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„Ursünde für die Koalitionsstabilität“

Loyalitäts-Check im Sozialstreit: Kann Spahn Merz noch helfen? Experte sieht „Gefahr“ für den Kanzler

In der Koalition scheint es beim Thema Vertrauen Nachholbedarf zu geben. Angeschlagen ist dabei auch Spahn, urteilen Fachleute – für Merz eine paradoxe Situation.

Berlin – Zuletzt hat die schwarz-rote Koalition besonders mit Unstimmigkeiten von sich reden gemacht; einige Erfolge der ersten 100 Tage werden damit in den Hintergrund gerückt. Öffentlich streiten Union und SPD aktuell vor allem über den Kurs in der Steuer- und Sozialpolitik. Das Hauptproblem: Die Ausgaben des Bundes und der Sozialversicherungen wachsen immer weiter und übersteigen die Einnahmen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich auf einem Parteitag der CDU Niedersachsen unzufrieden.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Die Kommunikation müsse besser werden, erklärte der Kanzler: SPD und Union sollten nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Miteinander soll nun am Donnerstag und Freitag (28. und 29. August) gesprochen werden: Bei einer Klausurtagung in Würzburg kommen die geschäftsführenden Fraktionsvorstände beider Koalitionspartner zusammen. Auf der Agenda: Arbeitspläne für den Herbst. Einen „Herbst der Reformen“ haben Union und SPD angekündigt. Fachleute zweifeln, dass der Kanzler seine Ankündigung in die Tat umsetzen kann und sehen zunächst beim Thema Vertrauen Handlungsbedarf.

Heikle Ausgangslage für den Kanzler: Merz „ist auf Spahn als Binnenkoordinator angewiesen“

„Die Koalition ist im Krach in die Sommerpause gegangen, jetzt geht es um Vertrauensaufbau“, erklärt Politikberater Johannes Hillje gegenüber dem Münchner Merker von Ippen.Media. Das dürfte nicht zuletzt an der geplatzten Richterwahl kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause liegen. Die geplatzte Wahl, erklärt Hillje, „geht auf Spahns Kappe“.

Das Misstrauen gegenüber Spahn sei in der SPD-Fraktion gewachsen. Eine heikle Ausgangslage für den Kanzler: „Als Außenkanzler ist Merz auf Spahn als Binnenkoordinator angewiesen.“ Spahn, so der Experte, „ist in einer Schlüsselrolle für die Funktionsfähigkeit der Koalition“. Sowohl die Kanzlerwahl als auch die Richterwahl hätten jedoch gezeigt, „dass Spahn seine Fraktion bisher nicht im Griff hat“.

Loyalitätscheck im Sozialstreit-Zoff: Kann Unionsfraktionschef Jens Spahn Bundeskanzler Friedrich Merz noch helfen? (Symbolbild)

Paradoxe Situation für Merz: Experte sieht Spahn geschwächt – als „Konkurrent“ und „Kooperationspartner“

„Die vergangenen 100 Tage sind nicht dazu genutzt worden, Vertrauen aufzubauen, sondern Vertrauen ist abgebaut worden“, bilanziert auch Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, im Gespräch mit Ippen.Media. Spahn beschreibt er als „ausgefuchsten Machtpolitiker“. Der Unionsfraktionschef sei ein „Kraftpolitiker“, der „die Gunst der Stunde sucht und den möglicherweise auch kurzfristigen Vorteil.“

Vonseiten der SPD herrsche hohes Misstrauen gegenüber Spahn, „innerhalb der Union auch“, erklärt der Politologe. Für Kanzler Merz ergebe sich eine paradoxe Situation: Durch die Maskenaffäre und gescheiterte Abstimmungen sei Spahn geschwächt, sowohl „als Konkurrent“, als auch „als Kooperationspartner“. Das nehme Merz zwar den Druck eines potenziellen Herausforderers, schaffe aber ein neues Problem: „Diese andere Gefahr heißt, dass er nicht liefert im Sinne seiner Aufgabe als Fraktionsvorsitzender: Integration, Stabilität, Vertrauen und Handlungsfähigkeit sicher zu stärken.“

Sozial-Streit in der Koalition: Wie steht es um die Zusammenarbeit von Spahn und Miersch?

