US-Angriff auf Maduro
Macht vor Recht: Wie Trumps Venezuela-Schlag die Weltordnung verschiebt – Grönland im Visier?
Die USA haben bei einem Angriff in Venezuela Maduro festgesetzt. Der Einsatz könnte für Trump eine Blaupause sein und die künftige US-Politik zeigen. Eine Analyse.
Caracas/Washington – Es ist 2.01 Uhr, als amerikanische Hubschrauber über dem Anwesen von Nicolás Maduro in Venezuela kreisen. Wenig später stürmen Spezialeinsatzkräfte der Delta Forces in das Schlafzimmer des Präsidenten und nehmen ihn sowie seine Frau gefangen. Wenig später sind alle in der Luft und verlassen unter heftigen Feuergefechten das venezolanische Hoheitsgebiet. Binnen weniger Stunden demonstrierten die Vereinigten Staaten bei der Operation „Absolute Resolve“, ganz dem Namen folgend, aus Sicht des Weißen Hauses eiserne Entschlossenheit.
Die Festnahme von Maduro am 3. Januar 2026 markiert einen Paradigmenwechsel der US-Außenpolitik, den Chatham House bereits im Dezember als „Neuausrichtung hin zu hemisphärischer Dominanz“ beschrieben hat. US-Präsident Donald Trump erklärte wenige Stunden nach der Militäroperation: „Die amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre wird niemals wieder infrage gestellt.“ International sorgte der Vorfall umgehend für kritische Reaktionen. Doch der Einsatz in Venezuela könnte nicht weniger als das Ende einer regelbasierten Ordnung sein – und künftig könnte Macht vor Recht gelten.
US-Angriff auf Venezuela: Trump lässt Maduro festsetzen – UN-Generalsekretär schlägt Alarm
Für die amerikanische Regierung um Trump ging es im Zusammenhang mit Venezuela in den vergangenen Wochen zunächst um Drogen, Kartelle und Migration. Wenig später eskalierte schließlich die Lage und gipfelte in der Entführung Maduros. Der US-Präsident rechtfertigte den Schritt mit der Durchsetzung des Strafrechts, kündigte zugleich einen Prozess in New York an. UN-Generalsekretär António Guterres sieht in diesem Vorgehen hingegen einen „gefährlichen Präzedenzfall“. Sein Sprecher erklärte, Guterres betone weiterhin die Wichtigkeit der uneingeschränkten Achtung des Völkerrechts. Der Generalsekretär sei zutiefst besorgt darüber, dass die Regeln des Völkerrechts nicht beachtet wurden.
Doch hinter dem wohl völkerrechtswidrigen Vorgehen der USA steckt weitaus mehr, als es auf den ersten Blick vermuten lässt: Trump hat den Anspruch der Vereinigten Staaten auf die Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre bekräftigt. Das Vorgehen der Amerikaner in Venezuela passt dabei unmittelbar in die Rahmenbedingungen der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie. Trump selbst sprach im Kontext der Maduro-Festnahme von der sogenannten Monroe-Doktrin. Auch der Begriff „Donroe-Doktrin“ fiel. In Anlehnung an Trumps Vornamen setzt sich die Bezeichnung „Donroe“ aus dem eigentlichen Namen der Doktrin „Monroe“ und dem Namen des Präsidenten „Donald“ zusammen.
USA greifen Venezuela an: Bilder zeigen Zerstörung und Maduro in Gefangenschaft




Die US-Zeitung New York Post hatte Anfang 2025 „Die Donroe-Doktrin“ (The Donroe Doctrine) getitelt und schöpfte den neuen Begriff. Andere Medien griffen die Wortneuschöpfung später auf. Welche Rolle der Doktrin künftig beigemessen werden könnte, machte Trump nach dem Angriff auf Venezuela unmissverständlich klar: „Wir haben sie ein Stück weit vergessen. Sie war sehr wichtig, aber wir haben sie vergessen. Wir werden sie nicht mehr vergessen.“ Die Monroe-Doktrin geht auf Präsident James Monroe (regierte 1817 bis 1825) zurück, die später hegemonial interpretiert wurde und den Anspruch der USA begründete, den amerikanischen Doppelkontinent geopolitisch zu dominieren.
