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„Ursünde für die Koalitionsstabilität“

Loyalitäts-Check im Sozialstreit: Kann Spahn Merz noch helfen? Experte sieht „Gefahr“ für den Kanzler

In der Koalition scheint es beim Thema Vertrauen Nachholbedarf zu geben. Angeschlagen ist dabei auch Spahn, urteilen Fachleute – für Merz eine paradoxe Situation.

Berlin – Zuletzt hat die schwarz-rote Koalition besonders mit Unstimmigkeiten von sich reden gemacht; einige Erfolge der ersten 100 Tage werden damit in den Hintergrund gerückt. Öffentlich streiten Union und SPD aktuell vor allem über den Kurs in der Steuer- und Sozialpolitik. Das Hauptproblem: Die Ausgaben des Bundes und der Sozialversicherungen wachsen immer weiter und übersteigen die Einnahmen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich auf einem Parteitag der CDU Niedersachsen unzufrieden.

Merz-Kabinett: Neue Namen, alte Bekannte – die Komplette Liste in Bildern

Friedrich Merz
Das Kabinett Merz ist die seit dem 6. Mai 2025 amtierende Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Friedrich Merz. Es handelt sich um die fünfte schwarz-rote Koalitionsregierung und die 17. Regierung unter Führung der Unionsparteien auf Bundesebene. © Michael Kappeler/dpa
Nina Warken
Nina Warken hat bereits Geschichte geschrieben: Als erste Frau wurde sie im Juli 2026 Chefin des Bundeskanzleramtes. Die bisherige Bundesgesundheitsministerin übernahm das Amt von Thorsten Frei – und damit die zentrale Koordinationsstelle der Regierungsarbeit.  © Christoph Soeder/dpa
Linnemann
Im Zuge des Personalumbaus hat der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Juli 2026 das Gesundheitsressort übernommen. Allerdings hat er vorab selbst Zweifel gesät, dass er wirklich der richtige Mann für den Job ist. Er wäre nach der Regierungsübernahme durch Merz gerne Arbeitsminister geworden, musste das Ressort aber der SPD überlassen. Dem Sender Phoenix hatte er im Mai 2025 zum Interesse an anderen Kabinettsposten gesagt, es sei nicht „sein Ding“, nur Minister zu sein, damit das irgendwo in Wikipedia stehe. „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.“  © Christoph Soeder/dpa
Steffen Bilger
Ebenfalls neu im Kabinett ist der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Er gilt als fachlich geeignet, ist sehr gut vernetzt, arbeitete in der schwarz-roten Koalition bislang aber vor allem im Hintergrund. Der gelernte Rechtsanwalt stammt aus Baden-Württemberg und ist ausgewiesener Verkehrsexperte: Er saß schon als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2013 im Verkehrsausschuss. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wiederwahl von Angela Merkel (CDU) 2017 war er als Vertreter der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur beteiligt. 2018 wurde er dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium. © Marijan Murat/dpa
Sommerfest der SPD im Landkreis Verden
Und sonst? Lars Klingbeil ist als Vizekanzler weiter der zweite starke Mann in der Regierung Merz. Eigentlich brennt er für die Außenpolitik und geprägt durch den familiären Hintergrund als Soldatensohn am Heeresstandort Munster für Verteidigung. Jetzt steht er dem Finanzressort vor. Für Klingbeil, der im konservativen SPD-Flügel zuhause ist, könnte es das Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur 2029 sein - auch wenn manchen in der Partei aufstößt, mit welcher Skrupellosigkeit er sich zuletzt seine Macht sicherte. © Focke Strangmann/dpa
Alexander Dobrindt
Innenminister ist Alexander Dobrindt. Der bisherige Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag galt schon seit Wochen als gesetzt für den Posten, auf dem er die von der Union verlangte „Migrationswende“ umsetzen soll. Dobrindt war von 2009 bis 2013 CSU-Generalsekretär, danach vier Jahre Bundesverkehrsminister. Als CSU-Landesgruppenchef galt er als wesentlicher Faktor für die relativ geräuschlose Zusammenarbeit von CSU-Chef Markus Söder und Merz. © Sebastian Gollnow/dpa
Außenminister Wadephul bei der UN
Auswärtiges Amt: Johann Wadephul. Erstmals seit fast 60 Jahren führt die CDU wieder das Außenamt. Den Posten hat Merz, der im Kanzleramt maßgeblich auch die Außenpolitik mitgestalten will, nun an einen Fachpolitiker aus dem Bundestag vergeben. Wadephul kommt aus Schleswig-Holstein und ist bisher als stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Er gilt als international gut vernetzt und war in den vergangenen Wochen bereits in Paris, London und Warschau, um sich mit den dortigen Außenministern zu treffen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsminister Pistorius besucht Objektschutzregiment
