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Frankfurter-Rundschau-Gastbeitrag

Putin und Ukraine-Krieg zum Trotz: Ein diplomatisches Meisterwerk liefert Lehren für die Zukunft

Das 50-jährige Jubiläum der Schlussakte von Helsinki erinnert an die Macht der Diplomatie in dunklen Zeiten, schreibt FR-Gastautor Kai Hebel.

Die Zeiten scheinen düster, Gespräche beispielsweise in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine nahezu unmöglich – selbst, wenn im Hintergrund natürlich Diplomatie betrieben wird. Doch die Geschichte kann auch für diese Zukunft Lehren bieten, schreibt Kai Hebel. Der Assistenzprofessor der niederländischen Universität Leiden befasst sich mit Diplomatie, multilaterale Verhandlungen, internationaler Sicherheit – und ist ausgewiesener Experte für KSZE/OSZE. In diesem Gastbeitrag wirft der Autor des Buches „Britain, Détente, and the Helsinki CSCE“ (Routledge, 2025) einen erhellenden Blick auf ein historisches Ereignis: die Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki 1975.

Vor fünfzig Jahren, am 1. August 1975, fand in Helsinki ein außergewöhnliches Ereignis von weltpolitischer Bedeutung statt, das bis heute relevant ist. Die Rahmenbedingungen waren alles andere als günstig. Europa befand sich mitten im Kalten Krieg, geteilt durch einen „Eisernen Vorhang“, wie Winston Churchill es nannte. Dieser „Vorhang“, der in Wahrheit ein Todesstreifen aus Stacheldraht und Minenfeldern war, verlief mitten durch Deutschland. Östlich und westlich des Todesstreifens standen sich massive Streitkräfte gegenüber, die mit mehr als genug Atomwaffen ausgerüstet waren, um das Leben auf der gesamten Erde zu vernichten.

Die Lehren von Helsinki: Frieden durch Diplomatie

Dennoch kamen im Sommer 1975 35 Staats- und Regierungschefs aus östlichen, westlichen und den neutralen Staaten in Helsinki zusammen, um ein einzigartiges Abkommen zu verabschieden, das auch heute noch gültig ist. Es hat den umständlichen Namen „Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)”.

Helmut Schmidt unterzeichnete für die BRD und Erich Honecker für die DDR – eine Weltpremiere, da sich beide Staaten bis dato verbittert geweigert hatten, sich die internationale Bühne zu teilen und damit die Existenz des jeweils anderen zu legitimieren. Zu ihnen gesellten sich die Anführer der beiden Supermächte, Gerald Ford und Leonid Breschnew, sowie Staatsoberhäupter aus allen Ländern Europas. Nur das maoistische Albanien blieb dem Spektakel fern, über das 1.200 Journalisten aus aller Welt vor Ort berichteten.

Helmut Schmidt, Erich Honecker und Gerald Ford (v.li.) beim Unterzeichnen der „Schlussakte“ in Helsinki.

Wie kam es dazu? Finnland hatte eine geradezu revolutionäre Einladung ausgesprochen: Alle europäischen und für Europa wichtigen Staaten sollten gemeinsam nach diplomatischen Lösungen für die politischen, militärischen, wirtschaftlichen und humanitären Probleme des gespaltenen Kontinents suchen. Frieden durch multilaterale Diplomatie war die Devise. Dieser gemeinschaftliche Aspekt war ein Novum in der Geschichte des Kalten Kriegs. Dass selbst die kleinsten Länder Europas – Liechtenstein, Monaco, San Marino und der Vatikan – vertreten waren, verlieh dem Dokument einzigartige Legitimität und Reichweite.

Helsinki 1975: 10 Millionen Seiten Papier – und eine Ermutigung für Sowjet-Dissidenten

Die Schlussakte von Helsinki war das Resultat aufwendiger, kontroverser, detailversessener und zermürbender Verhandlungen, die sich über fast drei Jahre erstreckten. Hunderte von Diplomaten hatten in tausenden Sitzungen fast 10 Millionen Seiten Papier verbraucht, bis das 30-seitige Abkommen fertig war. Die Sowjetunion hatte sich mit Nachdruck für die Konferenz eingesetzt, in der Hoffnung, dass sie endlich den Status quo zementieren würde. Die Nachkriegsgrenzen sollten festgeschrieben und die Herrschaft Moskaus über die Völker Osteuropas legitimiert werden.

Das Resultat der Verhandlungen war jedoch ein ganz anderes. Die Schlussakte legte eine ehrgeizige Agenda für Wandel fest. Sie besagte, dass Grenzen nicht verletzt werden dürfen, aber mit friedlichen Mitteln und im gegenseitigen Einvernehmen geändert werden könnten, wodurch der Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands und des gesamten Kontinents gewahrt blieb.

Sie verpflichtete die Unterzeichnerstaaten zu mehr militärischer Transparenz durch einen innovativen Katalog vertrauensbildender Maßnahmen. Sie umfasste außerdem ein ehrgeiziges Maßnahmenpaket zur Erleichterung des Austauschs über den Eisernen Vorhang hinweg, darunter Handel, kulturelle Kontakte, Journalismus und die Freizügigkeit von Personen und Informationen. Und sie verpflichtete die Unterzeichnerstaaten zur „Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie der Glaubensfreiheit“. Damit wurden liberale Grundprinzipien in den Ost-West-Beziehungen verankert. Dies ermutigte Dissidenten innerhalb des Sowjetimperiums enorm und legitimierte deren Kritik an den Menschenrechtsverletzungen der Ostblockstaaten, Kritik, die bei den Folgetreffen des KSZE-Prozesses (1975-1990) thematisiert wurde.