Nach Venezuela: US-Außenpolitik unter Trump im Wandel
In welcher Weise die USA unter Trump künftig ihre sogenannte Monroe-Doktrin ausleben könnten, kristallisiert sich seit mehreren Monaten heraus. Demnach sieht die „Trump-Interpretation“ etwa die Verhinderung von Massenmigration in die USA sowie den gemeinsamen Kampf mit ausländischen Regierungen gegen Drogenschmuggler und Kartelle vor. Zugleich geht es um den „fortgesetzten Zugang zu wichtigen strategischen Standorten“. Der Weg scheint klar: Die globale Kooperation muss hemisphärischer Dominanz weichen. Bereits in der Nationalen Sicherheitsstrategie wurde dies deutlich: Laut Chatham House wendet sich Trump vom klassischen Vorgehen ab und beansprucht Zugang zu Ressourcen ohne Entschädigung.
Der Londoner Thinktank analysierte, dass Trump zudem auf die Anwendung von Zwang statt Verhandlungen mit lokalen Eliten setzen will. Ferner geht es um die Bereitstellung von Geldern für gleichgesinnte Regierungen sowie um die Androhung militärischer Interventionen, ohne das Völkerrecht zu achten.
Nach dem Sturz von Maduro hat inzwischen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Regierungsgeschäfte in Venezuela übernommen. Das Militär hat sich mittlerweile hinter ihr versammelt. Im gesamten Staatsgebiet würden Einheiten der Streitkräfte und der Polizei aktiviert, um die „imperialistische Aggression“ der Vereinigten Staaten zurückzuschlagen, hieß es in einer Mitteilung.
Am Samstagabend hatte Trump seinerseits die künftigen Pläne für das Land vorgestellt. „Wir werden uns jetzt um das Land kümmern, bis wir einen sicheren, geordneten und umsichtigen Übergang gewährleisten können“, sagte er auf einer Pressekonferenz in seiner Privatresidenz Mar-a-Lago in Florida. Wie genau dieser Prozess ablaufen soll, blieb zunächst unklar. Außenminister Rubio wurde mit dieser Aufgabe betraut.
Zugleich verdeutlichte Trump, dass die USA gegebenenfalls auch Bodentruppen zur Sicherung des Landes entsenden würden. Der US-Präsident sprach außerdem davon, dass künftig US-Ölkonzerne „Milliarden Dollar investieren“ werden, um Venezuela wieder aufzubauen. In diesem Zusammenhang sprach er auch von Gewinnen für US-Konzerne, die als Aufwandsentschädigung gesehen werden sollen.
Venezuela und Öl: Trump sendet mit „Absolute Resolve“ Signal an Russland, China und Iran
Dass Trump nach der Festnahme von Maduro auf das Ölgeschäft zu sprechen kam, ist kein Zufall. Venezuela verfügt über die größten Ölreserven der Welt, eine Erschließung durch die USA ist von daher von strategischer Bedeutung. Zugleich sendete der US-Präsident mit dem Vorgehen auch eine klare Botschaft an China, Russland oder den Iran. „Strategisch ist diese Intervention natürlich ein höchst willkommener schwerer Schlag für russische Interessen: Es reduziert russische Öldeals und den globalen Einfluss Moskaus enorm“, schrieb der ehemalige Chef der Münchner Sicherheitskonferenz und frühere deutsche Botschafter in den USA, Wolfgang Ischinger, auf X.
„Absolute Resolve“, also „absolute Entschlossenheit“, scheint kein zufälliger Name für den Militärschlag in Venezuela gewesen zu sein. Kein Verhandeln mehr, sondern nur Vollendung: Trumps Weg scheint radikaler als je zuvor, was der Präsident auch während seiner Pressekonferenz rhetorisch unterstrich. Dort machte Trump deutlich, dass der Einsatz auch tödlich hätte enden können.