Mit Blick auf Spahn muss auch die Zusammenarbeit mit seinem SPD-Pendant, Fraktionschef Matthias Miersch, funktionieren; zwei scheinbar sehr unterschiedliche Männer: „Auf der einen Seite hat man, mit Miersch, einen gewachsenen Fachpolitiker, der eher introvertiert wirkt“, erklärt Schroeder. „Spahn ist ein Machtpolitiker par excellence, er ist extrovertiert, er geht keinem Konflikt aus dem Weg.“ Doch gerade diese Unterschiedlichkeit könnte funktionieren, glaubt der Politologe: „Es kann durchaus sein, dass sie sich im Prozess zusammenraufen und eine gute Partnerschaft eingehen können.“ 

Schwarz-Rot steht – wie auch schon die Ampel-Regierung – vor großen Herausforderungen, denen Kanzler Merz und Teile der Regierung mit großen Ankündigungen begegnen. „Die Ankündigung vom Herbst der Reformen schürt große Erwartungen, die leichter enttäuscht als erfüllt werden können“, so Politikberater Johannes Hillje: „Die Klarheit in der Sprache von Merz deckt sich bisher nicht mit einer Klarheit im Kurs der Regierung.“ Ein versprochener Stimmungswechsel bis zum Sommer sei bislang nicht eingetreten. „Mangels Alternativen steht nicht der Fortbestand der Koalition in Zweifel, aber deren Leistungsfähigkeit“, glaubt Hillje.

„Herbst der Reformen“: Fachleute sind skeptisch – wird Merz zum „Ankündigungskanzler“?

Auch Schroeder sieht „keine Basis“ für große Reformsprünge. Ein Grund: „Die Union ist durch diese verschiedenen Eskapaden der letzten Monate in ihrem Verhältnis zur eigenen Anhängerschaft erheblich angeschlagen.“ Als Grundproblem identifiziert er dabei den Wahlkampf der Union: „Die Ursünde für die Koalitionsstabilität liegt in dem Wahlbetrug der Union, die im Wahlkampf mehr oder weniger stark darauf insistiert hat, dass keine Reform der Schuldenbremse notwendig ist.“ Diese Position habe man „von einem auf den anderen Tag zur Seite geschoben“ und die sozialdemokratische Position übernommen. „Das ist natürlich ein Affront für die eigene Wählerschaft, für die eigenen Anhänger“, erklärt der Politologe. Die Bereitschaft zur Loyalität sei dadurch „stark unter Druck“.

Merz agiere nach wie vor „ein Stück weit als Oppositionspolitiker“, beobachtet der Politikwissenschaftler. Während ein Regierungspolitiker für gewöhnlich vom Ende her denkt, entscheide sich Merz in der Güterabwägung zwischen „Propagandist und jemandem, der zu wenig Druck auf die Veränderung der Verhältnisse gibt, für den Propagandisten“. Damit laufe Merz Gefahr, zum „Ankündigungskanzler“ zu werden.

Politikbeobachter Johannes Hillje beobachtet zudem eine weitere Veränderung im Auftreten des Kanzlers, die neues Konfliktpotenzial berge: „Bei Merz deutet sich dieser Tage ein Kurswechsel im Umgang mit der SPD an.“ Auf dem Parteitag am Wochenende hatte sich Merz etwa mit deutlicher Kritik an den Koalitionspartner gewandt.

Mit Blick auf von ihm angekündigte harte Reformen des Sozialstaats erklärte der Kanzler: „Ich werde mich durch Worte wie Sozialabbau und Kahlschlag und was da alles kommt, nicht irritieren lassen.“ Er mache es den Sozialdemokraten bewusst nicht leicht. „In den ersten Monaten hat Merz Rücksicht auf die angeschlagenen SPD genommen, nun scheint er stärker auf Konfrontationskurs zu gehen. Darin liegt die Gefahr neuer Konflikte innerhalb der Koalition“, glaubt Hillje.

Klausurtagung: Merz-Regierung „muss sich zur gemeinsamen Handlungsfähigkeit zusammenraufen“

Noch bleibt unklar, wie die teils gegensätzlichen Positionen von Union und SPD bei den von der Regierung angekündigten Reformprojekten zusammenkommen sollen. „Die Anforderung an diese Koalition ist eine nachvollziehbare Konfliktfähigkeit und eine nachvollziehbare Kompromissfähigkeit“, fasst Schroeder zusammen. Ob die angekündigte Klausurtagung neue Impulse bringen kann, bleibt fraglich. Zwei Tage reichen nicht für grundlegende Lösungen, können aber „so eine Art Roadmap“ schaffen, glaubt der Politikwissenschaftler: „Weil es keine gemeinsamen Konzepte gibt, muss man sich jetzt über nachvollziehbare Konflikte zur gemeinsamen Handlungsfähigkeit zusammenraufen.“ (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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