Verteidigungsminister Boris Pistorius war für die SPD gesetzt – schließlich ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Als er im November 2023 „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ für die Bundeswehr ausrief, legte der Niedersachse die Latte hoch. Seit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse kann er sich über mangelnde Finanzierung nicht mehr beschweren. Der Jurist wurde in Osnabrück geboren, er arbeitete in mehreren niedersächsischen Regierungsstellen und war von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt („das schönste Amt der Welt“). In den zehn folgenden Jahren war er Innenminister von Niedersachsen. 2023 übernahm er das Verteidigungsministerium von Christine Lambrecht und gewann in kurzer Zeit die Anerkennung der Truppe und der Verbündeten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu Energiekosten
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie ist Katherina Reiche. Lange galt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als wahrscheinlicher Minister – doch der sagte ab und blieb auf seinem Posten an der Spitze der Parteizentrale. Merz entschied sich dann für die frühere Umwelt- und Verkehrsstaatssekretärin Reiche aus Brandenburg. Sie ist seit vielen Jahren in der Wirtschaft und war von 2015 bis 2019 zunächst Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär. Die stellvertretende CSU-Vorsitzende war schon von 2018 bis 2021 als Staatsministerin für Digitales im Kabinett von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Bär kam 2002 zusammen mit vielen anderen jungen Christsozialen während der Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber erstmals in den Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen das deutschlandweit höchste Ergebnis. © Heiko Becker/Imago
Aktionsplan Steuer- und Finanzkriminalität
Justiz: Stefanie Hubig. Die SPD-Politikerin begann 2000 im Bundesjustizministerium und stieg zur Referatsleiterin auf. 2008 ging sie nach Mainz: Erst in die Staatskanzlei, 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung Strafrecht im Justizministerium. Hubig wurde 2014 Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Justizminister war damals ihr Parteikollege Heiko Maas. Beide gerieten mit dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range aneinander: Dabei ging es um später eingestellte Ermittlungen gegen zwei Blogger von Netzpolitik.org wegen Landesverrats. © Michael Kappeler/dpa
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Karin Prien – Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Die in Amsterdam geborene Prien arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsanwältin im Bereich Wirtschafts- und Insolvenzrecht, engagierte sich aber auch früh in der Hamburger Lokalpolitik. 2011 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt, bevor sie nach Schleswig-Holstein wechselte. Im „Zukunftsteam“ des gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet war sie 2021 gleichfalls für den Bereich Bildung zuständig. © Jens Schicke/Imago
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bodenständig, geradlinig, klar: Als Bundestagspräsidentin hat sich Bärbel Bas einen guten Ruf erworben. Zuvor war die Duisburgerin einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie sitzt seit 2009 im Bundestag und kümmerte sich unter anderem um Gesundheitspolitik. Ihre unkomplizierte Art mag mit der Herkunft zu tun haben: Die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales wuchs als zweitälteste von sechs Geschwistern in materiell einfachen Verhältnissen auf. Spielen, so erzählte Bas später, musste sie als Kind draußen, weil im Kinderzimmer zu wenig Platz war. © Imago
Pressekonferenz Wildberger und Warken
Digitalisierung und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger. Merz hat ganz früh angekündigt, dass er einen Experten aus der Wirtschaft mit dem neu geschaffenen Ressort betrauen will. Nun soll der Chef der Holding der Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn den Posten übernehmen. Der promovierte Physiker Wildberger war von 2016 bis 2021 Vorstand der Holding des Energiekonzerns Eon und davor unter anderem in Managementpositionen bei den Telekom-Konzernen Vodafone und Deutsche Telekom. © Soeren Stache/dpa
Fortsetzung der Sommerreise von Bundesumweltminister
Umwelt und Klimaschutz: Carsten Schneider war in der Ampel-Regierung von Olaf Scholz Staatsminister und Beauftragter für Ostdeutschland. Damit war er eine der profiliertesten Stimmen dieser Region und sollte vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern sorgen. Schneider stammt aus Erfurt und sitzt bereits seit 1998 im Bundestag. Dort war er unter anderem Haushaltspolitiker, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Der 49 Jahre alte Bankkaufmann gilt als pragmatisch, erfahren und vielseitig einsetzbar.  © Stefan Sauer/dpa
