukrainian Security and Cooperation Centre.

Die Abhängigkeit von der App macht deutlich, wie russische Streitkräfte gezwungen waren, informelle Werkzeuge für den Krieg anzupassen – so wie sie es am Boden getan haben, indem sie mit allem improvisieren, von Elektrorollern bis hin zu Eseln, um schwieriges Gelände zu überwinden. Withington erläuterte etwa, wenn ein russischer Soldat ein Gebäude identifiziert, in dem sich ukrainische Kräfte „verschanzt“ haben könnten, könne er „heimlich ein Foto machen“ und „es an seine Vorgesetzten oder andere Truppen schicken“ und fragen, ob jemand zusätzliche Informationen habe oder den Feind dort lokalisiert habe.

Telegram ersetzt defizitäre Kommunikation der russischen Truppen

Nach militärischen Aktionen können Einheiten zudem einen schriftlichen Bericht über die App einreichen, um ihre Kommandeure zu informieren, wodurch die Plattform zu einem entscheidenden operativen Instrument wird. „Es ist praktisch wie ein Militärfunk auf Steroiden“, fügte Withington hinzu. „Und das ist entscheidend für die Führung und Kontrolle von Kräften, insbesondere von taktischen Landstreitkräften der Art, die täglich direkt gegen die Ukrainer kämpfen.“

Russlands Abhängigkeit von Telegram verweist auch auf ein weit tiefer liegendes Problem: eine eklatante technologische Lücke bei der Fähigkeit, Operationen am Boden zu koordinieren und zu planen. „Der interessante Punkt ist nicht nur die Nutzung von Telegram, sondern warum Russland es benutzt“, sagte Withington. „Der Hauptgrund ist, dass ihre eigenen taktischen Kommunikationsmittel – die Systeme, die sie auf dem Schlachtfeld verwenden – ziemlich kläglich sind. Sie sind nicht zweckdienlich.“

Als Russland seine umfassende Invasion der Ukraine begann, befand es sich mitten in einer umfangreichen Überholung seiner Kommunikationssysteme, bei der veraltete Ausrüstung durch neuere Technologie ersetzt wurde. Der Prozess war jedoch nur teilweise abgeschlossen – und ist es bis heute geblieben. Ein neues Führungs- und Kontrollsystem namens SVOD soll die Lücke schließen, die durch Telegram entsteht, ist jedoch in erster Linie für den Einsatz auf Ebene von Einheitskommandeuren und darüber hinaus vorgesehen und nicht als Werkzeug für die direkte Kommunikation zwischen Soldaten am Boden.

Ohne Telegram und Starlink: Russische Truppen stehen vor Kommunikations- und Aufklärungsproblemen

Auf ukrainischer Seite fungiert ein System namens Delta als digitales Gefechtsfeld-Management-Tool, das den Kommandeuren Echtzeitlagebilder liefert. „Genau das ist es im Grunde, was die Russen brauchen und was sie eigentlich nicht haben“, sagte Withington. „Versuche, etwas Ähnliches zu bauen, sind gescheitert. Also ist Telegram de facto zu einer Art improvisiertem ‚Delta‘ für sie geworden – und genau das wird ihnen jetzt entzogen.“

Es bleiben Fragen, wie Russland ohne Telegram funktionieren wird, zumal seine Aufklärungs- und Kommunikationsfähigkeiten bereits durch den Verlust von Starlink beeinträchtigt wurden, jenes Satellitennetzwerks, auf das man sich für Echtzeitdaten vom Schlachtfeld und Drohnenoperationen stützte. „Der gleichzeitige Verlust des Zugangs zu Starlink und Telegram war ein großes Problem“, sagte Christina Harward, stellvertretende Leiterin des Russland-Teams am Institute for the Study of War.

„Das unpassende Timing legt nahe, dass dem Kreml nicht vollständig bewusst war, wie russische Truppen eines oder beide dieser Systeme nutzten, was sich mit jahrelangen Berichten deckt, dass russische Soldaten und niedrigrangige Kommandeure systematisch dazu neigen, ihre Vorgesetzten über die Lage an der Front zu belügen.“ Die Blockierung von Telegram wird Experten zufolge unweigerlich sowohl die Qualität als auch die Geschwindigkeit der Kommunikation innerhalb und zwischen russischen Einheiten beeinträchtigen, ebenso wie die Moral unter den Truppen, die sich auf die App für informelle Nachrichten und zum Ablassen von Frust verlassen haben.

Kommunikationsverlust setzt russische Truppen unter Druck: Ukraine nutzt Lücken

Sie bezweifeln zudem, dass Systeme wie SVOD die direkte, bodennahe Konnektivität nachbilden können, die Telegram bot. „Die Tatsache, dass es nicht breit auf diese Weise eingesetzt wird, deutet darauf hin, dass es nicht zweckdienlich ist“, sagte Withington. Ohne einen wirksamen Ersatz dürften russische Kräfte Schwierigkeiten haben, sich schnell zu koordinieren, wodurch Lücken in der operativen Kontrolle entstehen und sich Gelegenheiten eröffnen, die die Ukraine ausnutzen kann.

Ukrainische Streitkräfte sollen bereits von der doppelten Abschaltung von Telegram und Starlink profitieren, indem sie in den vergangenen Wochen Gegenangriffe führen und Gebiete im Süden der Ukraine befreien. „Kampfhandlungen hängen von schneller, verlässlicher Kommunikation ab. Wenn man diese verliert, kann es sehr schnell sehr schwierig werden“, sagte Withington. „Man entzieht dem Militär faktisch robuste Stammkommunikationsmittel, und in einem Einsatzgebiet von der Größe der Ukraine ist das ein gravierendes Problem.“ (Dieser Artikel von Verity Bowman entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk)

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