Die Schlussakte von Helsinki: Ein Meisterwerk mit Relevanz für heute

Die Schlussakte war ein Meisterwerk der Diplomatie. Ein Großteil des Verdienstes gebührt den hartnäckigen Verhandlungsführern auf westlicher Seite, die von den neun Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft angeführt wurden. Die Vereinigten Staaten hielten sich weitgehend zurück, weil Henry Kissinger multilateralen Verhandlungen skeptisch gegenüberstand und wertebasierte Außenpolitik ablehnte. Der US-Außenminister verfluchte die Schlussakte mehr als einmal. „Von mir aus können sie die auch auf Suaheli schreiben!“, schimpfte er.

Ist all das heute, in einem ganz anderen Kontext, noch von Bedeutung? Durchaus. Das offensichtlichste Vermächtnis kam 1994, als die Unterzeichner der Schlussakte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) schufen. Die aus mittlerweile 57 Staaten bestehende OSZE wird in der internationalen Berichterstattung oft übersehen, dabei leistet sie oft wertvolle Arbeit hinter den Kulissen der Weltpolitik. Konfliktprävention, Menschenrechtsschutz, Wahrung der Pressefreiheit und Wahlbeobachtung gehören zu ihren Kerngebieten. Mehr als einmal hat sie dabei die Autokraten unter ihren Mitgliedern mit kritischen Berichten über manipulierte Wahlen und die Verfolgung von Journalisten verärgert. Weder Recep Tayyip Erdogan, noch Viktor Orbán sind gut auf sie zu sprechen – von Wladimir Putin ganz zu schweigen.

Putin hat (fast) jede Klausel der Helsinki-Schlussakte verletzt – doch tot ist die OSZE nicht

Putin hat praktisch jede Klausel der Schlussakte verletzt. Dies hat einige dazu verleitet, die OSZE für tot zu erklären. Diese Skepsis ist verständlich, aber unangebracht. Sicherlich ist die Organisation durch den Ukraine-Krieg schwer angeschlagen und den Mitgliedsstaaten, inklusive Deutschland, fehlt zurzeit der Wille und die Vision, die OSZE entscheiden weiterzuentwickeln. Dennoch geht sie ihren Kernaufgaben nach, sei es durch die bereits erwähnten Wahlbeobachtungen, oder durch eine Vielzahl kleiner, dennoch wichtiger

Initiativen auf zwischenstaatlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene, wie etwa Journalistenschulungen in autokratischen Staaten und inklusive Dialoge in Krisenregionen, wo sie mit etwa einem Dutzend Missionen präsent ist. Und natürlich bleibt die OSZE die Hüterin der Schlussakte von Helsinki. Deren Prinzipienkatalog ist und bleibt die Messlatte, an der sich die Mitgliedsstaaten messen lassen müssen.

Man sollte auch nicht vergessen, dass die OSZE die einzige europäische Organisation ist, in der sowohl Russland als auch die Vereinigten Staaten vertreten sind. Damit bietet sie einen möglichen Rahmen für multilaterale Verhandlungen über europäische Sicherheit, wenn auch wahrscheinlich erst nach dem Abgang Putins.

Pragmatische Diplomatie als Chance – trotz Ressentiments, Spaltungen und ideologischen Differenzen

Über die Tagespolitik hinaus bietet die Geschichte der KSZE-Verhandlungen Lehren für die Zukunft. Sie zeigt, dass Diplomatie zwischen Gegnern trotz tief sitzender historischer Ressentiments, politischer Spaltungen und ideologischer Differenzen möglich ist. Und sie erinnert eindringlich daran, dass das Überbrücken dieser Gräben weder utopisch ist (wie Skeptiker behaupten) noch unmoralisch (wie Ideologen warnen), sondern eine grundlegende Pflicht verantwortungsvoller Staatskunst.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Die Schlussakte ist ein Beweis dafür, dass gewissenhafte Politiker und geschickte Diplomaten durchaus in der Lage sind, die fundamentalen Herausforderungen der internationalen Beziehungen durch Verhandlungen zu meistern. Natürlich sind dafür Kompromisse unerlässlich, und auch hier können wir aus den Erfahrungen der Schlussakte lernen. Auf dem Weg nach Helsinki haben alle Seiten Zugeständnisse gemacht, auch der Westen, was einige zeitgenössische Beobachter als verwerfliches Appeasement brandmarkten. Doch diese Kritiker irrten. Die Schlussakte beweist eindrücklich, dass Kompromiss nicht mit Kapitulation und Pragmatismus nicht mit Prinzipienlosigkeit verwechselt werden dürfen.

Barack Obama warnte in seiner Nobelpreisrede von 2009: „Sanktionen ohne Dialog – Verurteilung ohne Diskussion – können nur einen lähmenden Status quo aufrechterhalten. Kein repressives Regime kann einen neuen Weg beschreiten, es sei denn, ihm steht eine Tür offen.“ Die Schlussakte von Helsinki öffnete die Tür zu einem Europa, in dem Verhandlungen zwischen Gegnern zur Normalität wurden. Ihre Lehren sollten nicht vergessen werden.

Rubriklistenbild: © UPI/picture alliance/dpa

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