90. Grüne Woche Berlin - Eröffnungstag
Ernährung, Landwirtschaft und Heimat: Alois Rainer. Nach dem Rückzug des zunächst vorgesehenen bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner ist der Niederbayer zum Zug kommen. Der 60 Jahre alte Metzgermeister sitzt seit 2013 im Bundestag. Schon sein gleichnamiger Vater saß 18 Jahre im Bundestag, seine Schwester ist die ehemalige Bundesbau- und Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt. © Sebastian Gollnow/dpa
Reem Alabali-Radovan
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Reem Alabali-Radovan hat eine steile politische Laufbahn hingelegt. Zuletzt war sie Integrationsbeauftragte der Ampel-Regierung. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter der Schwerinerin. Geboren wurde Alabali-Radovan 1990 in Moskau. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie, die vor den politischen Verhältnissen im Irak floh, nach Mecklenburg-Vorpommern. Als Integrationsbeauftragte setzte sie sich unter anderem gegen Racial Profiling ein, also die verdachtsunabhängige polizeiliche Kontrolle von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe und anderen ethnischen oder religiösen Merkmalen. Alabali-Radovan ist verheiratet mit dem Profiboxer Denis Radovan und bekam 2023 eine Tochter.  © Katharina Kausche/dpa
Verena Hubertz
Die neue Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist eine politische Senkrechtstarterin: Verena Hubertz ist seit 2021 Bundestagsabgeordnete und wurde direkt stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, zuständig unter anderem für Wirtschaft, Klimaschutz und Energie, Bauen und Wohnen. Oft führte sie in der Ampel-Koalition Verhandlungen mit Politikern von Grünen und FDP, wenn es um strittige Fragen ging. Laute Töne sind nicht ihr Fall. Die Triererin und Betriebswirtin hat eine für Politiker eher ungewöhnliche Biografie. 2013 gründete sie mit einer Studienkollegin das Küchen-Start-up Kitchen Stories. Die Idee: in Videos und Schritt für Schritt zu zeigen, wie einfach Kochen sein kann.  © Kay Nietfeld/dpa
Patrick Schnieder
Bis Juli 2026 war Patrick Schnieder Bundesminister für Verkehr. Verkehr. Merz hat ihn entlassen, weil er mit seiner Amtsführung unzufrieden war – besonders bei den Dauerkrisenherden Schienennetz und Infrastruktur. Die Entlassung Schnieders nach nur gut einem Jahr im Amt stieß in der CDU teilweise auf heftige Kritik. © Sven Kaeuler/dpa
Jens Spahn
Auslöser für den Kabinettsumbau im Juli 2026 war der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef. Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz nahm den Wechsel an der Fraktionsspitze zum Anlass, die CDU in Regierung und Partei neu aufzustellen. © Michael Kappeler/dpa
Thorsten Frei
Umbau auch in der Union: Thorsten Frei übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag. Er war bisher Kanzleramtsminister. Frei steht für eine unverwüstlich wirkende Freundlichkeit, gepaart mit geduldiger Erklärlust. Trotz seiner nach außen getragenen Sanftmütigkeit steht wr inhaltlich für Härte. Die innere Sicherheit und die Begrenzung der Migration zählen zu den Kernthemen des Innenexperten, der als Sohn eines Polizisten in Südbaden aufgewachsen ist. © Michael Kappeler/dpa
Franziska Hoppermann
Für Linnemann wurde Franziska Hoppermann als CDU-Generalsekretärin ins Amt gewählt. Die bisherige Bundesschatzmeisterin gilt als arbeitnehmernah und hat ein starkes Profil in der Frauen Union.  © Christoph Soeder/dpa
Philipp Amthor
Philipp Amthor bekam eine Schlüsselrolle bei der föderalen Zusammenarbeit. Er wurde von Merz zum neuen Staatsminister im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen ernannt, der bisherige Amtsinhaber Michael Meister musste gehen. Amthor war bisher parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium. © Christoph Soeder/dpa
Christiane Schenderlein
Christiane Schenderlein wird Nachfolgerin von Tino Sorge als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Sie war bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt.  © Kay Nietfeld/dpa
Wolfram Weimer
Er bleibt Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer. Er will aber nur für eine Legislaturperiode im Amt bleiben. 2003 war er Gründer des Berliner Magazins „Cicero“, das er bis 2010 leitete. Zuvor arbeitete er als Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie bei den Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Nach „Cicero“ war er bis 2012 Chefredakteur des Magazins „Focus“. Anschließend gründete Weimer gemeinsam mit seiner Frau, der früheren „FAZ“-Journalistin Christiane Götz-Weimer, die Weimer Media Group. © Georg Wendt/dpa

