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Zuvor abwegige Bündnis nun möglich
Pakt zweier Erzfeinde könnte Nahen Osten erschüttern – bei Trump und Netanjahu schrillen Alarmglocken
Ein unmöglich geglaubtes Zweckbündnis gerät im Iran-Krieg in Sichtweite – es würde die Tektonik des Nahen Ostens erschüttern, analysiert unser Autor.
Saudi-Arabien habe dem Iran einen Nichtangriffspakt vorgeschlagen, berichtete die Financial Times jüngst. Diese Nachricht, die inmitten der schweren Erschütterungen des US-israelischen Krieges gegen Teheran die Runde macht, stützt sich auf westliche und arabische Diplomatenkreise. Weder Saudi-Arabien noch der Iran dementierten. Ein solcher Vorschlag markiert eine historische Zäsur.
Saudi-Arabien versteht sich als Hüter der heiligen Stätten des sunnitischen Islams, der Iran bildet das theokratische Zentrum der Schia bildet. Seit der islamischen Revolution von 1979 stehen sich diese beiden Mächte in unversöhnlicher geopolitischer Rivalität gegenüber. Ihre Interessen kollidieren in der gesamten Region. Im Jemen führen sie über die Huthi-Rebellen einen blutigen Stellvertreterkrieg. Im Irak und in Syrien ringen sie um den entscheidenden Einfluss auf die politische Architektur. Und im Libanon stützt Teheran die Hisbollah als Antagonist Israels. Dass nun ausgerechnet Riad die Hand ausstreckt, rüttelt an der Tektonik des Nahen Ostens, dem Freund-Feind-Schema, das seit Jahrzehnten die beiden Länder als Antipoden beschreibt.
Dramatische Wende im Namen Osten: Größte Feinde nähern sich an – Iran und Saudi-Arabien
Riad hatte bereits zuvor mit einst undenkbaren diplomatischen Schritten überrascht: eine herannahende Anerkennung des Staates Israels – was Berichten der New York Times zufolge die Hamas zu ihrer Attacke auf Israel am 7. Oktober 2023 bewegt haben soll, um diesen historischen Durchbruch zu torpedieren. Was für eine dramatische Wende: Vor gut zwei Jahren noch Annäherung an Israel – und nun Kehrtwende hin zu Israels Staatsfeind Nummer 1.
Diplomaten verweisen darauf, dass die Führung in Riad das jetzt vorgeschlagene Abkommen mit Teheran explizit nach dem Vorbild der Schlussakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 modellieren möchte. Damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, einigten sich die USA, Kanada, die Sowjetunion und die europäischen Staaten auf die Anerkennung der bestehenden Grenzen und den Verzicht auf Gewalt. Helsinki schuf keine Freundschaft, aber es institutionalisierte ein System zur Konfliktvermeidung zwischen verfeindeten Blöcken. Dass ein solcher Pakt überhaupt diskutiert wird, ist das direkte Resultat einer fundamental veränderten Sicherheitslage am Golf.
Israel und USA attackieren Mullah-Regime – Bilder aus dem Iran-Krieg
Der im Februar ausgebrochene militärische Konflikt der USA und Israels gegen den Iran hat die Verwundbarkeit der Golfstaaten offengelegt. Obwohl Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate traditionelle Verbündete Washingtons sind, gerieten sie ins Visier iranischer Vergeltungsschläge. Drohnen- und Raketenangriffe beschädigten laut dem Wall Street Journal lebenswichtige Meerwasserentsalzungsanlagen und Öl-Infrastrukturen in der Region. Gleichzeitig ist die Hisbollah im Libanon militärisch geschwächt, und der Iran leidet unter massiven wirtschaftlichen Blessuren. Beide Regime sind derart unter Druck, dass sie sich einen direkten, unkontrollierten Krieg gegeneinander schlichtweg nicht leisten können.
Könnte ein Pakt mit dem jeweils scheinbar größten Feind diese Erwartungen erfüllen und die Erzfeinde dauerhaft auf Armeslänge voneinander fernhalten? Das Mullah-Regime benötigt für sein Überleben dringend verlässliche Sicherheitsgarantien, dass sein Territorium von den arabischen Nachbarn aus nicht angegriffen wird. Im Konzert seiner Feinde – Israel und die USA belegen hier nach wie vor aus Teherans Sicht die ersten Plätze – könnten die Mullahs Saudi-Arabien nach hinten priorisieren, um Riads Partnerschaft mit Washington zu neutralisieren.
In Israel und den USA schrillen die Alarmglocken: Zweckbündnis könnte die Region verändern
Saudi-Arabien wiederum braucht Ruhe und Sicherheit, um die wirtschaftliche Transformation, Kronprinz Muhammad bin-Salmans wichtigstes Projekt, in Ruhe und ohne Gefahr, von iranischen Raketen zerstört zu werden, voranzutreiben. Da Riad und Teheran bislang maßgebliche Akteure in regionalen Konflikten waren und sich über ihre Proxys auch auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden, würde ein solches Abkommen auch beeinflussen, wie es etwa im Jemen weitergeht. Dass Riad seine Abhängigkeit von den unter Donald Trump immer rücksichtsloser agierenden USA verringern mag, kommt den Mullahs zupass.
Beide Staaten verfolgen mit einem möglichen Nichtangriffspakt keine idealistische Friedensagenda, sondern eine nüchterne Sicherheitslogik. Sie handeln also nicht aus Vertrauen, sondern aus Verwundbarkeit. Von daher haben alle Beteiligten tatsächlich etwas zu gewinnen beziehungsweise zu verlieren, wenn dieser Pakt zerbrechen würde – vorausgesetzt, er kommt tatsächlich zustande. Die Skepsis bei den Anrainern bleibt groß. Die Vereinigten Arabischen Emirate agieren weitaus irankritischer als Saudi-Arabien und suchen eher die Nähe zu den USA und Israel.
Für Israel bedeutet die Saudi-Idee die große Gefahr einer Isolation – dort und in den USA schrillen daher die Alarmglocken. So ist auch Trumps Druck auf Saudi-Arabien zu verstehen. Der US-Präsident fordert, dass das Land als Vorbedingung für weitreichende US-Sicherheitsgarantien den jüdischen Staat diplomatisch anerkennen muss. Nichts wäre aus Sicht von Israel und den USA schrecklicher, als wenn sich Teheran und Riad gegen den jüdischen Staat verbünden würden.
Wer noch vor einem Jahr einen Nichtangriffspakt zwischen Riad und Teheran ins Spiel gebracht hätte, wäre in den Hauptstädten der Welt ungläubig angeschaut worden. Doch die Karten in der Region werden im Moment neu gemischt. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine strategische Allianz nach dem Vorbild von Russland und China, die auf einer gemeinsamen globalen Ideologie fußt. Es wäre ein Zweckbündnis zweier Theokratien. Der Iran lässt nicht erkennen, was er von dem Vorstoß hält – und bleibt so die große Unbekannte in diesem geopolitischen Szenario. (Alexander Görlach)