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„Weitreichende Zerstörung“
„Aufgehört zu beten“: Experte aus Iran mit düsterer Prognose zu US-Militärschlag
Die Lage zwischen USA und Iran spitzt sich weiter zu. Ein Militärschlag ist denkbar. Experte Ahmad Moradi fürchtet verheerende Konsequenzen für die iranische Gesellschaft. Eine Analyse.
Und damit droht der nächste Krieg. Nach der zweiten Runde indirekter Atomverhandlungen zwischen den USA und Iran mehren sich die Zeichen auf einen bevorstehenden Militärschlag. US-Regierungssprecherin Karoline Leavitt sagte am Donnerstag: Diplomatie sei die erste Wahl, aber es gebe viele Argumente, die für einen Angriff sprechen könnten. Nach Quellen des US-Senders CBS News sollen ranghohe nationale Sicherheitsbeamte US-Präsident Donald Trump derweil mitgeteilt haben, dass das Militär bereit sei, den Iran am Samstag anzugreifen. Trump habe aber noch keine endgültige Entscheidung zu einem Militärschlag getroffen.
Anthropologe und Nahost-Experte Ahmad Moradi ist im Iran geboren und aufgewachsen. Er forscht am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin zur schiitisch-muslimischen ethnischen Minderheit Hazara.
„Ich denke nicht, dass man die Drohung abtun sollte“, sagt der aus dem Iran stammende Wissenschaftler Ahmad Moradi im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Moradi arbeitet am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin, hat engen Kontakt zu Familie und Freunden im Iran und war in den letzten Jahren auch für seine Forschungen regelmäßig im Land. „Der regionale militärische Aufmarsch und die Verlegung von US-Rüstungsgütern deuten darauf hin, dass Krieg eine reale Option bleibt“, glaubt er.
USA drohen Iran mit Militärschlag: „Schwer vorstellbar, dass das Regime fällt“
Seit Monaten gehen das Mullah-Regime und die Revolutionsgarden immer härter gegen die eigene Bevölkerung im wirtschaftlich arg gebeutelten Land vor. Proteste wurden zuletzt brutal niedergeschlagen, Informationen dringen immer wieder nur sporadisch nach außen, weil das Regime Anfang des Jahres das Internet weitgehend hat ausschalten lassen. Schätzungen zufolge sind bei der Niederschlagung der Proteste Zehntausende Menschen getötet worden. Moradi spricht von „Massentötungen“ und kollektiver emotionaler Erschöpfung angesichts des Grauens. „Was ich von meinen Kontakten höre, spiegelt nicht nur Angst wider, sondern auch einen moralischen und spirituellen Bruch“, so der Wissenschaftler. „Eine Verwandte erzählte kürzlich, dass sie aufgehört habe zu beten und viele andere kenne, die dasselbe getan haben. Denn sowohl Gott als auch die religiöse Autorität fühlen sich angesichts des Massensterbens stumm an.“
Ein US-Militärschlag gegen den Iran sei allerdings im ersten Schritt „wahrscheinlich katastrophal für die iranische Gesellschaft“, glaubt Moradi. „Es ist schwer vorstellbar, dass ein begrenzter Schlag oder selbst die Eliminierung von Spitzenkräften allein das Regime zu Fall bringen würde. Wahrscheinlicher ist, dass er weitreichende Zerstörung auslöst, die Überwachung und Militarisierung verschärft und langfristige Instabilität schafft.“
Tatsächlich nutzt das Regime den Konflikt mit den USA längst für propagandistische Zwecke, um die eigene Position zu stärken. „Das iranische Regime will zwei Botschaften senden. Nach innen: ,Wir sind stark‘. Und nach außen: ,Wir können uns auch wehren‘“, erklärte jüngst Nahost-Kenner Hans-Jakob Schindler, Direktor beim Counter Extremism Project, im Gespräch mit dieser Redaktion.
Ahmad Moradi glaubt: „Ein entscheidender Punkt ist, dass begrenzter militärischer Druck oder gezielte Aktionen gegen die Elite nicht automatisch zum Zusammenbruch des Regimes führen.“ Denn die Islamische Republik sei nicht nur eine staatliche Struktur, sondern auch tief in soziale Netzwerke eingewoben. „Sie wird von ihren Anhängern, die sowohl ideologisch überzeugt sind als auch materielle Interessen haben, eisern verteidigt.“
Verbündete, Feinde und Alternativen zum Mullah-Regime im Iran
Viele Regime-Getreue dürften in der Tat das Überleben des Systems mit dem eigenen Überleben untrennbar verknüpft sehen. Im Falle eines Zusammenbruchs gäbe es für sie kaum Möglichkeiten, im Exil eine Existenz aufzubauen. „In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich etwa von Mitgliedern der Pro-Schah-Elite im Jahr 1979, von denen vielen nach der iranischen Revolution im Ausland untergekommen sind“, sagt Moradi. Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit einer erbitterten und hochgewaltsamen Verteidigung des Status quo mit allen Mitteln.
Zwei Jahrzehnte Atomdiplomatie: „Tiefes Misstrauen zwischen USA und Iran“
Dass sich die USA und der Iran doch noch diplomatisch einigen könnten, hält er für nur bedingt wahrscheinlich: „Wenn man auf mehr als zwei Jahrzehnte Nukleardiplomatie zurückblickt, machen tiefes Misstrauen und strukturelle Meinungsverschiedenheiten einen dauerhaften Durchbruch schwierig. Erst recht unter diesem enormen Zeitdruck.“
Moradi wirft derweil schon einen Blick in die Zukunft. Die sogenannte Basidsch-Miliz, die den Revolutionsgarden unterstellt ist und sich aus Freiwilligen rekrutiert, ist an der brutalen Niederschlagung der Proteste maßgeblich beteiligt. „Meine Forschung hat sich zunehmend auf die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Basidsch-Mitgliedern und normalen Bürgern konzentriert, die unter ihrer Gewalt gelitten haben“, sagt Moradi. „Eine der schwierigsten Fragen der Zukunft wird sein, wie in einer Gesellschaft künftig Opfer und Täter als Nachbarn zusammenleben können. Ich finde das fast unvorstellbar.“ (Quellen: Gespräch mit Ahmad Moradi, eigene Recherchen, dpa)