Die Kommunikation müsse besser werden, erklärte der Kanzler: SPD und Union sollten nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Miteinander soll nun am Donnerstag und Freitag (28. und 29. August) gesprochen werden: Bei einer Klausurtagung in Würzburg kommen die geschäftsführenden Fraktionsvorstände beider Koalitionspartner zusammen. Auf der Agenda: Arbeitspläne für den Herbst. Einen „Herbst der Reformen“ haben Union und SPD angekündigt. Fachleute zweifeln, dass der Kanzler seine Ankündigung in die Tat umsetzen kann und sehen zunächst beim Thema Vertrauen Handlungsbedarf.

Heikle Ausgangslage für den Kanzler: Merz „ist auf Spahn als Binnenkoordinator angewiesen“

„Die Koalition ist im Krach in die Sommerpause gegangen, jetzt geht es um Vertrauensaufbau“, erklärt Politikberater Johannes Hillje gegenüber dem Münchner Merker von Ippen.Media. Das dürfte nicht zuletzt an der geplatzten Richterwahl kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause liegen. Die geplatzte Wahl, erklärt Hillje, „geht auf Spahns Kappe“.

Das Misstrauen gegenüber Spahn sei in der SPD-Fraktion gewachsen. Eine heikle Ausgangslage für den Kanzler: „Als Außenkanzler ist Merz auf Spahn als Binnenkoordinator angewiesen.“ Spahn, so der Experte, „ist in einer Schlüsselrolle für die Funktionsfähigkeit der Koalition“. Sowohl die Kanzlerwahl als auch die Richterwahl hätten jedoch gezeigt, „dass Spahn seine Fraktion bisher nicht im Griff hat“.

Loyalitätscheck im Sozialstreit-Zoff: Kann Unionsfraktionschef Jens Spahn Bundeskanzler Friedrich Merz noch helfen? (Symbolbild)

Paradoxe Situation für Merz: Experte sieht Spahn geschwächt – als „Konkurrent“ und „Kooperationspartner“

„Die vergangenen 100 Tage sind nicht dazu genutzt worden, Vertrauen aufzubauen, sondern Vertrauen ist abgebaut worden“, bilanziert auch Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, im Gespräch mit Ippen.Media. Spahn beschreibt er als „ausgefuchsten Machtpolitiker“. Der Unionsfraktionschef sei ein „Kraftpolitiker“, der „die Gunst der Stunde sucht und den möglicherweise auch kurzfristigen Vorteil.“

Vonseiten der SPD herrsche hohes Misstrauen gegenüber Spahn, „innerhalb der Union auch“, erklärt der Politologe. Für Kanzler Merz ergebe sich eine paradoxe Situation: Durch die Maskenaffäre und gescheiterte Abstimmungen sei Spahn geschwächt, sowohl „als Konkurrent“, als auch „als Kooperationspartner“. Das nehme Merz zwar den Druck eines potenziellen Herausforderers, schaffe aber ein neues Problem: „Diese andere Gefahr heißt, dass er nicht liefert im Sinne seiner Aufgabe als Fraktionsvorsitzender: Integration, Stabilität, Vertrauen und Handlungsfähigkeit sicher zu stärken.“

Sozial-Streit in der Koalition: Wie steht es um die Zusammenarbeit von Spahn und Miersch?