Nationale Sicherheitsstrategie der USA: Trump setzt auf Abschreckung
In der Nationalen Sicherheitsstrategie heißt es nicht umsonst: „Wir wollen sicherstellen, dass die westliche Hemisphäre einigermaßen stabil bleibt und gut genug regiert, um Massenimmigration in die USA zu verhindern oder zu entmutigen“. Die Trump-Regierung betont in ihrer außenpolitischen Ausrichtung die Notwendigkeit einer Hemisphäre, „die frei bleibt von feindseligen äußeren Eingriffen oder dem Besitz von Schlüssel-Ressourcen und die kritische Lieferketten unterstützt; und wir wollen sicherstellen, dass wir weiter Zugang haben zu Orten von entscheidender strategischer Bedeutung“.
Mit Blick auf diese Intention scheint Venezuela der perfekte Testballon gewesen zu sein. Denn das Land hatte zuletzt die Nähe zu Staaten gesucht, die wider die amerikanischen Interessen sind. Wladimir Putin hatte eine strategische Partnerschaft mit Maduro geschlossen, chinesische Vertreter waren Anfang Januar nach Caracas aufgebrochen, um über einen vertiefenden Austausch beider Staaten zu sprechen. Auch zum iranischen Regime soll Maduro enge Kontakte gehabt haben.
„Im Kern geht es darum, dass Präsident Trump seiner Vorstellung folgt, dass die USA eine Hegemonie in der westlichen Hemisphäre errichten sollte“, analysiert Jonathan Panikoff vom Atlantic Council. „Die USA sollten demnach die dominante Macht in der Region sein, die frei sein sollte vom Einfluss Chinas, Russlands, Kubas und des Irans. Amerika First verlangt nach Dominanz in der westlichen Hemisphäre.“
Folgen von Venezuela-Angriff: EU im Dilemma – Sorge um Grönland?
Womöglich war der US-Angriff auf Venezuela ein Präzedenzfall für weitere Interventionen. Für die Europäer wird der Vorfall indes allerdings zur Zerreißprobe: Nur zögerlich äußerten sie sich zum Vorgehen der Trump-Regierung. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vermied es, eine rechtliche Einordnung des US-Einsatzes abzugeben. Für diese ausweichende Haltung kassierte er unmittelbar scharfe Kritik, doch offenbart sie auch das Dilemma, in das die europäischen Staaten rutschen.
Nicht nur die EU ist abhängig von den US-Sicherheitsgarantien, der US-Schlag in Venezuela lässt auch ihr eigenes Werteverständnis auf geopolitische Realitäten prallen. Der Multilateralismus ist gewichen und künftig könnte strategische Autonomie wichtiger denn je werden. „Die Kanonenbootdiplomatie ist zurück. Die USA haben vor der Küste Venezuelas eine außergewöhnliche Demonstration ihrer militärischen Macht inszeniert“, warnte der Guardian.
Die nächste Bewährungsprobe könnte schon bevorstehen: Erst im Dezember hatte Trump eine Debatte um umstrittene Besitzansprüche der USA an Grönland erneut entfacht. Und auch nach dem Venezuela-Angriff kursierten Bilder in sozialen Medien, die die Insel unter US-Flagge zeigten. US-Präsident Donald Trump ließ sich auch nicht lange bitten und sagte dem Magazin Atlantic kurze Zeit später: „Wir brauchen Grönland absolut.“ Sein Land verlange „die uneingeschränkte Achtung der territorialen Integrität“ Dänemarks, schrieb der dänische Botschafter in den USA, Jesper Möller Sörensen – womöglich ein Zeichen, dass Europas Diplomaten einen nächsten Schachzug Trumps nicht ausschließen. (Quellen: Chatham House, The Atlantic Council, dpa, afp, Reuters, Guardian, eigene Recherche) (fbu)
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