Mit Blick auf Spahn muss auch die Zusammenarbeit mit seinem SPD-Pendant, Fraktionschef Matthias Miersch, funktionieren; zwei scheinbar sehr unterschiedliche Männer: „Auf der einen Seite hat man, mit Miersch, einen gewachsenen Fachpolitiker, der eher introvertiert wirkt“, erklärt Schroeder. „Spahn ist ein Machtpolitiker par excellence, er ist extrovertiert, er geht keinem Konflikt aus dem Weg.“ Doch gerade diese Unterschiedlichkeit könnte funktionieren, glaubt der Politologe: „Es kann durchaus sein, dass sie sich im Prozess zusammenraufen und eine gute Partnerschaft eingehen können.“ 

Schwarz-Rot steht – wie auch schon die Ampel-Regierung – vor großen Herausforderungen, denen Kanzler Merz und Teile der Regierung mit großen Ankündigungen begegnen. „Die Ankündigung vom Herbst der Reformen schürt große Erwartungen, die leichter enttäuscht als erfüllt werden können“, so Politikberater Johannes Hillje: „Die Klarheit in der Sprache von Merz deckt sich bisher nicht mit einer Klarheit im Kurs der Regierung.“ Ein versprochener Stimmungswechsel bis zum Sommer sei bislang nicht eingetreten. „Mangels Alternativen steht nicht der Fortbestand der Koalition in Zweifel, aber deren Leistungsfähigkeit“, glaubt Hillje.

„Herbst der Reformen“: Fachleute sind skeptisch – wird Merz zum „Ankündigungskanzler“?

Auch Schroeder sieht „keine Basis“ für große Reformsprünge. Ein Grund: „Die Union ist durch diese verschiedenen Eskapaden der letzten Monate in ihrem Verhältnis zur eigenen Anhängerschaft erheblich angeschlagen.“ Als Grundproblem identifiziert er dabei den Wahlkampf der Union: „Die Ursünde für die Koalitionsstabilität liegt in dem Wahlbetrug der Union, die im Wahlkampf mehr oder weniger stark darauf insistiert hat, dass keine Reform der Schuldenbremse notwendig ist.“ Diese Position habe man „von einem auf den anderen Tag zur Seite geschoben“ und die sozialdemokratische Position übernommen. „Das ist natürlich ein Affront für die eigene Wählerschaft, für die eigenen Anhänger“, erklärt der Politologe. Die Bereitschaft zur Loyalität sei dadurch „stark unter Druck“.

Merz agiere nach wie vor „ein Stück weit als Oppositionspolitiker“, beobachtet der Politikwissenschaftler. Während ein Regierungspolitiker für gewöhnlich vom Ende her denkt, entscheide sich Merz in der Güterabwägung zwischen „Propagandist und jemandem, der zu wenig Druck auf die Veränderung der Verhältnisse gibt, für den Propagandisten“. Damit laufe Merz Gefahr, zum „Ankündigungskanzler“ zu werden.

Politikbeobachter Johannes Hillje beobachtet zudem eine weitere Veränderung im Auftreten des Kanzlers, die neues Konfliktpotenzial berge: „Bei Merz deutet sich dieser Tage ein Kurswechsel im Umgang mit der SPD an.“ Auf dem Parteitag am Wochenende hatte sich Merz etwa mit deutlicher Kritik an den Koalitionspartner gewandt.

Mit Blick auf von ihm angekündigte harte Reformen des Sozialstaats erklärte der Kanzler: „Ich werde mich durch Worte wie Sozialabbau und Kahlschlag und was da alles kommt, nicht irritieren lassen.“ Er mache es den Sozialdemokraten bewusst nicht leicht. „In den ersten Monaten hat Merz Rücksicht auf die angeschlagenen SPD genommen, nun scheint er stärker auf Konfrontationskurs zu gehen. Darin liegt die Gefahr neuer Konflikte innerhalb der Koalition“, glaubt Hillje.

Klausurtagung: Merz-Regierung „muss sich zur gemeinsamen Handlungsfähigkeit zusammenraufen“

Noch bleibt unklar, wie die teils gegensätzlichen Positionen von Union und SPD bei den von der Regierung angekündigten Reformprojekten zusammenkommen sollen. „Die Anforderung an diese Koalition ist eine nachvollziehbare Konfliktfähigkeit und eine nachvollziehbare Kompromissfähigkeit“, fasst Schroeder zusammen. Ob die angekündigte Klausurtagung neue Impulse bringen kann, bleibt fraglich. Zwei Tage reichen nicht für grundlegende Lösungen, können aber „so eine Art Roadmap“ schaffen, glaubt der Politikwissenschaftler: „Weil es keine gemeinsamen Konzepte gibt, muss man sich jetzt über nachvollziehbare Konflikte zur gemeinsamen Handlungsfähigkeit zusammenraufen.“ (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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